Attentat

Vom Tod gezeichnet: Comiczeichner Boucq macht den Charlie Hebdo-Prozess greifbar

Boucq: «Die Anti-Covid-Masken schränken die Ausdrucksmöglichkeiten ein, aber nicht den Ausdruck selber».

Boucq: «Die Anti-Covid-Masken schränken die Ausdrucksmöglichkeiten ein, aber nicht den Ausdruck selber».

In Paris läuft der Prozess des Charlie Hebdo-Attentates von 2015. Der bekannte Gerichts- und Comiczeichner François Boucq hält ihn fest und interpretiert ihn auf seine subjektive Weise.

Geschichten erzählen, das kann François Boucq: Der aus Lille stammende Nordfranzose ist einer der bekanntesten und innovativsten Comic-Zeichner seines Landes. Soeben ist sein neustes, Opus «New York Cannibals» erschienen. Jetzt hat Boucq aber eine andere Story auf dem Zeichenbrett. Er sitzt im Saal 2.02 des Pariser Justizgebäudes. Aus nächster Nähe verfolgt Boucq die sich abfolgenden Protagonisten. Zum Beispiel Laurent Sourrisseau, Chefredaktor von Charlie Hebdo, der dem Gericht erzählte, wie er an jenem 7. Januar 2015 das Blutbad durch zwei schwarz vermummte Killer mit einem Schulterschuss überlebte.

«Boucq», als der er im Comic-Land Frankreich nur bekannt ist, erzählt die schrecklichen Geschichten auf seine Art weiter – mit (halb maskierten) Gesichtern, Gesten, Szenen. Da im Gerichtssaal nicht fotografiert werden darf, hält er die Momente mit Chinatusche, Bleistift und Aquarellfarbe fest. Boucqs Skizzen haben einen weiteren Sinn, oder eine Kontinuität: Sie setzen – ohne jede Provokation – jene Mohammed-Karikaturen fort, mit denen alles begonnen hatte. Die Gerichtszeichnungen erscheinen am nächsten Tag in Charlies Onlinemagazin.

Er will helfen, das nationale Trauma zu bewältigen

Und wie jetzt im Fall der Gerichtsskizzen. Boucq zeichnet halbe Gesichter hinter Masken, Augen voller Tränen, Blicke voller Verachtung. «Die Anti-Covid-Masken schränken die Ausdrucksmöglichkeiten ein, aber nicht den Ausdruck selber», sagt Boucq. Er malt Szenen eines Prozesses, der so explosiv ist, dass er fünf Jahre auf eine illusorische Entschärfung warten musste. Ein Prozess, der eigentlich unmöglich ist: Die drei Haupttäter sind alle tot und die zweimonatige Gerichtsverhandlung wird zwar in ein Urteil gegen die 14 Komplizen münden, aber keine gesellschafts-, religions- oder sonst wie politischen Lösungen des «Karikatur-Problems» anbieten. Boucq zeichnet trotzdem. Oder erst recht. Er wolle mithelfen, dass Frankreich über ein nationales Trauma hinwegkomme, sinniert er auf einer Pausenbank.

Fühlt er sich als Chronist eines historischen Prozesses? Nein, so sieht sich der 64-jährige Franzose nicht. «Ich bin eher ein Interpret, ich gebe meine subjektiven Empfindungen wieder», erzählt er während einer Sitzungspause. Strebt er wenigstens eine Objektivität in der Sache an, so wie die drei Richter? «Nein, ich mache das Gegenteil. Für mich gibt es keine Objektivität, es gibt nur eine Illusion der Wahrheit, Fiktionen, Geschichten.»

Boucq nennt es eine Art Poesie der Lüge

Die Spannung steigt. Das Urteil soll Mitte November fallen. Nun rücken die Angeklagten in den Vordergrund. Da die Attentäter tot sind, sitzen in den Plexiglas-Zellen «nur» ihre Helfershelfer, jeder mit einem vermummten Elitesoldaten im Rücken. Die Kriminellen – alle vorstraft – leisteten laut der Anklageschrift logistische Hilfe, beschafften Autos und Tatwaffen. Sie behaupten, wen wunderts, sie hätten von den Terrorplänen nichts die leiseste Ahnung gehabt. Boucq lächelt. Er zeichnet die Ex-Frauen der Kouachis, die mit der Hand auf der Brust schwörten, sie hätten von den Mordplänen ihrer Gatten bis am Vorabend nichts gewusst, nichts mitgekriegt. Boucq nennt das «eine Art Poesie der Lüge» und zeichnet Gesichter, die nicht die Wahrheit sagen.

