Nachlass

Vico Torriani wäre dieser Tage 100 geworden – Was ist vom erfolgreichsten Schweizer Entertainer übrig geblieben?

© Rosmarie Mehlin

Mit Hits wie «Alles fährt Ski» und «Ananas aus Caracas» machte sich Vico Torriani unsterblich. Wie aus einem gelernten Koch und Kellner der erfolgreichste Schweizer Showmaster wurde.

Als ich meine 43-jährige Bekannte fragte, ob sie Vico Torriani kenne, schüttelte sie den Kopf. Also trällerte ich «Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine, doch dass ich so verliebt bin, das liegt an Madeleine ...»

Und siehe da! «Ja, das kenne ich.» Dass Kalkutta genau genommen an einem Nebenarm des Ganges liegt, hatte dem Schlager von 1960 keinen Abbruch getan. Er ist Vicos allergrösster Hit. Über 500 Titel hatte Torriani aufgenommen, und mit 20 Millionen verkauften Tonträgern ist er auch 22 Jahre nach seinem Tod noch immer der erfolgreichste Schweizer Schlagersänger.

Seinen ersten Hit in der Schweiz hatte er 1949 mit «Silberfäden». Seine grössten Erfolge feierte Vico in den 1950er-Jahren in Deutschland. Auf eine «Bravo»-Titelseite schaffte er es allerdings nie. Bei der Jugend war er als Schnulzensänger verpönt, von weiblichen, etwas älteren Semestern wurde er hoch verehrt bis heiss geliebt.

Mit seinem dezent-südländischen Charme, seinem verschmitzten Lächeln und der Eleganz seiner Massanzüge – vom Glitzerlook über Trachtenlook bis zum Smoking – war und blieb er als Sänger wie als Schauspieler und Entertainer ein Künstler für Erwachsene.

© Keystone

«Singe, wem Gesang gegeben», die Zeile von Ludwig Uhlands Gedicht hatte Torriani verinnerlicht. Schon als Jugendlicher sang der am 21. September 1920 Geborene, wann und wo immer sich eine Gelegenheit bot. Was seinen Lehrer zur Bemerkung «du hast ja eine Stimme wie ein Glöckchen» veranlasste. Nicht erst ab da war Vico entschlossen, Sänger zu werden. Auf Geheiss des Vaters musste er aber – wie hätte es damals anders sein können? – «einen ordentlichen Beruf lernen». Nach einer abgebrochenen Bäckerlehre lernte er Koch und Kellner.

1944 zog er nach Zürich. An seiner ersten Stelle als Oberkellner im Restaurant Bolognese beim Paradeplatz bediente er die Gäste so lange trällernd, bis der Patron ihn aufforderte, nach dem Service offiziell ein Lied zum Besten zu geben. Emil Bäggli, der legendäre Besitzer vom «Rothus» im Niederdorf, entdeckte und engagierte ihn 1945 für die stattliche Gage von 15 Franken pro Abend plus Abendessen.

Inoffizielle Nationalhymne wird heute noch gesungen

Im Flachland hatte der steile Aufstieg des Engadiners in den internationalen Schlagerhimmel ihren Anfang genommen. Im eigenen Land galt der Schlager-Prophet vorerst eher wenig. Umso steiler verlief seine Karriere im Ausland. Seine Gastauftritte wurden in Deutschland, Österreich, Benelux und Skandinavien zu Triumphzügen, die 1954 vorläufig in einem Engagement ans Pariser Olympia gipfelten. 1960 hatten Tourneen ihn bereits in 23 Länder geführt.

© Keystone

Zeitlebens aber hatte es Torriani immer wieder in die Berge gezogen – als Wanderer, Geniesser, Skifahrer, Skilehrer. «Alles fahrt Schi, alles fahrt Schi, Schi fahrt die ganzi Nation».

Dieser Schlager war über Jahre eine Art inoffizielle Nationalhymne. Doch der auf den Namen Ludovico Oxens Torriani getaufte Bürger von Soglio mit Wurzeln in der Lombardei kaprizierte sich nicht nur auf eidgenössisch angehauchte Schlager.

