Ihr aktuelles Album heisst «Black Is Beautiful». Black steht für den Rock ’n’ Roll. Ist er für Sie etwas Dunkles und Geheimnisvolles?

Alec Völkel: Rock ’n’ Roll steht für Tabubruch, Verdorbenheit und Rebellion.

Sascha Vollmer: Und auch für die Nacht. Er findet ja hauptsächlich nachts statt. Man zelebriert den Rock ’n’ Roll, wenn man zusammen im Bus fährt und laut Musik hört. Das Songschreiben und Aufnehmen findet oft im Dunkeln statt. Deswegen hat die Farbe Schwarz eine grosse Bedeutung für uns.

Kuturpessimisten behaupten, Rockmusik liege im Sterben. Wollen Sie den Rock ’n’ Roll retten?

Völkel: Retten nicht, aber wir halten ihm die Treue. Momentan ist nicht gerade die Hochphase von Rock ’n’ Roll und Rockmusik. Das Rock ’n’ Roll-Land Amerika ist in Sachen R’n’ B und Hip-Hop heute viel breiter aufgestellt. Aber das ist nur eine Phase. Es gibt auf jeden Fall noch viele Künstler, die den Rock ’n’ Roll hochhalten, damit er nicht untergeht.

Sascha Vollmer: Wobei wir auch viele andere Elemente, Stile und Genres in unserer Musik vereinen. Wir sind keine 100-prozentige Rockband. Wir haben auch Bock auf Country, Pop, Soul und R&B. Wir lassen in unserer Art von Rock ’n’ Roll viele Einflüsse zu.

Spielen Sie eine Berlin-Version des Rock ’n’ Roll?

Vollmer: Wir wohnen hier und finden es super. Berlin bietet uns eine Menge Freiheit und Freiraum, um uns kreativ auszuleben. Wir werden hier täglich inspiriert. Aber unsere musikalischen Wurzeln sind nicht aus Berlin, sondern aus Amerika. Nämlich Blues, Country, Punk, HipHop, Rock und Rock ’n’ Roll. Aber wir haben eine gute Spielwiese, um damit umzugehen.

Gibt es heute noch echte Rock ’n’ Roller im Musikgeschäft?

Völkel: Klar gibt es die, aber vielleicht nicht unbedingt im Mainstream. Das Genre ist ja noch da, die entsprechenden Bands auch.

Sind Sie Mainstream oder haben Sie sich etwas Subversives bewahrt?

Völkel: Das eine schliesst das andere nicht aus. Mainstream gilt als Schimpfwort. Aber es heisst ja nur, dass deine Musik vielen zugänglich geworden ist. Wir machen aber keinen Mainstream-Pop, sondern unser musikalischer Kern ist der Rock ’n’ Roll, den wir auch leben.

Vollmer: Wir sind stolz darauf, genreübergreifend agieren zu können, akzeptiert zu werden und authentisch rüberzukommen. Wir finden auf den unterschiedlichsten Plattformen statt. Wir dürfen sowohl im The-Voice-Sessel sitzen als auch mit Lemmy auf seiner letzten Tour mit Motörhead durch England reisen. Wir dürfen in Wacken spielen und bei «Sing deinen Song» mitmachen. Oder bei Rock am Ring und Rock im Park und in der Helene-Fischer-Show auftreten. (lacht)

Kennen Sie überhaupt keine Berührungsängste?

Völkel: Wozu? Wir machen unser Ding und sind nicht dogmatisch unterwegs. Es ist unser Wunsch, allen Menschen zumindest die Chance zu geben, sich mit The BossHoss auseinanderzusetzen. Dafür ist uns jede Plattform recht.

Fänden Sie auch ein Duett mit Helene Fischer interessant?

Völkel: Ach herrje! Interessant ist doch ein gutes Wort. Helene Fischer ist nicht unbedingt unsere erste Wahl. Ich weiss nicht, ob das passt.

Vollmer: Es muss immer einen Ausgleich geben. Wenn man «The Voice» macht, muss man auch bei Rock am Ring spielen. Wenn man mit Lemmy tourt, kann man auch bei «Volle Kanne» im Frühstücksfernsehen sitzen. Keine Seite darf überwiegen. Wenn man mit Helene Fischer einen Song machen würde – was wir in ihrer Show mit «Jolene» übrigens auch schon getan haben –, dann ist es uns wichtig, dass parallel auch ein Auftritt in Wacken klappt. Ansonsten wäre uns die Wahrnehmung zu einseitig.

Gab es bei der Tour mit Motörhead Momente, die Sie nie vergessen werden?

Völkel: Wir haben 2014 vier oder fünf Shows miteinander gemacht. Da ging es Lemmy schon nicht mehr so gut. Nach den Konzerten hat er sich immer schnell in den Backstagebereich zurückgezogen. Nach der letzten oder vorletzten Show durften wir ihn aber treffen und Hallo sagen.

Vollmer: Lemmy hat uns signierte T-Shirts geschenkt und uns in der Garderobe seinen Spielautomaten gezeigt.