Boucq glaubt kein Wort. Er drückt das auch in seinen Zeichnungen aus, in denen die Angeklagten den Gaunern seiner Comic-Alben ähneln. «Ich bin nicht zu einer unparteiischen Haltung gezwungen», meint er. Boucq hat bei dem Massaker in der Charlie-Redaktion auch persönliche Freunde verloren, etwa den Karikaturisten Cabu, der für einzelne der umstrittenen Mohammed-Karikaturen verantwortlich zeichnete. Er hatte Boucq vor dem Attentat mehrmals gefragt, ob Boucq nicht regelmässig für Charlie zeichnen wolle. «Ich war nicht dagegen, aber irgendwie verzögerte sich alles», erinnert er sich. Sonst wäre Boucq vielleicht auch an der blutigen Redaktionssitzung des 7. Januar 2015 gewesen.

"Eine Art Poesie der Lüge" - Boucq glaubt kein Wort.

"Eine Art Poesie der Lüge" - Boucq glaubt kein Wort.

Was er von den Mohammed-Karikaturen hält? Der Comic-Zeichner antwortet prinzipiell: Die Meinungsfreiheit ist sakrosankt. Sie ist für ihn so selbstverständlich wie der Sauerstoff zum Atmen. Inklusive das Recht zur Blasphemie. «Wir sind die Hofnarren der Republik. Die haben das Recht, alles zu sagen, sich über alle lustig zu machen. Früher über den König, heute über den Präsidenten oder wen oder was auch immer.» Denn Satire sei in Frankreich ein politisches Ventil: «Sie ist das notwendige Korrektiv eines autoritären, pompösen und bisweilen lächerlichen Staates.»

«Niemand ist gezwungen, Charlie Hebdo zu lesen»

Die Frage sei also anders gestellt: Endet die Freiheit nicht dort, wo sie Millionen von Muslimen, und zwar auch die gemässigten, vor den Kopf stösst und in ihrem – nicht einmal religiösen – Gefühl verletzt? «Jeder Mann und jede Frau hat das Recht, diese Karikaturen nicht zu mögen und dies auch kundzutun – auf gewaltlose Weise», sagt Boucq. «Niemand ist gezwungen, Charlie Hebdo zu lesen.»

Trotzdem: Ein Teil der Linken hält Charlie Hebdo für islamfeindlich. Nicht nur für respektlos und antiklerikal, sondern auch für streitsuchend, und sich aggressiv sich auf Islam einschiessend. Auf den Einwand hin verschwindet der Schalk aus Boucqs Augenwinkeln. Er holt aus: „Wir sprechen hier von Terrorismus. Seit dem Dritten Reich weiss man doch, wie es ist, wenn die Bevölkerungsmehrheit allzu lang die Vorzeichen missachtet. Viele Leute sagten nichts, so lange sie durch die Nazis nicht direkt betroffen. Heute ist es das Gleiche: Die Gewalt geht wieder von ein paar Lumpenkerlen aus – denn die meisten Islamisten sind Kriminelle, wie die Nazis. Wenn wir sie walten lassen, wird die Gewalt auch die schweigende Mehrheit erreichen. Und damit auch jene wohlmeinenden Linken, die die Augen vor der Gefahr verschliessen. Wenn Charlie aufgeben muss, ist es ihnen egal. Aber was, wenn als nächstes die Zeitung Le Monde verschwindet?“

Nach einer Atempause fügt Boucq an: „Jetzt wissen Sie, warum ich bereit bin, für Charlie zu zeichnen.“ Als er sich verabschiedet hat, folgt ihm diskret ein Schatten. Es ist sein Leibwächter. Man weiss ja als Zeichner nie, heutzutage.

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