Theater

Unglaublich, aber wahr: Die Theaterstücke von Zarina Tadjibaeva

Zarina Tadjibaeva in ihrem Ein-Frauen-Stück.

Zarina Tadjibaeva in ihrem Ein-Frauen-Stück.

Die in der Schweiz lebende, tadschikische Schauspielerin verarbeitet in Theaterstücken ihre Erfahrung als Übersetzerin. Abstruse Geschichten – Erfolg hat sie trotzdem.

Zarina hat viele Rollen und Gesichter. Nicht nur in ihren Stücken. Auch neben dem Theater sorgt sie für Abwechslung in ihrem Alltag. So ist die 45-Jährige als Dolmetscherin bei Gerichtsverhandlungen und anderen Institutionen wie Migrationsämtern tätig. Daneben singt sie in einer Band, ist freischaffende Schauspielerin und angehende Modedesignerin.

«Ich wollte schon immer selbstständig sein», erzählt die Künstlerin. Diesen Traum hat sie sich erfüllt. Sie pendelt aktuell zwischen Gerichtsterminen, Theaterhauptproben und Kurzfilm-Dreharbeiten hin und her. Als freischaffende Übersetzerin kann sie ihre Arbeitszeit frei einteilen, übersetzt vor allem Russisch und Persisch.

In Tadschikistan geboren und aufgewachsen

Zarina Tadjibaeva selbst ist in Tadschikistan geboren und aufgewachsen. Ein kleines, wenig bekanntes Land in Zentralasien in der ehemaligen Sowjet­republik, das unter anderem an ­Afghanistan und China grenzt. Heute lebt sie in der Schweiz und ist seit bald zwei Jahren ­erfolgreich mit ihrem One-­Woman-Comedy-Programm «Verschtehsch?» unterwegs. In diesem schildert sie das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Kulturen, inspiriert durch ihren Erfahrungsschatz als Dolmetscherin bei Asylverfahren.

Da sie in den letzten zwei Jahren wieder neue Geschichten sammelte, hat sie damit inzwischen eine Fortsetzung geschrieben («Zarina zeigt den Vogel»). In gleich mehreren Städ-ten der Schweiz tritt sie nun mit den beiden Comedyshows auf. Nebst den beiden Übersetzer-Stücken ist sie auch im Stück «Metamorphose» zu sehen, mit dem sie am Premio-Theaterwettbewerb gemeinsam mit ihrer Künstlerkollegin Makhina Dzhuraeva den dritten Platz belegt hat.

Die Reaktionen auf ihren Mut, die Dolmetscherarbeit in eine künstlerische Darbietung zu übertragen, waren durchweg positiv. Sie sei aber schon sehr aufgeregt gewesen, wie das ankomme. Vor allem, weil sie ja Geschichten erzähle, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen. Und normalerweise auch dort bleiben. Aber Zarina hält sich an die Schweigepflicht, erwähnt keine Namen, keine Ortschaften. Aber inhaltlich sind sie alle wahr: «Die Leute denken, das kann nicht wahr sein. Aber sie sind alle wahr. Das sind echte Zitate, die ich während der Arbeit gesammelt und nach Feierabend notiert habe.»

Im Ein-Frau-Theaterstück verkörpert Zarina verschiedene Figuren, einige davon erscheinen nur einmal, andere sind konstante Charaktere. Die Figur Olga beispielsweise sei eine mittelmässige Dolmetscherin. Durch Olga übe sie Kritik an der Berufsethik aus oder schaffe Raum und Gehör für Themen wie zum Beispiel Rassismus unter den Migranten.

Kunst ist für die Schauspielerin ein Feld der Wahrheit, in dem sie alles sagen kann, was sie im normalen Leben nicht sagen kann. Sie will die Leute hinter die Kulissen ihres anspruchsvollen Jobs führen. Sie hinterfragt das Feld, in dem sie jeden Tag tätig ist, und gewährt gleichzeitig Einblicke in ein den meisten Menschen unbekanntes Terrain.

In «Verschtehsch?», dem Erstling, tat sie das noch vorsichtiger, wie sie erzählt. Im ersten Stück gehe es um diese Neutralität, die sie wie einen engen Anzug tragen müsse. Das sei aber nicht einfach, «denn hinter dieser Neutralität bin ich ein Mensch». Die Dinge, die sie übersetzen musste, machen sie traurig, bringen sie zum Lachen, machen sie wütend – weit hinten, irgendwo hinter der Fassade der Neutralität.

Im Job zeige sie dies normalerweise natürlich nie. Es habe aber schon Momente gegeben, bei denen sie ihre Reaktionen nicht mehr zurückhalten konnte. Und an diesen lässt sie das Publikum teilhaben. Beim ersten Stück sei sie noch vorsichtiger gewesen, wollte sich nicht zeigen. Sie wollte zuerst einmal ausloten, wie es ankommt, «ob sie Probleme kriegt». Aber nichts dergleichen. Ihre Offenheit fand Anklang. Praktisch alle ihre Aufführungen waren ausverkauft. Dies hat sie motiviert, einen weiteren Teil zu produzieren, bei dem sie mehr von ihrer persönlichen Meinung durchblicken lässt.

Das zweite Stück ist bissiger und politischer

Das zweite Stück ist dank dieser Sichtbarkeit und Transparenz anspruchsvoller geworden. Es sei politischer und bissiger. Im zweiten Stück wollte sie auch ihre eigene Meinung mehr preisgeben. Auch wenn sie selbst keine Antworten auf all die Fragen hat, welche die Welt beschäftigen: «Ich weiss es nicht, was man machen muss mit dieser Weltpolitik momentan. Ich mag nicht, wenn ein Theater fertige Antworten liefert- und ich bin auch nicht gerne ein Moralapostel.»

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