THEATER
Bei dieser Regisseurin gehen die Helden aus den Reclam-Klassikern am liebsten in Therapie

Leonie Böhm ist eine der gefragtesten Regisseurinnen der Gegenwart. Warum mit ihren Klassiker-Bearbeitungen von Schiller und Tschechow auch diejenigen etwas anfangen können, die ihre Regale mit Reclam-Büchern dekorieren, anstatt sie zu lesen.

Julia Stephan
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Regisseurin Leonie Böhm im Schauspielhaus Zürich.

Regisseurin Leonie Böhm im Schauspielhaus Zürich.

Sandra Ardizzone

Mit einem farbfleckigen weissen T-Shirt erscheint Leonie Böhm (38) zum Fototermin. Hat sie es darauf angelegt, mit den gesprenkelten Sitzmöbeln des neuen Zürcher Schauspielhaus-Foyers optisch zu verschmelzen? Wir haben sie nicht danach gefragt. Doch es würde zu ihr passen. Auch später, im Pfauensaal, wo am 15. April Böhms Tschechow-Inszenierung «Schwestern» ohne Publikum Premiere feiern soll, will sich Böhm partout nicht in den Vordergrund schieben.

Die Frau, die das sagt, gehört zu den aufstrebenden Regisseurinnen der Gegenwart. Leonie Böhms eindrückliche «Medea*»-Inszenierung, die sie am Schauspielhaus Zürich als Hausregisseurin erarbeitet hat, wurde dieses Jahr ans Berliner Theatertreffen geladen, der wichtigsten Werkschau der deutschsprachigen Bühnenkunst. Absehbar war das nicht. Böhm ist eine Spätberufene.

Nach einem Studium der Germanistik und Kunst auf Lehramt, einem Kunststudium an der Kunsthochschule Kassel (mit dem Schweizer Künstler Urs Lüthi als Lehrmeister) führte sie die Frage aller Theaterfragen («Was ist der Mensch?») dorthin, wo sie nun auf Erfolgskurs ist. Davor war sie in der Kunstszene aktiv, hatte im Wasserbad mit dem Zuckeraustauschstoff Isomalt Abgüsse von ihrem eigenen Körper angefertigt. Nach 12 Stunden bildeten sie sich so weit zurück, dass von ihren Umrissen nur noch Farbverläufe blieben.

Keine weibliche Emanation des Regietheaters

Mit dem Stück «Schwestern »nach Anton Tschechow feiert Leonie Böhme am 15.4. Premiere im Schauspielhaus Zürich.

Mit dem Stück «Schwestern »nach Anton Tschechow feiert Leonie Böhme am 15.4. Premiere im Schauspielhaus Zürich.

Sandra Ardizzone / AGR

Diese Praxis des Verschmelzens und Auflösens des Eigenen durch eine inspirierende Arbeitsumgebung hat Böhm sich bis heute bewahrt, wenn sie Klassiker adaptiert, vom «Faust» über «Romeo und Julia», von Schillers «Räubern» über «Penthesilea», von Büchners «Leonce und Lena» und Ödön von Horváths Volksstück «Kasimir und Karoline», von «Nathan der Weise» bis zur erwähnten «Medea».

Böhm ist keine diktatorische Visionärin, keine weibliche Emanation des Regietheaters. Sie ist eine, die die Darstellenden und deren seelische Zustände mindestens so ernst nimmt wie ihre eigenen Fragen, die sie an alte Stoffe richtet. Auch deshalb kann sie sich kaum vorstellen, jemals mit mehr als fünf Darstellerinnen und Darstellern zusammenzuarbeiten. «Wenn man den Anspruch hat, mit jedem Menschen eine individuelle Entwicklung zu gehen, bräuchte man viel mehr Zeit», so Böhm.

Genau dieser handelnde, gestalterische Mensch, «der Entscheidungen trifft und sich wirklich in den gegenwärtigen Moment traut», ist das, was Böhm interessiert. Inszenierungen, hinter denen Regisseure das «eigene Menschsein und Denken verstecken» sind ihr ein Graus. Weshalb die Darstellenden bei ihr immer auch Mitdenkende sind, die auf der Bühne ihre Emotionen, die Rollen, die sie verkörpern, befragen, mit ihnen ringen. Vielleicht auch deshalb hat man als Zuschauerin mehr den Eindruck, man beobachte ein intimes Therapiegespräch, in dem Emotionen gewaltfrei verhandelt werden, und keinen Klassiker, in dem die Handlung brutal auf eine unabwendbare Katastrophe zudrängt. Böhm sagt:

«Ich glaube, dass man Konflikte auf der Bühne gar nicht provozieren muss, sondern dass es vielmehr darum geht, Konflikte zu erkennen, damit wir wieder zu mündigen Menschen werden.»

