Interview

Stiftungsratspräsident von Lucerne Festival: «Auch 1000 Besucher sind eine Option»

Markus Hongler hat «richtig Stalldrang», schnell in den Konzertsaal zurückkehren zu können.

Markus Hongler hat «richtig Stalldrang», schnell in den Konzertsaal zurückkehren zu können.

Markus Hongler, Stiftungsratspräsident von Lucerne Festival, schaut ein Jahr nach seinem Amtsantritt auf das Krisenjahr mit internen Konflikten und Corona zurück. Eine positive Bilanz stützt die bereits publizierten Festival-Pläne für 2021.

Sie wurden vor einem Jahr nach internen Konflikten bei Lucerne Festival an die Spitze des Stiftungsrats gewählt – und dann folgte Corona. Was ist Ihre Bilanz nach diesem Krisenjahr?

Markus Hongler: Gemessen an der riesigen Herausforderung, die dieses Coronajahr bedeutet hat, kann Lucerne Festival zufrieden sein. Zwei Elemente erlauben einen positiven Rückblick. Erstens die unglaubliche Solidarität der Freunde, Gönner, Sponsoren und der öffentlichen Hand. Ihnen und den Partnern aus der Musikszene ist es zu verdanken, dass wir nicht auf unsere Reserven zurückgreifen mussten.

Und der zweite Aspekt?

Zum wirtschaftlichen kam ein künstlerischer hinzu. Dazu zähle ich die Reaktionsfähigkeit unseres Teams, das die Kraft hatte, mit dem Festival «Life is Live» ein Ausrufezeichen zu setzen. Man muss sich das von der Psychologie her vorstellen: Im Frühling mussten wir den Sommer, in dem wir volle Säle gehabt hätten, absagen. Noch während der Rückabwicklung der Tickets plante unser Team ein Ersatz-Wochenende, woraus ein zehntägiges Festival entstand.

Im Konflikt zwischen Ihrem Vorgänger Hubert Achermann und Intendant Michael Haefliger entschied sich der Stiftungsrat für Letzteren. An einer Pressekonferenz würdigten Sie die Verdienste von Achermann – gab es auch eine formelle Aussöhnung?

Hubert Achermann und ich haben damals miteinander gesprochen. Dabei sind wir übereingekommen, dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht mehr dazu äussern. Wir haben uns beide daran gehalten und ich denke, das ist auch gut so.

Wie weit wurde die Aufgabenverteilung zwischen Stiftungsrat und Intendanz angepasst, damit es nicht mehr zu derartigen Eklats kommt?

Es gab gewisse Anpassungen. Eine betrifft die Freunde des Festivals, die uns mit namhaften Beträgen unterstützen. Deren Betreuung war bei der Freunde-Stiftung angesiedelt und wurde jetzt in eine übergeordnete Abteilung «Sponsoring-Freunde» eingegliedert, die unter einer Gesamtleitung steht. Dass die Freunde-Stiftung separiert war, hat immer wieder zu Abstimmungsaufwand geführt. Aber bei der Neuorganisation ging es weniger um Vergangenheitsbewältigung. Wir haben eine Struktur gesucht, mit der man ohne Redundanzen arbeiten kann. Ich denke, jetzt stimmt die Arbeitsteilung, auch zwischen dem Stiftungsrat, der für die strategische Ausrichtung zuständig ist, und der Intendanz, die die Ziele operativ umsetzt.

Wie zeigt sich der Erfolg eines Festivals, wenn es statt vier Wochen und zwei Wochenenden nur zehn Tage gedauert hat?

Auch dafür sind die Freunde des Festivals ein gutes Beispiel. Sie haben uns in dieser Zeit nicht nur uneingeschränkt unterstützt, obwohl wir ihnen weniger bieten konnten. Die Zahl der Mitglieder stieg von 430 auf 460. Auch die Sponsoren liessen uns einen grossen Teil der Beiträge zukommen, die sie versprochen hatten. Und nicht zuletzt ist die öffentliche Hand in dieser Zeit zu uns gestanden. Das sind Zeichen dafür, dass unser kulturelles Engagement in der Region breit abgestützt ist.

