Interview

«Zu Hause kann man Frust ablassen»: Das sagt Ken Loach zum Kinostart seines neuen Films

Regisseur Ken Loach.

Regisseur Ken Loach.

Für diese sympathische Familie läuft es schlecht: Ken Loachs «Sorry We Missed You», in Cannes im Wettbewerb, startet in unseren Kinos.

Im glamourösen Cannes seine Filme über gewöhnliche Leute vorzustellen, ist für den britischen Regisseur Ken Loach, 83, ein langlebiger Widerspruch. Ein kleiner Preis, den er gerne bezahle, um für weltweite Aufmerksamkeit zu sorgen, schmunzelt er. Während die beeindruckenden Darsteller aus seinem jüngsten Werk «Sorry We Missed You» nebenan fürs Fernsehen interviewt wurden, sprachen Loach und sein Stamm-Drehbuchautor Paul Laverty anlässlich des Festivals locker, aber engagiert über die Veränderungen, mit denen sich die Arbeiter- und Mittelklasse konfrontiert sieht.

Wollten Sie wirklich aufhören nach «I, Daniel Blake»?

Ken Loach: Das kam nach einer blöden Bemerkung, die ich machte, als wir im Nebel in Irland filmten. Ich hatte nasse Füsse, und es war sehr kalt. Das kam aus dem Moment heraus.

Es passiert gerade ziemlich viel in Grossbritannien. Sie könnten noch ewig weiter Filme machen.

Ken Loach: Uns gehen die Geschichten sicher nicht aus. Aber wir nehmen’s, wie’s kommt und schauen jetzt noch nicht über «Sorry We Missed You» hinaus.

Wie kamen Sie auf die Geschichte?

Ken Loach: Als wir «I, Daniel Blake» machten, haben wir auch darüber geredet, wie die Arbeit sich verändert hat. Als Handwerker konntest du dein ganzes Leben in einer Firma oder einer Fabrik arbeiten. Heute sind Jobs für einen grossen Teil der Arbeiterklasse, aber auch für die Mittelklasse, sehr unsicher geworden, da die grossen Firmen versuchen, die Lohnkosten zu senken. Das macht die Angestellten sehr verwundbar.

In «Sorry We Missed You» steht eine Familie im Zentrum. Wieso?

Ken Loach: Paul Laverty hatte die Idee, die Geschichte über die Existenzkämpfe einer Familie zu erzählen. Oft machen die Leute bei der Arbeit gute Miene zum bösen Spiel. Zu Hause aber können sie Dampf ablassen, und es zeigt sich der wahre Charakter der Zwänge, denen sie bei der Arbeit ausgesetzt sind. Die Versagensängste und Schuldgefühle, die man hat, weil man nicht bei den Kindern sein kann, der finanzielle Druck. All das hat Einfluss auf die Beziehungsgeflechte innerhalb einer Familie.

Paul Laverty: Die Arbeit verändert sich direkt vor unseren Augen mit unglaublicher Geschwindigkeit. Vor zehn Jahren, wo war da der Onlinehandel? Heute machen diese Lastwagenfahrer einen Fünftel des Einzelhandels aus, und die Geschäfte verschwinden aus dem Strassenbild. Durch die Vergabe der Lizenz an den Fahrer, der auch Besitzer des Fahrzeugs ist, wälzt die Firma die ganze Verantwortung und das Risiko auf den Fahrer über.

Rickys Ehefrau Abbie arbeitet in der Alterspflege. Auf ihr lastet nicht weniger Druck.

Paul Laverty: Die Alten werden immer älter. Die Pflege ist mit extremen Kosten verbunden und wird dezentralisiert. Die Leute, die in der Pflege arbeiten, bekommen keine Fahrkosten und Reisezeit vergütet und erhalten gerade mal zwei Pfund fünfzig für einen Besuch von fünfzehn Minuten.

Sie setzen wiederum auf unbekannte Darsteller, die unglaublich viel Empathie in ihre Rollen legen. Wie erreichen sie das?

Paul Laverty: Damit sie glaubwürdig sind und einem etwas an ihnen liegt, müssen sie die Vergangenheit ihrer Figuren kennen. Ricky und Abbie träumen schon lange vom eigenen Heim, die Finanzkrise 2007 hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt geht fast das gesamte Geld für die Miete drauf. Das wollen sie ändern.

Im Unterschied zu Ihrem letzten Film «I, Daniel Blake» verzichten Sie fast gänzlich auf Humor. Alles erscheint so aussichtslos.

Ken Loach: In kleinen Szenen ist er schon da, aber übers Ganze gesehen haben Sie recht. Es gibt da etwa diesen Fussballwitz, aber der richtet sich vielleicht mehr an Männer. (lacht)

Drehbuchautor Paul Laverty.

Drehbuchautor Paul Laverty.

Paul Laverty: Auch das Ende von «I, Daniel Blake» ist nicht gerade fröhlich. Aber das entscheidet man nicht im Voraus. Ein Happy End wäre ein Verrat an der Geschichte dieser Familie gewesen. Wir haben viele freiberufliche Kuriere kennen gelernt, die komplett in ihrem Vertrag gefangen waren und deren Geschichte übel endete.

Mit Rickys Chef Maloney haben Sie einen Bösewicht geschaffen. Ist er selbst nicht auch ein Opfer des Systems?

Paul Laverty: Er sollte bestimmt nicht einfach den «Bad Cop» darstellen. In Maloneys Position steckt eine gewisse Logik. Er lebt in einer brutalen Welt, aber er versteht das Wirtschaftssystem und ein bisschen was von Management. Wenn er sagt, ich muss einen Schutzschild über dieses Depot bauen, um die Familien der Fahrer zu schützen und die Verträge am Laufen zu halten, dann meint er das ernst. Er ist auch innerhalb seiner eigenen Realität gefangen und kaum persönlich für die Probleme der Fahrer verantwortlich.

Sie zeigen, dass es oft die Frau und Mutter ist, welche die Hauptverantwortung für die Kinder und den Haushalt übernimmt. Wieso haben Sie nicht auf Abbie als Hauptfigur fokussiert?

Ken Loach: Wir haben das Gefühl, das Verhältnis ist ausgewogen, nicht?

Die Geschichte fängt mit Ricky an und hört mit ihm auf.

Paul Laverty: Für mich ist Abbie das Herz des Films. Man spürt, in welchem Spannungsfeld sie sich befindet. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht zu Hause bei den Kindern ist. Und gleichzeitig hält sie daran fest, die alten Leute, um die sie sich kümmert, wie ihre eigene Mutter zu behandeln.

Sind schlechte Zeiten gute Zeiten, um Ihre Filme zu machen?

Ken Loach: Wie hart und brutal es für viele Leute ist, starrt dir förmlich in Gesicht, wenn du durch die Strassen gehst. Was Paul und ich mit unseren Filmen versuchen, ist, diese Vorgänge anhand von konkreten menschlichen Schicksalen sichtbar zu machen. Anhand von Figuren, mit denen man lachen und weinen kann. Es ist schwierig, dabei nicht immer einen politischen Standpunkt einzunehmen, sondern einfach deren Geschichte zu folgen. Wir haben das grosse Glück, Filme ohne Stars über gewöhnliche Leute machen zu können. Junge Filmemacher haben es schwer, damit Leute ins Kino zu holen.

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