Völkel: Und er hat sich bei uns bedankt. Das sind legendäre Rock ’n’ Roll-Momente, die man nie vergessen wird. Lemmy ist eine der grössten Legenden der Rock ’n’ Roll-Geschichte.

Wird man mit zunehmender Professionalität ruhiger?

Völkel: Man lässt die Aftershow-Party nicht so ausschweifen, dass man den Gig am nächsten Abend nicht mehr absolvieren kann. Aber das ist nach wie vor unser Lifestyle, und wir sind immer noch wilder, als uns manchmal lieb ist.

Gib es Dinge, die auf Tour tabu sind?

Vollmer: Jeder muss seinen Job machen können. Die Show darf nicht leiden, da würden wir uns ins eigene Fleisch schneiden. Da draussen sind mittlerweile Tausende von Fans, da stehen wir in der Verantwortung, eine Show abzuliefern. Besoffen auf die Bühne zu gehen, ist ein Tabu, das heisst aber nicht, dass man vor oder während des Gigs kein Bier trinken darf. Die Balance muss stimmen. Nach der Show gibt es aber keine Tabus mehr.

Ist der Rock ’n’ Roll ein Werk des Satans oder kommt er von Gott?

Vollmer: Man sagt ja, Gott ist der Schöpfer von allem. Auf jeden Fall transportiert der Rock ’n’ Roll Emotionen. Und er tut, was er will, weswegen er auch als Teufelswerk bezeichnet wird. Aber wenn Gott existiert, dann hat er uns den Rock ’n’ Roll gegeben.

Welchen Preis hat der Spass?

Vollmer: Jugend! Der Spass hält jung.

Völkel: Er ist ein Motor für uns. Rock ’n’ Roll ist keine Bedrohung, sondern Bereicherung.

Wann ist man zu alt für den Rock ’n’ Roll?

Völkel: Die Frage kommt öfter mal auf. Ich glaube, man ist nie zu alt, um zu rocken. Du kannst es so lange machen, wie du Bock hast. Es ist ja eine Herzenssache. Die Zeit ist immer richtig dafür. Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob es irgendwann vorbei ist. Bei uns ist alles gut.

Früher war Rock ’n’ Roll einfach nur ein anderes Wort für Sex. Auch für Sie?

Völkel: (lacht) Wir haben nur wegen dem Sex mit der Musik angefangen. Ich wollte immer Sänger sein, weil es dann mit den Mädels besser läuft. Klar ist Rock ’n’ Roll sexy. Die Menschen, die das Glück haben, Musik machen zu dürfen, strahlen für andere immer eine Sehnsucht aus. Wir sind sehr glücklich, dass wir in der Lage sind, Musik nicht nur zu hören, sondern auch selber zu machen. Und zwar die, auf die wir Bock haben. Das ist auch für uns selber sexy.

Ohne die Berichte von Groupies hätten Bands wie Led Zeppelin oder AC/DC nie diesen Ruf als Bürgerschrecks bekommen. Haben Groupies auch heute noch einen intimen Zugang zu Rockstars?

Vollmer: Wir leben in einer Zeit, in der jeder einen Fotoapparat in Form eines Handys auf Tasche hat. Da ist es nicht mehr so.

Völkel: Es hat viel an Magie verloren. Aber wenn uns Menschen sagen, dass unsere Musik sie durchs Leben trägt und ihnen ganz viel gibt, dann ist das etwas sehr Erhebendes. Das kann man nicht mit einem normalen Job vergleichen. Dieser Zuspruch macht süchtig. Nicht viele haben das Glück, so etwas machen zu dürfen.

Sie sind auf Ihrer bisher grössten Tour durch Deutschland, die Schweiz und Österreich. Glauben Sie, den Spirit des Rock ’n’ Roll auch in grossen Hallen und Arenen rüberbringen zu können?

Vollmer: Ja, weil wir das auch schon gemacht haben. Wir spielen weitestgehend in denselben Hallen wie bei der letzten Tour.

Völkel: Es ist nicht einfach, aber es funktioniert. Ein Club ist natürlich schneller zu vereinnahmen, aber wir kriegen das hin.

Wie erreicht man auch die Menschen in der letzten Reihe?

Völkel: Mit derselben Hingabe wie in kleinen Clubs, aber die Gesten werden grösser. Auf einer kleinen Bühne kann man rechts und links jedem in die Augen schauen, auf einer grossen musst du schon ein paar Meter machen, um zum Rand zu kommen. Man macht in grossen Hallen ausladendere Bewegungen und hat Leinwände.

Vollmer: Aber am Ende sind wir eine über Jahre gewachsene Band mit vielen Alben und Fans. Die Leute wissen schon, was sie von uns zu erwarten haben. Wir fangen in einer grossen Halle ja nicht bei null an. Die Musik ist natürlich da, der Ursprung von jedem Fan, der zu unseren Konzerten kommt. Er will mit The BossHoss feiern. Da ist die Grösse der Halle eher sekundär.

In welchen Momenten fühlen Sie sich selbst besonders Rock ’n’ Roll?

Völkel: Auf der Bühne. Und im Studio, wenn neue Songs entstehen. Mehr Rock ’n’ Roll geht nicht.