Oscars 2022
Will Smith schlägt Chris Rock vor laufender Kamera ins Gesicht: Das war die denkwürdige Oscarnacht

Geplant war nach einer Pandemie-Ausgabe 2021 ein grosses Comeback der Academy Awards. Die Oscar-Show sollte zur Gala für «The Power of the Dog» von Netflix werden. Gesprächsthema Nummer 1 wurde ein anderes.

Daniel Fuchs
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Bester Film und weitere Oscars: «Coda » (im Bild Regisseurin Sian Heder) ist die Überraschung 2022.
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Jessica Chastain erhielt den Oscar als beste Hauptdarstellerin.
Timothee Chalamet zeigt Brust auf dem Roten Teppich.
Eröffneten die Show und sorgten für Lacher: Amy Schumer, Wanda Sykes und Regina Hall (v.l.).
Goldmännchen für den besten Filmsong in «007 – No Time To Die»: Billie Eilish und ihr Bruder Finneas.
Samuel L. Jackson mit seiner Frau, Schauspielerin LaTanya Richardson.
Für ihre Rolle in «West Side Story» gab es einen Oscar: Ariana DeBose mit Regisseur Steven Spielberg.
Gern gesehen auf dem Roten Teppich: Nicole Kidman.
Immerhin einen Oscar gab es für «The Power of the Dog»: Jane Campion (beste Regie).
Zendaya setzte sich ebenso in Szene auf dem Roten Teppich...
...wie Tennis-Star Venus Williams.
Bester Nebendarsteller: Troy Kotsur erhielt als erster Gehörloser einen Oscar.
Hatten ihren Auftritt als Moderatoren und tanzten wie in «Pulp Fiction»: Uma Thurman, Samuel Jackson und John Travolta.

Bester Film und weitere Oscars: «Coda » (im Bild Regisseurin Sian Heder) ist die Überraschung 2022.

Etienne Laurent / EPA

Überschattete Oscar-Show

In Los Angeles ging die Show zur 94. Verleihung der Oscars über die Bühne. Nach einer abgespeckten Version letztes Jahr war eine pompöse Rückkehr 2022 angekündigt worden. Bei den Gewinnerinnen und Gewinnern gab es einige Überraschungen, einen Überflieger und einen Skandal.

Die Schweiz war vertreten bei den Kurzfilmen – und ging leer aus

Zuerst das wichtigste aus Schweizer Sicht: Weil die Oscar-Show seit Jahren mit fallenden Zuschauerquoten im Fernsehen kämpft, gab es auf dieses Jahr einige Neuerungen. Um die Veranstaltung zu straffen, wurden die siegreichen Filme in einigen der Kategorien bereits vor der Show vergeben. Darunter der Oscar für den besten Kurzfilm.

In der Kategorie waren dieses Jahr gleich zwei Produktionen mit Schweizer Beteiligung nominiert, «Ala Kachuu – Take and Run» von Maria Brendle und Nadine Lüchinger sowie «Please Hold», produziert vom Schweizer Marc Mounier. Mit im Rennen waren «The Dress» und «The Long Goodbye» von Riz Ahmed und Aneil Karia. Der Oscar ging an letztere.

«The Power of the Dog» wird Favoritenrolle nicht gerecht

Erst als dritte Frau überhaupt gewann Jane Campion den Oscar für die beste Regie. Ihr Film «The Power of the Dog» war mit 12 Nominationen im Vorfeld als der grosse Favorit gehandelt worden. Der Streaminganbieter Netflix, der den Western produzierte, hatte gehofft, erstmals mit diesem wichtigen Oscar ausgezeichnet zu werden. Der Western blieb mit dem einen Oscar allerdings deutlich unter den Erwartungen.

Die Trophäe für den besten Film ging stattdessen an die Streamingkonkurrenz Apple TV+ mit «Coda» von Regisseurin Siân Heder.

Und nicht Jane Campions Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch erhielt die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller, sondern Will Smith für seine Rolle als Vater der Tennis-Schwester Serena und Venus Williams in «King Richard».

Dieser Will Smith ist trotz seines Oscars die tragische Figur des Abends. Dazu aber später.

Abräumer des Abends ist «Dune»

Mit insgesamt sechs Trophäen ist «Dune» von Denis Villeneuve der Überflieger bei den Oscars 2022. Ausgezeichnet wurde das Sciene-Fiction-Epos unter anderem für die beste Filmmusik (Hans Zimmer) und die besten visuellen Effekte.

«Coda» sorgte nicht nur als bester Film für Überraschungen, sondern erhielt auch einen Oscar für den besten Nebendarsteller. Troy Kotsur ist der erste Gehörlose Oscar-Preisträger in dieser Kategorie. Seine emotionale Rede in Gebärdensprache wurde von den Oscar-Gästen mit Gebärdenapplaus quittiert.