Schon Jahre vor «Kalkutta» liessen «internationale» Hits die Kassen der Musikalienhäuser laut klingeln: Mit «Addio Donna Grazia» war sein Stern in Deutschland 1952 aufgegangen. «Ananas aus Caracas» (1957) «Schön und kaffeebraun» (1958) «Café Oriental» (1961) – um nur ganz wenige seiner unzähligen weiteren Ohrwürmer zu nennen – liessen ihn zum Liebling der Damenwelt werden.

Christian Jott Jenny, selbst Schweizer Sänger und seit 2019 Gemeindepräsident von St. Moritz sagt noch heute:

Christian Jott Jenny Schweizer Entertainer

Christian Jott Jenny Schweizer Entertainer

Das Zitat stammt aus der neuen Biografie «Vico Torriani. Ein Engadiner singt sich in die Welt», der in Zürich lebenden Autorin Barbara Tänzler.

Barbara Tänzler: Vico Torriani Ein Engadiner singt sich in die Welt 256 Seiten (NZZ Libro)

Barbara Tänzler: Vico Torriani Ein Engadiner singt sich in die Welt 256 Seiten (NZZ Libro)

Im Vorwort schreibt Nicole Kündig-Torriani:

In seine sechs Kochbücher (das erste 1958, «Ich koche mit Liebe und Musik») hatte Vico Torriani allerdings Persönliches einfliessen lassen, ganz besonders ins 1981 herausgekommene «Alle meine Rezepte, alle meine Erlebnisse». Vico Torriani war so gesehen auch der erste Schweizer Promi-Koch.

Über seine Stimme findet man in der Biografie und im Internet Adjektive wie «einschmeichelnd», «butterweich», «betörend» – und dies, obwohl er keine einzige Gesangsstunde besucht hatte und keine Noten lesen konnte. Auf den Fotos in Tänzlers Buch begegnet man Peter W. Staub, Zarli Carigiet, Caterina Valente, Peter Alexander, Max Greger, Heintje, Anneliese Rothenberger.

Man erfährt, dass Vico in Hamburg vor Romy Schneider und ihrer Familie sang, 1964 am Galaabend der Olympischen Winterspiele Innsbruck vor Schah Reza Pahlevi von Persien und Kaiserin Farah Diba. Apropos Winterspiele: 16 Jahre zuvor hatte Vicos Onkel, der legendäre Eishockeyspieler Bibi Torriani, in St. Moritz den olympischen Eid geschworen.

Ein Gentleman, an dem Flower-Power und Beatles vorbeigingen

Als Sänger ist Vico der Nachwelt im Gedächtnis geblieben, doch Torriani war viel mehr: ein Tausendsassa. In den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren hatte er Musikfilme wie «Strassenserenade» oder «Träume von der Südsee» gedreht.

© CH Media

Er hatte 1967 im Theater des Westens in Berlin in der Operette «Im weissen Rössl» Triumphe gefeiert und 1971 im Benatzky-Musical «Meine Schwester und ich» auf der Bühne des Zürcher Bernhardtheaters gestanden. Der Kolumnist und Kritiker Werner Wollenberger hatte darüber berichtet:

Damals hatte das deutsche Fernsehen Vico längst zu einem seiner ganz grossen Showmaster werden lassen. Mit seinem Debüt als Direktor im «Hotel Victoria» hatte er die Herzen der Zuschauer im Nu erobert.

Als er 1967 die ZDF-Spielshow «Der goldene Schuss» übernahm, hatte Torriani den Showbiz-Gipfel erreicht – zumal es die erste deutsche Sendung in Farbe war.

© Imago Images (1969

Torriani war ein Gentleman, der sich zeitlebens treu blieb – Flower-Power hin, Beatles her. Die deutsche Zeitung «Die Welt» schrieb nach seinem Tod 1998:

Das mag etwas abschätzig klingen, doch es bringt etwas Zentrales auf den Punkt: Vico Torriani hat stets pure Lebensfreude ausgestrahlt. Es schien für ihn nichts Schöneres zu geben, als sein Publikum rundum beglückt zu erleben.

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