«Was fehlt dir»
Sigrid Nunez mag keine Frauenliteratur – und hat ein grossartiges Buch über Frauen geschrieben

Leicht hätten die mitreissenden Geschichten von Frauen zur literarischen Höllenfahrt werden können. Doch die US-Schriftstellerin ist eine Magierin.

Peter Henning
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Sigrid Nunez: In «Was fehlt dir» versammelt sie mitreissende Geschichten von Frauen.

Sigrid Nunez: In «Was fehlt dir» versammelt sie mitreissende Geschichten von Frauen.

Raplh Small/
Library of Congress

Der Aufbau Verlag hat das Ganze klugerweise mit der Gattungsbezeichnung «Roman» versehen - würden die meisten doch einen Bogen darum machen, stünde «Romanessay» oder «Capriccios» im Sinne «launenhafter Prosa» auf dem Umschlag. Doch genau darum handelt es sich bei Sigrid Nunez' zweitem, auf Deutsch vorliegenden Prosaband «Was fehlt dir»: um eine Art Hybrid, der sowohl als Roman mit Abschweifungen ins Essayistische besticht wie auch als romanhaft unterhaltender Essay zu Fragen des Menschseins im Allgemeinen und denen des Frau-Seins im Speziellen!

«Was fehlt dir» versammelt mitreissende Geschichten von Frauen, die nach Sinn und Bestimmung suchen oder suchten in einer von Männern dominierten Welt – und sich darüber nicht selten in diesen oder jenen von ihnen folgenschwer verliebten. Also ein Fall sogenannter Frauenliteratur?

Wenn der Ex das Ende der Welt heraufbeschwört

Von wegen! widerspricht Nunez im Buch: «Ich habe das Genre Frauenliteratur, das als Liebesromane bekannt ist, nie gemocht, aber mich faszinieren Geschichten von verliebten Frauen, insbesondere, wenn die Liebe auf irgendeine Weise unkonventionell oder besonders problematisch, sogar hoffnungslos oder geradezu wahnsinnig ist.»

Als Beispiel dafür führt sie die vertrackte Liebesgeschichte zwischen der Malerin Dora Carrington und dem homosexuellen Schriftsteller Lytton Strachey an – um auf literaturhistorischen Umwegen unversehens wieder bei sich selbst zu landen.

Womit wir beim Anfang ihres Buches wären, das damit beginnt, wie wir die Schriftstellerin beim Besuch eines öffentlichen Vortrags eines Professors erleben, den sie ganz nebenbei ihren «Ex» nennt, besucht, der in unüberbietbarer Schwärze das Versagen des Menschen in seiner Gesamtheit bilanziert – und das Ende der Welt herauf beschwört und sagt: «Der einzig moralisch sinnvolle Kurs sei, einander zu lieben und zu vergeben, so gut wir können. Und zu lernen, uns zu verabschieden.»

Todkrank, lebensfroh und unaufgeregt

Und eben davon handelt der zweite grosse Strang des Buches: Von den zahlreichen Begegnungen der Autorin mit einer unheilbar kranken Freundin, die ihr ihre eigene Vergänglichkeit immer neu vor Augen führen. Und sie das Abschiednehmen lehrt! Lebensfroh, unaufgeregt - ohne ständig das Ende zu beschwören.

In ihrem hinreissenden, 2020 auf Deutsch erschienenen Roman «Der Freund» machte Sigrid Nunez uns zu staunenden Zeugen einer Abschiedsgeschichte, durch die sie uns an der langen Leine eines ihr hinterlassenen Hundes führte. Das Resultat war die berührende Erzählung einer Frau, die zu akzeptieren lernte – und sich den letzten grossen Fragen zu stellen wagte.

In «Was fehlt dir» nimmt sie die einst fallen gelassenen Erzählfäden wie selbstverständlich wieder auf. Das Ergebnis ist ein überwältigend schönes Trost-und Lebensbuch, das erneut um Begriffe wie Freundschaft, Tod, Einsamkeit, Solidarität, Liebe und das Alter kreist. Leicht hätte daraus eine literarische Höllenfahrt werden können – bei Nunez aber, dieser Magierin, fügt es sich im Gegenteil zu einer lustvollen Reise ins Licht!

Sigrid Nunez: Was fehlt dir. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Aufbau Verlag, Berlin 2012. 222 Seiten.

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