Ausstellung

Vincent van Gogh zum Eintauchen – meistbesuchte Multimedia-Ausstellung der Welt in Zürich

"Van Gogh Alive" in Zürich

Szenen der Ausstellung in Bild und Ton.

Die Multimediaschau «Van Gogh Alive» will überwältigen. Und zeigt doch, welch grossartiger Künstler Vincent van Gogh war.

Aus dem Dunkel steigt Vincent van Gogh auf. Rundum erscheint der Superstar unter den Malern in Selbstbildnissen – vor und hinter einem, seitlich, über Eck und in den anderen Räumen, hoch über unserem Kopf und gar auf dem Boden. Er blickt melancholisch oder nimmt einen mit stechendem Blick ins Visier. An die Grösse muss man sich erst gewöhnen – oder muss man sich hier seiner eigenen Winzigkeit gewahr werden?

Doch zum Denken bleibt keine Zeit, selbst die Texte über die Biografie bekommt man nur bedingt mit, denn die Projektionsmaschinerie spult die Lebensgeschichte des tragischen Genies anhand seiner Werke ab. Als üppige Show mit dem Ziel, die Besucher zu überwältigen. Das Zielpublikum ist von den Machern und Organisatoren klar definiert: wir alle. Kinder und Erwachsene, Kunstinteressierte und alle anderen sowieso sollen in die Maag Halle Zürich pilgern zu «Van Gogh Alive».

Das Weizenfeld von Vincent van Gogh. Jeder Pinselstrich wird zum gewaltigen Hieb.

Das Weizenfeld von Vincent van Gogh. Jeder Pinselstrich wird zum gewaltigen Hieb.

Klein der Mensch gross die Bilder

Brauntonig, erdig startet van Goghs Leben (1853) und seine Malerei (1880) in der Tradition der holländischen Schule. Kirche, Feld, Ernte, dann – plopp – erscheinen seine zertretenen Schuhe. Das winzige Bildchen ist auf mehrere Meter aufgeblasen - aber berührend.

Musik – von Vivaldi über Schubert bis Satie – sorgt für andächtige Stimmung. Mit Mursette-Klängen landen wir in Paris, Hoffnung und Farbe tauchen in van Goghs Werken auf. Als riesige Kugeln erscheinen die gelben und roten Äpfel der Stillleben dieser Zeit, fast meint man, man müsse den Kopf einziehen. Porträts und dann – ooh, raunt es – die Blumen: Sträusse im Dutzend überragen einen wie ein Wald, die Schwertlilien tanzen. Erfassen lassen sich nicht alle Werke. Fast 3000 Bilder seien für die Schau bearbeitet worden, sagt Marketing-Mann Christoph Rüdt.

Halte ich diese Überfülle aus, fragt man sich nach zehn der 45 Minuten. Doch dann verlangsamt sich der Bilderreigen, blühende Kastanienzweige erscheinen, bewegen sich und einzelne Blütenblätter schweben durch den Raum. Wir mittendrin.

Lustige Animationen und zerschnittene Gesichter

Für Abwechslung sorgen Zeichnungen: präzise Studien des menschlichen Körpers. Und dann tuckert auf einer der Zeichnungen ein Zug los... Auf nach Südfrankreich, nach Arles: zum Sämann, zu den Sonnenblumen, zum Gelben Haus, zum roten Weinberg. Zu van Goghs Delirium im Farbenrausch des Südens. Im Zimmerchen mit den blauen Wänden und dem gelben Bett wollte er sich erholen, im Bistro mit dem Billardtisch beobachtete er die Leute, die er malte. Kraftvolle Köpfe die an uns vorbeirauschen. Ist das im Original ein Quer- oder Hochformat, fragt man sich kurz. Egal, hier ist alles möglich, alles gross, alles gleichzeitig. Kurz ärgert man sich über die etwas gar schwülstige Musik, aber vor allem über die schwarzen Leerräume zwischen den Projektionswänden, welche die Gesichter oft schmerzhaft zerschneiden.

Aber noch nicht genug: Nun folgen die Sternennächte, die Wolkenwirbel und die Gestirne. Und ja, auch sie werden nicht nur projiziert sondern animiert. Sie wirbeln und blitzen – wie als Anlauf zur letzten Station Vincent van Goghs: Auvers-sur-Oise, die Nervenheilanstalt des Dr. Gachet. Dort lebte er krank aber ungemein produktiv, bis er sich 1890 eines Nachts erschoss.

Bäume und Häuser und der Pinselstrich sind definitiv aus dem Horizontal-Vertikal-Raster der üblichen Ordnung ausgebrochen. In der übergrossen Projektion wirkt jeder dieser unruhig vibrierenden Striche wie ein gewaltiger Hieb. Traurig, trotzig und verloren schaut uns Vincent van Gogh nochmals an, bevor ein Weizenfeld im Wind wogt, schwarze Vögel vom Ende künden.

Schon 10'000 Tickets verkauft

Bereits sechs Millionen Menschen hätten «Van Gogh Alive» weltweit gesehen, in Zürich braucht es 45'000 Eintritte, um das Ereignis rentabel zu machen, wie Rüdt erklärt. Aber er ist optimistisch, bereits seien 10000 Tickets im Vorverkauf weg.

Dank der kräftigen Farben, der wilden Pinselschrift, den gängigen Sujets und der Eindringlichkeit der Gesichter eignet sich van Gogh wie kaum ein anderer Künstler für solche Spielereien. Er erträgt selbst die Übergrösse, das Aufblasen. Besser wird das Werk allerdings nicht. Verständlicher auch nicht unbedingt. Aber es ist eine technisch perfekte, eindrückliche Bilderschau. Schön, ist die Kunst Lieferantin dafür, schön werden viele Menschen ihre Freude daran haben.

Sehnsucht nach dem Original

Aber man bekommt auch Sehnsucht nach den Originalen. Der Weg ins Kunsthaus Zürich ist ja nicht weit – und Besucher der Schau bekommen sogar vergünstigten Eintritt. Im Kunsthaus gibt es eine ganze Wand voll mit Originalen von Vincent van Gogh. Viel kleiner im Format, aber in der Wirkung mindestens so gross.

Am schönsten ist Vincent van Gogh vor dem Original. Die Schreibende 2014 vor dem «Selbstportait mit verbundenem Ohr».

Am schönsten ist Vincent van Gogh vor dem Original. Die Schreibende 2014 vor dem «Selbstportait mit verbundenem Ohr».

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