Die Künstlerin stört sich daran, dass Gefühle in unserer Gesellschaft tabuisiert werden. Das Theater ist für sie ein Übungsraum für gewaltfreie Kommunikation. Weshalb ihre Figuren selten überschäumen, sondern sich permanent reflektieren, sich gegenseitig auffangen, trösten und ermutigen. Böhm vermisst an unserer Welt, «dass man richtig hinschaut, auf den Schmerz, auf die Todesangst. «Ich fände es schön, wenn wir das auch im gesellschaftlichen Miteinander wieder lernen würden», sagt sie.

Dass Böhm ihre Darstellerinnen und Darsteller improvisieren lässt, verstärkt die Unsicherheit ihrer ganzen Versuchsanordnung, die sie an Endproben schon mal in den Wahnsinn treibt. Denn:

«Die Textfassung mit dem fein kompilierten Gedanken, den ich in das Stück hineinprojiziere, ist wie ein Skelett. Das Fleisch ist der Umgang damit.»

Wenn dieses Fleisch halbgar sei, die Spieler sich nicht öffnen, dann fehle ihren Stücken das «Fleisch am Knochen». Im besten Fall erlebt man Abende, in denen der Sound aus Büchners «Leonce und Lena» so klingt, als käme er aus dem Mund eines heutigen Stadtneurotikers. Was auch diejenigen abholt, die ihre Bücherregale lieber mit Reclam-Büchern dekorieren, anstatt sie zu lesen. Im schlechtesten Fall wirken solche Szene selbstbezogen und banal.

Maya Beckmann in der nach Berlin eingeladenen Böhm-Inszenierung «Medea*».

Maya Beckmann in der nach Berlin eingeladenen Böhm-Inszenierung «Medea*».

Bild: Gina Folly/Schauspielhaus Zürich

Schon die Lehrer an der Schauspielschule warfen Leonie Böhm während der Ausbildung vor, sie begegne den alten Texten mit zu wenig Respekt. Böhm verneint auch gar nicht, dass ihre Inszenierungen eine luftige Angelegenheit sind. So luftig wie die Bühnenbilder von Zahava Rodrigo, die Böhms Inszenierungen wunderbare Träume aus Stoff bescheren. Böhm pickt sich aus den Klassikern, auf welche die toten Dichter keine Urheberrechtsansprüche mehr geltend machen können, Aspekte heraus, projiziert Fragen in sie hinein, an Stelle dem Werk als Ganzes gerecht zu werden. Bei ihrem Antritt in Zürich spielte sie sogar mit dem Gedanken, dasselbe Stück in einer Spielzeit mehrmals hintereinander zu inszenieren.

Männer, Frauen – wen interessiert's?

Und noch eine Besonderheit gibt es bei Böhm: Egal, ob sie Schillers Räuber mit Räuberinnen besetzt und weibliche Gruppendynamik erkundet oder die Liebe zwischen «Kasimir und Karoline» im Männerkollektiv zärtlich verhandelt: Sie befreit Figuren und Darstellende mit einem unvoreingenommenen Blick aus ihren Schubladen. Hier sind in erster Linie handelnde Menschen am Werk, fernab binärer Geschlechterzuschreibungen. Und hat man das ganze Gerümpel erst mal weggeräumt, ermöglicht das plötzlich ganz frische Lesarten.

In diesen Tagen ringt Böhm mit den verlorenen, antriebslosen Figuren aus Tschechows «Drei Schwestern», die sie zusammen mit dem Schauspieler Lukas Vögler nur für die Streaming-Kamera inszeniert. Eine Herausforderung für eine Regisseurin, die gerne Figuren zeigt, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Böhms «Drei Schwestern»-Adaption wird eine der letzten sein, die sie für das Schauspielhaus als Hausregisseurin inszeniert.

Die Regisseurin hat die letzten Wochen viel in sich hineingehorcht und zeigt nun selbst ihre Qualitäten als Handelnde: Sie wird Zürich mit ihrer Familie nach dieser Spielzeit in Richtung Hamburg verlassen. Die vielen parallel ablaufenden privaten und beruflichen Veränderungen der letzten zwei Jahre, die Arbeit an einem Haus, in dem die Strukturen neu und darum noch nicht überall gefestigt sind sowie die Erfahrung der Pandemie, sind für die Regisseurin eine Extremsituation gewesen. «Das hat bei mir zu einer grossen Erschöpfung geführt», sagt sie rückblickend.

Bleibt abzuwarten, ob ihre Tschechow-Fortschreibung auch für die von Lukas Vögler verkörperte Figur aus dem Tcheschow-Kosmos zum «Sprungbrett für eine neue Zukunft jenseits von fremden Rollenzuschreibungen» wird, wie die Presseankündigung verspricht.

«Schwestern». Inszenierung von Leonie Böhm. Die Premiere vom 15. April, 20 Uhr, aus dem Pfauensaal wird vom Schauspielhaus Zürich als Lifestream übertragen. Tickets: www.schauspielhaus.ch