Interview
Intimität statt Spektakel - Walter Küng lanciert mit «Wilhelmina» das Nachfolgeprojekt der «Oper Schloss Hallwyl»

Im August startet das Nachfolgeprojekt der «Oper Schloss Hallwyl». Das neue «Wilhelmina» soll ein intimes Fest von und für die Region werden. Der künstlerische Leiter Walter Küng erzählt, wie das gelingen soll.

Anna Raymann
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Walter Küng gründet mit «Wilhelmina - Fest der Künste» das Nachfolgeprojekt der «Oper Schloss Hallwyl».

Walter Küng gründet mit «Wilhelmina - Fest der Künste» das Nachfolgeprojekt der «Oper Schloss Hallwyl».

Severin Bigler / ©

Das Schloss Hallwyl ist eine prächtige Kulisse. Seit 2003 war es das in erster Linie für die «Oper Schloss Hallwyl». Unter freiem Himmel lockten Produktionen wie «Il Barbiere di Siviglia» im Dreijahresrhythmus mehrere tausend Gäste zum romantischen Wasserschloss. 2018 wurde dem Opernspektakel jedoch der Stecker gezogen: Das Publikum wurde kleiner, ebenso die Fördergelder − bis Swisslos die Unterstützung ganz strich. Auf Kultur will die Region aber nicht verzichten. Regionaler sollte es werden. Nun lanciert Walter Küng «Wilhelmina – das Fest der Künste», das den Hallwilersee den ganzen August bespielen wird. Im Interview erzählt er von seinem Vorhaben.

Sie sind der neue künstlerische Leiter für die Open-Air-Veranstaltung – haben Sie sich gut eingelebt auf dem Schloss Hallwyl?

Walter Küng: Ich erinnere mich noch gut an eine feuchtfröhliche Hochzeit auf dem Schloss Hallwyl, an die unvergleichliche Stimmung, ich war damals siebzehnjährig und als Sänger mit einem Chor dabei. Wenn jetzt abends die Besucher gegangen sind, staune ich erneut über die schöne Umgebung. Es ist ein erhabenes Gefühl, mit der Arbeit an diesem Ort zu Hause sein zu dürfen.

Das «Wilhelmina – Fest der Künste» ist das Nachfolgeprojekt der «Oper Schloss Hallwyl». Wie nahe stehen sich die Projekte?

Sie sind grundsätzlich verschieden. Auf struktureller Ebene sind wir neu aufgestellt. Vom Argovia Philharmonic haben wir uns organisatorisch getrennt, um die ersten Schritte allein zu machen. Aber mit den Musikerinnen und Musikern arbeiten wir weiter eng zusammen, ihr Konzertmeister, Ulrich Poschner ist auch beim «Wilhelmina» musikalischer Berater.

Anders gefragt: Der Name ist neu, die Partner zum Teil ebenso, es kommen Spielorte hinzu – wird mit Wilhelmina alles anders?

Wir ändern den Rhythmus und finden jährlich statt. Künstlerisch wird es umfassender und geht über das Musiktheater, sprich die Oper hinaus. Es wird musikalische, szenische, Programme für Kinder und Ausstellungen geben – darum heisst es auch «Fest der Künste». Zudem beziehen wir den gesamten Hallwilersee als Spielort und die Bevölkerung mit in das Projekt ein.

Und was bleibt ob all dieser Veränderungen den Fans der «Oper Schloss Hallwyl» erhalten?

Das Schloss Hallwyl bleibt erhalten! Wir machen eine kleine Opéra bouffe für vier Stimmen. Das ist opernhaft, wird das Format aber auch brechen. Es wird keine grosse Tribüne geben, stattdessen wird das Schloss zum szenografischen Bild. Musikalisch und szenisch stellen wir hier eine witzige Geschichte auf die Beine.

Ich habe da das Schlagwort «opernhaft» gehört. Die klassische Oper wird es also nicht mehr geben?

Nein. Mein künstlerischer Ethos ist es, verschiedene Künste zusammenzubringen, um eine produktive Reibung zu erzeugen. Wir wollen nicht die klassischen Wege gehen.

Warum haben Sie sich also gegen die Oper entschieden?

Ich habe mich oft gefragt, ob die Open-Air-Oper hier das richtige Format ist. Sie muss sich mit den Opernhäusern der Umgebung messen, die mit ganz anderen Mitteln arbeiten können. Dadurch hinkt sie zwangsläufig hinterher. Nein, Opern kann man in dieser Region in Basel, in Bern, Luzern und in Zürich besuchen. Die haben das Geld und können leisten, was man von einer Oper erwartet: grosse Kulissen, grosse Sängerinnen und Sänger und grosse Orchester. Das müssen wir nicht nachahmen, stattdessen wollen wir mit unserem interdisziplinären Ansatz diesen Erwartungen aus dem Weg gehen.

Küng kennt man von internationalen Bühnen: Er spielte an Theatern in der Schweiz, in Österreich und Deutschland und trat in zahlreichen Filmen auf. Mit der Region bleibt Küng verbunden: In Baden lebt er und inszeniert Projekt «Hotel offen» und «Auf der Suche nach dem Paradies». Acht Jahre bestimmte er im Aargauer Kuratorium als Vorsitzender des Fachbereichs Theater und Tanz das kulturelle Geschehen im Kanton mit. 2019 trat er von diesem Posten zurück.

Sie sprechen von «unterschiedlichen Projekten und Handschriften»: Worin liegen nun die künstlerischen Schwerpunkte?

Die Musik ist der rote Faden im Programm – allerdings in unterschiedlichen Formaten. Musik, die sich bewegt. In der Opéra bouffe etwa spielt das Harmonium statt die Streicher. Das gibt dem Ganzen einen fast verfremdenden Klang, beinahe Tingeltangel-Musik. Weiter spielt das Jugend-Sinfonieorchester Aargau ein Pop-up-Konzert. Ebenso interessante Produktionen mit Solomusikerinnen und Solomusikern des Argovia Philharmonic.

