Klassik
Wolfgang Amadeus Paganini aus Boswil

Am Boswiler Sommer nimmt man es ernst mit der Heiterkeit – das Motto ist «Sans Souci»

Anna Kardos
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Liess in den Kadenzen ein Feuerwerk an geigerischen Kunststücken explodieren: der 26-jährige Jonian Ilias Kadesha. ho

Liess in den Kadenzen ein Feuerwerk an geigerischen Kunststücken explodieren: der 26-jährige Jonian Ilias Kadesha. ho

Kennen Sie Wolfgang Amadeus Paganini? Man mag einwenden, einen solchen Komponisten habe es nie gegeben, aber dann war man am Samstag sicher nicht am Boswiler Sommer gewesen. Das Motto des Musikfestivals ist heuer «Sans Souci». Und am Eröffnungstag nahmen es die Musiker mit der Heiterkeit durchaus ernst. So passierte es, dass Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert in G-Dur unter den Händen des 26-jährigen Geigers Jonian Ilias Kadesha zu einem Konzert von Wolfgang Amadeus Paganini wurde.

Wie das? In den Kadenzen (Abschnitten, wo der Solist im Alleingang sein Können zeigt) liess Kadesha ein Feuerwerk an geigerischen Kunststücken explodieren, die Musik ausscheren ins Jazzige oder Folkige. Als ob er denken würde: warum artig, wenn es auch einzigartig geht? Doch damit nicht genug. Wolfgangs Geigenmelodien rückte er mit ungewohnten Betonungen in neues Licht, den Klang drehte er ins Luftig-Leichte und den Geigenbogen liess er auch mal hüpfen – Ricochet nennt sich die geigerische Artistik, welche seinerzeit schon Paganini geliebt und genutzt hatte. Im langsamen Satz gelang Jonian Ilias Kadesha dann ein kleines Wunder von Boswil: Indem er auf seinem Instrument regelrecht sang – aber ganz ohne Einsatz von Vibrato. Dass allerdings die schnellen Notenwerte seiner Stimme zu Anfang des Stücks unter den Tisch fielen, schien ihn nicht zu kümmern. Ebenso wenig, dass er mit seinem sehr leichten Klang gegenüber dem Orchester das Nachsehen hatte.

Strahlender Mozart

Denn in diesem Werk wären auch die Orchestermusiker fast schon als Paganinis durchgegangen. So schön war, was sie aus diesem Klassiker machten: Strahlend die Farben, satt der Sound, die Stimmen perfekt ausdifferenziert und dabei stets mit an Bord: Spielfreude hoch zwei. Und damit einhergehend: Hörfreude pur. Dies, nachdem in der vorangegangenen «Idylle», einem wenig bekannten Orchesterstück von Leoš Janáček, zunächst vor allem die Celli und Bratschen geglänzt hatten, während die Geigen sich bei aller individuellen Kunst in Sachen Zusammenspiel nicht ganz einig wurden.

Dabei hätten sie mit Dirigent Gábor Takács-Nagy in Sachen Geige einen Experten an ihrer Seite gehabt. Der in Genf lebende Dirigent und das Ensemble Chaarts hatten sich am Boswiler Sommer vor einem Jahr kennen gelernt. Dieses Jahr wird die gemeinsame Arbeit fortgesetzt – zunächst in Boswil, dann aber auch an vielen anderen Orten, wo Chaarts auftritt. Denn ab kommender Saison wird Gábor Takács-Nagy das Ensemble als Primarius unterstützen.

Normalerweise bezeichnet dieser Begriff den ersten Geiger in einem Streichquartett, was insofern passt, als der Ungar jahrzehntelang Primarius eines von ihm gegründeten Quartetts war. Chaarts und er haben die aussergewöhnliche Bezeichnung jedoch aus einem anderen Grund gewählt. Denn: «Chaarts sind kein herkömmliches Orchester, das einen Taktschläger braucht», meint dessen künstlerischer Leiter Andreas Fleck. Ganz ähnlich tönt es vonseiten Takács-Nagys: «Das sind grossartige Musiker. Deshalb unterstütze ich sie mehr, als dass ich sie dirigiere. Ich stärke ihr Selbstbewusstsein, helfe bei Schwierigkeiten und sorge dafür, dass die Luftverhältnisse ideal sind, damit sie sich entfalten können.»

Dies tut der 62-Jährige mit vollem Körpereinsatz und einer fast kindlichen Freude. Im Gespräch vor dem Konzert verriet er der «Nordwestschweiz»: «In fast jeder Sprache nennt man Musikmachen auch ‹Spielen›. Mit gutem Grund: Musik hat die Fähigkeit, uns Menschen aus unseren Alltagssorgen herauszuholen.»

Das allerdings war ihm und den Musikern bereits mit dem allerersten Werk des Abends gelungen. Dank auch an Leopold Mozart (Vater von Wolfgang Amadeus). Hatte er doch mit seiner «Sinfonia pastorella», einem Konzert mit Solo-Alphorn, seinerzeit eine denkbar gute Ausgangslage für Heiterkeit geschaffen. Denn aus dem Kontext der Alpen in jenen eines virtuosen Konzertes überführt, sorgte das Corno pastoricio (eine seltene Kurzform des Alphorns) an sich für musikalischen Humor. Wenn auch seine rund sechs Tonhöhen, die bei Mozart vorkommen, denkbar virtuos gespielt wurden vom Russen Arkady Shilkloper. Was sonst noch in den Laufmetern der Horns dringesteckt hätte, stellte Shilkloper in einer von ihm hinzukomponierten Coda unter Beweis. Hier blies er einen Aufstieg in den Raum, der dem berühmten Anfang von Gershwins «Rhapsody in Blue» förmlich den Rang ablief. «Spirituelle Medizin», hatte Takács-Nagy die Wirkung von Musik genannt. Und diese Medizin, die ging runter wie Öl.

Boswiler Sommer: Alte Kirche Boswil, bis 8. Juli. www.kuenstlerhausboswil.ch