Selbstfindung

Vom langen Weg zurück ins Leben – der neue Roman der englischen Autorin Rachel Elliott

Die englische Autorin Rachel Elliott.

Die englische Autorin Rachel Elliott.

Mit «Bären füttern verboten» hat die englische Autorin Rachel Elliott einen hinreissenden Roman über späte Selbstfindung geschrieben.

Der Tod kann ein Leben prägen. Einen wesentlichen Menschen zu verlieren, zu einem Zeitpunkt, an dem man mit ihm noch sehr viel hätte erleben wollen, kann die Weichen radikal umstellen, dem Leben einen Stempel eindrücken, der den weiteren Weg bestimmt.

Für Maria, die Hauptfigur in Rachel Elliotts Roman «Bären füttern verboten», ging es nicht gut weiter, als ihr Verlobter mit Mitte 20 an einem Schlaganfall starb. Jon, den sie nach Andys Tod heiratete, war ein Mann, der Befriedigung daraus zog, sie mit Verachtung zu behandeln, und auch mal handgreiflich wurde. Durch eine lange Ehe hindurch würde Maria sich an diesen Schmerz gewöhnen. Warum verlässt du ihn nicht, fragt ihr Tagebuch, und sie antwortet: «Weil ich Angst davor habe, allein zu leben und den Schmerz trotzdem zu fühlen … Jetzt weiss ich, wessen Hand mich unter Wasser drückt.» Dass ihre 29-jährige Tochter Belle, Buchhändlerin aus Leidenschaft, partnerlos, bei den Eltern wohnend, von diesem fatalen Arrangement ihrer Eltern beschädigt ist, weiss Maria. Aber es scheint keine Abkürzung für ihren Weg zurück ins Leben zu geben.

Bernadette ConradRachel Elliott: Bären füttern verboten. Roman. Übersetzt von Claudia Feldmann. Mare Verlag, 325 S.

Bernadette ConradRachel Elliott: Bären füttern verboten. Roman. Übersetzt von Claudia Feldmann. Mare Verlag, 325 S.

Und vielleicht, so erzählt es dieses überaus kluge, so lustige wie todtraurige Buch, schafft man diesen Weg nicht alleine. Wie lange noch hätte Maria ihr zweites, lebendiges Ich nur in ihrer Fantasie gesehen, hineinprojiziert in ihre Lieblingsgalerie, hinter deren Schaufenster sie sich fröhlich und mit hochgekrempelten Ärmeln sieht – während sie sich draussen die Nase plattdrückt? Aber eines Abends beim Spazierengehen liegt Sydney vor ihr am Boden – eine Freerunnerin, die an Hauswänden und auf Dächern eher zu Hause ist als in dem, was ihre Lebensgefährtin als «normales Beziehungsleben» bezeichnen würde. Diesmal hat Sydney die Kurve nicht gekriegt und ist von einem Flachdach gestürzt.

Mühelos redet ein schlauer Stoffhase mit Menschen

Rachel Elliott lässt in ihrer Geschichte Menschen einander wiederfinden, die gar nicht wissen, dass sich ihre Geschicke schon einmal berührt hatten, oder vielleicht wissen sie es in jener unterbewussten Tiefenschicht, die in diesem Buch eine wesentliche Bühne darstellt: für Sydneys Vater zum Beispiel, der anreist, aber sie immer noch mit einer Schuld belastet, die er seiner Tochter als Kind aufgehalst hatte. Zu Gast in Marias Haus, kommt er im Traum ins Gespräch mit einem kleinen Stoffhasen, der ihn auffordert, ihm seinen Hass ins Ohr zu flüstern. «Sehen Sie?», sagt der Hase zu Howard. «Sehen Sie, was mit dem Hass passiert, wenn Sie ihn in mich hineinflüstern? Wie er zerbricht? Tag um Tag berauben Sie sich und Sydney des Lebens. Wann hören Sie damit auf?»

Noch nie hat man Stoffhasen oder auch Tote müheloser mit jenen Lebenden sprechen hören, die den Weg in die Daseinsfreude nicht mehr finden. Noch selten hat man in einem Roman realistisch erzähltes Alltagsleben so kunstvoll und zugleich wundersam mit dem Geschehen auf der inneren Bühne des Lebens verschränkt gesehen. Rachel Elliott hat ein hinreissendes Buch geschrieben.

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