Neues Buch
Wenn Schriftsteller einfach loslabern

Die beiden Schriftsteller Martin Suter und Benjamin v. Stuckrad-Barre trafen sich zum Gespräch. Das dort Geredete liegt nun unter dem Titel «Alle sind so ernst geworden» in Buchform vor.

Peter Henning
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Martin Suter und Benjamin von Stuckrad Barre

Martin Suter und Benjamin von Stuckrad Barre

Maurice Haas / Diogenes

Der sogenannte «Interview-Band», in welchem in der Regel ein Journalist einen für gewöhnlich bekannteren Schriftsteller zu seinem Leben und Werk über manchmal mehrere hundert Seiten hinweg eingehend befragt, ist verständlicherweise nicht gerade ein Verkaufsschlager. Denn wer gibt schon ohne Not 20 oder mehr Franken für ein in Buchform gedrucktes Werkstatt-Gespräch mit diesem oder jenem Autor aus, das – etwa am Radio mitverfolgt – viel interessanter und lebendiger rüberkommt. Und wirklich packende gedruckte Schriftsteller-Interviews, wie sie einst der im April 2011 verstorbene Österreicher André Müller für die Hamburger Wochenzeitung «Zeit» führte, sucht man inzwischen ohnehin vergebens.

Eine neue Dimension der Doofheit

Trotzdem gönnen bestimmte Schriftsteller ihren werktreuen Lesern und ausgemachten Fans hin und wieder ein solches Zusatzwerk in Interview-Buchform; der in Paris lebende Paul Nizon etwa tat dies unter dem Titel «Die Republik Nizon» 2019; und Peter Handke bereits vier Jahre früher in Form eines Gesprächsbandes der «Kleinen Zeitung» aus Österreich.

Tatsächlich aber treibt das in Buchform gedruckte Schriftsteller-Interview neuerdings immer bizarrere Blüten. So legte der renommierte Münchner Luchterhand Verlag doch tatsächlich unlängst einen Band vor, in welchem die Erfolgsschriftstellerin Juli Zeh sich kurzerhand selbst interviewte. Klar, warum nicht? Man spart sich das Interviewer-Honorar – und kennt sich, wie im Falle von Zeh, ja ohnehin selbst am besten...

Dazu passt das jetzt in Buchform erschienene, 272 Seiten lange «Monstergespräch» zwischen dem noch immer als deutschem Pop-Literaten etikettierten Benjamin v. Stuckrad-Barre und dem Schweizer Erfolgsschriftsteller Martin Suter. Zwei, die man sich – intellektuell-literarisch betrachtet – nicht gerade auf den ersten Blick zusammendenkt. Doch Widersprüche ziehen einander bekanntlich an: Hier der immer öffentlichkeitsaffine Stuckrad-Barre, der zu gewissen Zeiten nicht mal davor zurückschreckte, seine früh ausgebrannte Seele für jedes noch so traurige 5-Minuten-TV-Interview immer neu kaltschnäuzig zu entblössen. Dort der soignierte, immer top gekleidete Schweizer-Ex-Business-Mann Martin Suter, der über den Weg des Wochenzeitungskolumnisten erste Schreiber-Meriten sammelte, ehe ihm mit seinem 1997 erschienenen Debütroman «Small World» auf Anhieb ein Bestseller gelang. Danach stieg er mit weiteren, wie am Reissbrett entworfenen Nachlegern zur international gefeierten Autorengrösse auf.

Und tatsächlich bringt der nun unter dem zeitgeistlichen Titel «Alle sind so ernst geworden» vorliegende Plausch zwischen dem Überzeugungstäter Stuckrad-Barre und dem eher gediegenen Suter eine neue Doofheitsdimension in die mächtig verstaubte Interview-Band-Bude.

«Ich verstehe auch nicht alles, was ich rede»

Da wird drauflos geredet, was das Zeug hält: über die farblichen Vor-und Nachteile gewisser Männerbadehosen oder über den richtigen Gebrauch des unsterblichen Gesprächsfüllers «Ähm» in kühner Abwandlung der Kleistschen Formel «der allmählichen Verfertigung des Ähms beim Reden».

Es folgen tiefgründelnde, wechselseitige Lautmalereien zu Themen wie dem Konsum von LSD, wie man den Namen der spanischen Amüsiermeile Ibiza richtig ausspricht oder wie sinnvolles Arbeiten geht – gefolgt von dann doch Weltbewegendem wie Trump, dem Klimawandel und Rassismus. Muss ja sein, oder? Da kann es dann aber schon mal vorkommen, dass der eine oder andere sich angesichts des in so grosser Fülle durchgekauten Themensalats mal verhaspelt – und er daraufhin flugs brutal offen bekennt, «auch nicht alles zu verstehen, was ich rede».

Offen zur Schau gestellte Indiskretionen

Sei’s drum - Hauptsache, das Interview-Ping-Pong schnurrt weiter. Und wenn Stuckrad-Barre dann beim forcierten Bekennen persönlicher Krisen auf Seite 111 mit den Worten «Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen» Max Frisch zitiert, um anschliessend freimütig einzuräumen, noch hin und wieder an Vergesslichkeitsattacken aufgrund seines früheren, allzu massiven Drogen-Konsums zu leiden, dann wird einem buchstäblich vorweihnachtlich warm ums Herz bei so viel kalkulierter Offenheit.

Und so geht es denn Doppel-Interview-mässig flott vom Hölzchen aufs Stöckchen, werden Glaubensfragen ebenso thematisiert wie Suters diverse Wohnort-Paradiese.

Tatsächlich hat man bald das Gefühl, ganz benommen zu sein von so viel offen zur Schau gestellter Indiskretion. Und wenn es seiner denn tatsächlich noch bedurfte, so liegt er nun in aller Ausführlichkeit vor: der Freundschaftsbeweis als geducktes gegenseitiges Über-den-Grünen-Klee-Gelobe. Denn dass die beiden Herrn einander mehr als grün sind, das schimmert mit jedem noch so gravitätisch hingeräusperten «Ähm» unverkennbar durch.

Er rede gern, um Pausen zu überdecken und die Peinlichkeit «auszustellen», bekennt Stuckrad-Barre einmal. Und «in den Fehler reingehen: Das habe ich früh von Christof Schlingensief gelernt, dass da der Witz ist.»

Im Vorliegenden sucht man diesen Witz leider allzu vergebens – käme damit doch etwas Befreiendes, ja, Erleichterndes in dieses wortreich aufbereitete Nullsummen-Gespräch. Dabei – und das schwört Stuckrad-Barre seinen Lesern hoch und heilig – «haben wir uns nicht hingesetzt und gesagt: Jetzt reden wir mal über alles, worüber sonst niemand redet.»

Doch genau so kommt es rüber: Als hätten zwei, die schon immer mal was zusammen machen wollten, an irgendeinem Tresen auf Ibiza die Aufnahme-Funktionen ihrer iPhones aktiviert – und dann, befeuert von zwei, drei Tequilas, frei nach Rainald Götz «losgelabert».