Was macht das Programm dieser ersten Festivalausgabe nun aus?

Es ist geprägt von niederschwelligen Angeboten. Es gibt ein Programm für Kinder. Eine Theaterpädagogin arbeitet über eine Woche mit ihnen daran, einmal Prinzessin, einmal Prinz zu sein. Oder die Schifffahrt «der Adel besucht seine Untertanen», wo die Familie von Hallwyl die Gäste auf eine Schifffahrt einlädt. An jeder Landestelle gibt es eine musikalische Begrüssung mit einem Lokalpolitiker. Es werden Geschichten erzählt.

Die Interdisziplinarität wird hochgehalten. Wie zerfällt das Fest nicht in seine Bestandteile?

Der Genius Loci an unseren Spielorten ist bereits die halbe Miete: Sie sind besonders, sie sind schön und geben den Veranstaltungen einen Mehrwert. Die Ausgabe trägt den Übertitel «Adel». Den spürt man auf der Schifffahrt, bei der höfischen Musik, man spürt ihn in der Matinee im Frauenbad, wo Texte von der namensgebenden Wilhelmina gelesen werden. In ihnen werden die Ängste und Nöte einer adligen Frau überraschend normal. In der Opéra bouffe ist es mehr ein Augenzwinkern über die Verlogenheit dieser gehobenen Schicht.

Das Wilhelmina ist bereits für die kommenden drei Jahre vorgeplant. Die Ausgaben Tragen die Titel «Adel, Natur und Wirtschaft»: Sind das Begriffe, die man als Publikumsmagnet bezeichnen kann?

Letztlich ist es nicht der Titel, der das Publikum anzieht, sondern die künstlerischen Veranstaltungen. Die Grundidee von «Wilhelmina» ist es, den Hallwilersee, die Menschen und ihre Geschichten in den Fokus zu rücken. Und damit kommt man natürlich schnell auf den Adel und die Natur – die Region ist ein Naturereignis! Und dann stellt sich eben die Frage, ob es eine Provinz ist, mit vergangener Industriegeschichte. Oder ob es auch aufkeimende Sprösslinge gibt. Natürlich wären auch andere Themen möglich.

Sie sagen, es geht um die Menschen und ihre Geschichten. Wie äussert sich das?

Es ist keine Veranstaltung, die von Ort «X» ein paar Wochen einfällt und dann wieder verschwindet. «Wilhelmina» ist ein partizipatives Fest, wir beziehen die Leute bereits in den Vorbereitungen mit ein, zum Beispiel als Helfer oder als Laienschauspielerinnen für die einzelnen Produktionen. Es soll ein Fest nicht nur für sie, sondern auch von ihnen sein. Man soll sich untereinander kennen und wiedererkennen. Ich wünsche mir, dass das Publikum, aber auch die Künstler über diese drei ersten Ausgaben zu einer «Wilhelmina-Familie» werden.

Wie sind Ihnen die Menschen in den Hallwilseegemeinden bisher begegnet?

Die Gespräche mit den Gemeinderätinnen und Gemeinderäten haben gezeigt: Man ist stolz, dass so ein Projekt rund um den Hallwilersee stattfindet. Sie sind froh, dass es für die Oper Hallwyl weitergeht – in anderer Form zwar, dafür aber mit ihnen zusammen. Das äussert sich in finanziellen Unterstützungen und eben in freiwilliger Mitarbeit.

Sie waren selbst beim Aargauer Kuratorium, sind im Kanton und darüber hinaus gut vernetzt. Inwiefern ist es auch Ihr persönliches Netzwerk, das zum Gelingen des Projekts beiträgt?

Das hilft! Ich kenne viele Menschen, sei es aus künstlerischen Bereichen, sei es aus Politik und Wirtschaft. Aber es steckt auch viel Arbeit dahinter, diese Finanzierungen zusammenzubekommen. Doch wir sind auf einem guten Weg. Dank dem Swisslos, unseren Goldsponsoren der Hypothekarbank Lenzburg, und Volkswagen Financial Service sowie vielen anderen Sponsoren und privaten Unterstützer*innen stehen wir bei einer guten Finanzierung.

In den Hochzeiten hatte die Oper Hallwyl über 10000 Besucherinnen. Sie rechnen für diese erste Ausgabe mit 2500 Zuschauern. Warum so bescheiden?

Die Bescheidenheit hat sicher auch mit der aktuellen Coronasituation zu tun. Über der ganzen Planung hing das Damoklesschwert: Können wir das wirklich machen? Wie viele Leute dürfen wir einladen? Darüber hinaus wollen wir auch gar nicht die ganz grossen Formate bedienen, viel wichtiger ist uns die Nähe zum Publikum. Uns reizen kleine, intime Veranstaltungen, die zu dem reizvollen Ort passen. Auch die Opéra bouffe spielen wir maximal für 200 Personen.

Soll dieses Konzept des Intimen «Wilhelmina» von Konkurrenzveranstaltungen in der Region, wie es vielleicht die «Lenzburgiade» ist, abheben?

Ja, kleinere Formate sind unser Fokus. Das ist die Chance, dass wir in dieser produktiven Nische eine Intimität und eine künstlerische Direktheit herstellen können. Vermutlich ist das auch eine der Konsequenzen, die wir aus Corona lernen: Sind die grossen Formate überhaupt noch die richtigen Formate? Das sollte man ruhig diskutieren.

«Wilhelmina – Fest der Künste»: 6.−29.8. Schloss Hallwyl und Hallwilersee. www.wilhelmina-hallwil.ch

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