Trotzdem erstaunt, dass Sie im Coronajahr nicht auf Reserven zurückgreifen müssen.

Auf der Einnahmeseite tragen dazu die erwähnten Beiträge der Freunde, der Sponsoren und der öffentlichen Hand bei. Auf der Ausgabenseite verfolgten wir ein stringentes Kostenmanagement – wie Sie sehen, ist jetzt niemand im Festival-Büro, weil alle in Kurzarbeit sind. Wir haben zudem geschaut, dass wir die Verpflichtungen mit den Künstlern so einlösen konnten, dass diese nach wie vor zum Festival stehen, aber gleichzeitig haben wir eingespart, was möglich war. Dadurch konnten wir unter dem Strich die Ausgaben trotz geringer Ticketeinnahmen decken.

Den Sommer 2020 hatte Lucerne Festival abgesagt, als die Zahl der Besucher auf 1000 beschränkt wurde. Der Sommer 2021 soll nach notfalls auch mit halb vollem Saal stattfinden, wie Michael Haefliger bei der Bekanntgabe des Programms sagte. Wieso wäre das jetzt wirtschaftlich möglich?

Den Sommer 2020 haben wir abgesagt, weil wir im April noch nicht einmal wussten, ob überhaupt 1000 Besucher, nur 300 oder gar keine zugelassen würden. Die Situation ist jetzt eine andere, weil die Impfungen begonnen haben und wir mit dem «Life is Live»-Festival Erfahrungen sammeln konnten. In einer Situation mit vielen Unbekannten muss ein Unternehmen Annahmen treffen. Der Stiftungsrat geht heute davon aus, dass wir das Frühlingsfestival mit Andras Schiff mit halb vollem Saal durchführen können und den Sommer, dank der Impfungen, mit vollem Saal.

Und falls ein voller Saal auch dieses Jahr nicht möglich ist?

Dann wäre es gegebenenfalls eine Option, das Festival noch einmal mit weniger Einnahmen unter ähnlichen Bedingungen wie «Life is Live» durchzuführen, also mit 1000 Besuchern. Die Aufgabe des Intendanten ist es, dafür verschiedene Szenerien vorzusehen. Eine Möglichkeit könnte sein, im Frühlingsfestival die Konzerte zwei Mal durchzuführen.

Michael Haefliger hat angekündigt, dass das neue Herbstfestival «avantgardistisch» ausgerichtet und der Jugendbereich ausgebaut werden soll. Wie passt das in die strategischen Vorgaben des Stiftungsrats?

Der Stiftungsrat hat den Anspruch, dass wir in Luzern erstens Aufführungen von klassischer Musik auf Weltklasseniveau anbieten. Zweitens soll das Festival offen sein für Neues – für neue Formen und zeitgenössische Musik, aber auch für neue Interpreten, die vielleicht am Anfang ihrer Karriere stehen. Wie er das über den Frühling, Sommer und Herbst abmischt, darüber wird der Intendant im April informieren.

Wie attraktiv sind avantgardistische und Jugendprojekte für Sponsoren? Oder ist das Sponsorenmodell durch die Coronakrise in Frage gestellt?

Ich bin zuversichtlich, dass dieses Modell Bestand haben wird. Für Sponsoren ist das Festival attraktiv als kultureller Leuchtturm unseres Landes – mit einem musikalischen Angebot, das sich übers Jahr nur mit Städten wie New York, London oder Berlin vergleichen lässt. Sponsoren fragen sich ja, wie sie ihre Marke aufwerten können. Da spielt im Fall von Lucerne Festival die Weltklasse-Qualität und die Internationalität eine wichtige Rolle. Und für Unternehmen, die in der Forschung tätig sind, ist wichtig, dass an einem solchen Festival auch etwas ganz Neues zu hören ist.

Wenn Sie noch einen späten Neujahrswunsch zugute hätten: Wie würde er lauten?

Zurück in den Konzertsaal! Dazu gehören für mich neben der Musik auch die Begegnungen vor und nach den Konzerten. Danach habe ich richtig Stalldrang.

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