Der beste fremdsprachige Film, der sogenannte Ausland-Oscar, ging an «Drive my Car» aus Japan.

Boykottaufrufe und eine Schweigeminute

Im Vorfeld der Show wurden Forderungen laut, dem Ukrainekrieg in der Show einen prominenten Platz einzuräumen. Der Regisseur und mehrfache Oscar-Preisträger Sean Penn hatte zum Boykott aufgerufen, sollte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski nicht für eine Videobotschaft zugeschaltet werden.

Neben einigen Voten und einem Einblender für eine Schweigeminute blieb der Ukrainekrieg allerdings nur die Nebenrolle.

In den Schatten gestellt wurde die 94. Vergabe der Oscars von einer Handgreiflichkeit und einer lauten Beschimpfung. Schauspieler Will Smith ging vor laufender Kamera auf seinen Kollegen Chris Rock los, der einen Teil der Show moderierte.

Die Szene, die von den Oscars 2022 in Erinnerung bleibt

Zunächst wurde darüber spekuliert, ob die nachfolgend beschriebene Szene bloss gespielt war. Chris Rock witzelte über die Frisur von Pinkett Smith, die ebenfalls an der Gala anwesende Frau von Will Smith. Die Kamera schwenkte darauf hin auf das Paar. Smiths Frau verdrehte offensichtlich genervt die Augen. Da machte Smith noch gute Mine zum bösen Spiel.

Nur Sekunden später stieg er aber auf die Bühne, ging auf Chris Rock zu und schlug ihm mit der Hand ins Gesicht. Der Schlag war über das Mikrofon deutlich hörbar.

Smith ging wieder zurück, der sichtbar erschrockene Chris Rock versuchte darüber hinweg Sprüche zu klopfen, doch Will Smith rief ihm auch fürs TV-Publikum hörbar zu, «Leave my wife’s name out of your fucking mouth».

Schlechter Witz, denkwürdige Szene:

Danach war bei der Show nichts mehr wie zuvor. Manchen Gästen stand beim Eklat zwischen Smith und Rock sichtbar der Mund offen.

Nur eine Stunde später erhielt Smith den Oscar für seine Hauptrolle in «King Richard». Unter Tränen bedankte er sich bei der Academy und entschuldigte sich bei ihr und seinen Mitbewerbern für seinen Ausraster nur Momente zuvor. Gegenüber Chris Rock blieb Smith stumm.

Den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gab es übrigens für Jessica Chastain in «The Eyes of Tammy Faye».

Will Smith und seine Entschuldigungsrede:

Und das sind die Gewinnerinnen und Gewinner im Überblick

- Bester Film: «Coda» von Siân Heder

- Regie: Jane Campion für «The Power of the Dog»

- Hauptdarsteller: Will Smith in «King Richard»

- Hauptdarstellerin: Jessica Chastain in «The Eyes Of Tammy Faye»

- Nebendarstellerin: Ariana DeBose in «West Side Story»

- Nebendarsteller: Troy Kotsur in «Coda»

- Internationaler Film: «Drive My Car» von Ryusuke Hamaguchi

- Kamera: Greig Fraser für «Dune»

- Original-Drehbuch: Kenneth Branagh für «Belfast»

- Adaptiertes Drehbuch: Siân Heder für «Coda»

- Schnitt: Joe Walker für «Dune»

- Filmmusik: Hans Zimmer für «Dune»

- Filmsong: «No Time To Die» von Billie Eilish and Finneas O’Connell

- Produktionsdesign: Patrice Vermette, Zsuzsanna Sipos für «Dune»

- Ton: Mac Ruth, Mark Mangini, Theo Green, Goug Hemphill, Ron Bartlett für «Dune»

- Visuelle Effekte: Paul Lambert, Tristan Myles, Brian Connor, Gerd Nefzer für «Dune»

- Animationsfilm: «Encanto» von Byron Howard, Jared Bush

- Animations-Kurzfilm: «The Windshield Wiper» von Alberto Mielgo und Leo Sanchez

- Dokumentarfilm: «Summer of Soul (...Or, When the Revolution Could Not Be Televised)» von Ahmir «Questlove» Thompson, Joseph Patel, Robert Fyvolent and David Dinerstein

- Dokumentar-Kurzfilm: «The Queen of Basketball» von Ben Proudfoot

- Make-up/Frisur: Linda Dowds, Stephanie Ingram, Justin Raleigh für «The Eyes of Tammy Faye»

- Kostümdesign: Jenny Beavan für «Cruella»

- Kurzfilm: «The Long Goodbye» von Aneil Karia und Riz Ahmed (dpa)