Charles Darwin
Als sich ein Gentleman zum Affen machte

Vor 150 Jahren erschien «Über die Abstammung des Menschen» von Charles Darwin. Es war das Nachfolgewerk seines Bestsellers von 1859 «On the Origin of Species». Dort hatte er seine Theorie der Evolution ausgebreitet. Alle Lebewesen sind durch gemeinsame Abstammung miteinander verwandt, sogenannt «höhere Lebensformen» haben sich aus «niederen» entwickelt. Den Menschen hatte er in seinem ersten Buch nur nebenbei erwähnt. Weil er wusste, dass es so oder so viel Widerspruch geben würde. Am 24. Februar 1871 legte er nach: «Descent of Man» - «Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl».

Christoph Bopp
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Darwins Werk «Über die Abstammung des Menschen» war noch nicht ganz ausgegoren.

Darwins Werk «Über die Abstammung des Menschen» war noch nicht ganz ausgegoren.

Print Collector / Hulton Archive

Die Listenform beweist: Frauen sind dümmer

Wenn man zwei Listen machen würde, eine für die Männer und eine für die Frauen, in denen jeweils die hervorragendsten Leistungen auf kulturellem Gebiet (Dichtung, Malerei, Musik, Geschichte, Philosophie etc.) in fünf bis sechs Namen repräsentiert wären, würden die Listen «keinen Vergleich zulassen», schreibt Charles Darwin in «Descent of Man». Um flugs den Schluss zu ziehen, dass, wenn die Männer den Frauen an der Spitze so über­legen seien, dann müsste auch «der Durchschnitt der geistigen Fähigkeiten in den Männern denen der Frauen überlegen sein».

Wir nehmen zu Gunsten von Charles Darwin an, dass seine haarsträubende Logik entweder der Referenz an seinen Cousin, den Statistiker Francis Galton, geschuldet war oder dann der simplifizierenden Darstellungsform. Darwin war ein exzellenter Beobachter und sonst kein Mann voreiliger Schlüsse.

Nur einen Halbsatz statt eines ganzen Skandals

Charles Darwin, immerhin «Erfinder» der Evolutions­theorie, hätte in der modernen Medienwelt nie einen Job gekriegt, obwohl er einen klaren, gut les­baren Stil schrieb. Er «sah» schlicht die skandalöse Story nicht. In seinem Klassiker von 1859 «Über den Ursprung der Arten» deutete er nur in einem Halbsatz an, worüber sich doch die ganze Leserschaft aufregen würde, dass «Licht fallen ­werden auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte».

Erst Jahre später in «Die Abstammung des Menschen» wagte er seine These auszuformulieren. «Abstammung» war ein Leitbegriff der Überlegungen von ihm und Alfred Russel Wallace (1823–1913) und «natürliche Selektion» der andere. Alle «höheren Lebensformen» haben sich aus «niederen» entwickelt. Auch der Mensch. Die Stammbaumlinie des Menschen – so mysteriös sie in Teilen immer noch ist, – erregt uns heute nicht mehr. Darwin war Biologe genug, um zu sehen, dass die Affen unsere nächsten Verwandten sind. Er sah das vor allem in der Anatomie. Aber Beweise dafür hatte er keine. Einen Neandertal-Schädel von Gibraltar erkannte er 1864 nicht als solchen. Und andere menschlichen Fossilien gab es noch nicht. Wo ist der Vorfahr von Affen und Menschen, das «missing link»? Darwin vermutete, man könnte in Afrika fündig werden. Eine zutreffende, aber damals ziemlich kühne Vermutung.

Den Schöpfer aus der Werkstatt geschubst

Darwins Zurückhaltung in Bezug auf den Menschen war weise. Die Sprengkraft seiner Theorie unterschätzte er nicht. Heute würde man sagen: «Darwin (und Wallace) rockten die Gesellschaft ihrer Zeit.» Immerhin ersetzten sie einen weisen Schöpfergott durch einen blinden Zufallsprozess. Und – vielleicht noch schlimmer – sie stellten sein Meisterstück, den Menschen, auf die gleiche Stufe wie ein zottiges Waldwesen. Das war schwer zu schlucken. Auch für Wallace. Er versuchte zu retten, was nicht zu retten ist: Der Sprung vom Affen-Vorfahr zum Menschen habe doch noch ein zusätzliches Ingrediens: Geist. Aber das menschliche Gehirn gibt es nicht her. Es ist zwar bewundernswert komplex, aber Organisation und Bau zeigen deutlich die tierische Herkunft.

Ein Gentleman seiner Zeit und ein Rassist

«Über die Abstammung des Menschen» war damals ein explosives Buch – und ist es noch heute. Wenn Darwin schrieb, dass er zeigen könne, dass es zwischen den geistigen Fähigkeiten des Menschen und denen der höheren Säugetiere keinen wesentlichen Unterschied gebe, schockte er die Zeitgenossen. Daneben war er ein typischer viktorianischer Gentleman – mit all den Vorurteilen, die er mit ihnen teilte. Dass die europäische weisse Rasse den anderen überlegen sei, war völlig klar. Nach heutigen Vorstellungen war Darwin ein Rassist, schreibt der Anthropologe Agustin Fuentes im Reader über Darwins Buch. Er war überzeugt, dass es menschliche Rassen gibt, die sich voneinander unterscheiden, und dass unter ihnen die europäische, weisse Rasse am zivilisiertesten ist. Mit dem heutigen Kenntnisstand würde Darwin aber anders denken: Er verabscheute die Sklaverei und nannte das imperiale Vorgehen auch seiner Landsleute in Übersee unumwunden einen Genozid.

Darwins Problem mit dem Pfau und dem Sex

Was den Viktorianer Darwin auch schockierte, war das Rad des Pfauenmännchens. Es schien der Selektionstheorie Hohn zu sprechen. Die ganze Show war unnütz, lockte Fressfeinde an und war dem Über­leben gar nicht dienlich. Es lag auf der Hand, der Pfau tat das, um dem Weibchen zu gefallen. Für uns heute kein Problem. Für Darwin schon. Denn es bedeutete, dass das Weibchen in der Partnerwahl das Lead hat. Nicht der starke, überlebensgestählte Mann. So blind – oder sexversessen – müsste der Evolutionsmechanismus dann doch nicht sein.

Jeremy DeSilva/Janet Brwone (ed.): A Most Interesting Problem. What Darwin's Descent of Man Got Right and Wrong About Human Evolution. Princeton University Press 2021.