Ganz ohne Gimmicks und Publicity-Pomp sind die englischen Foals zu einer Band avanciert, für die man an den grössten Festivals die besten Zeiten reserviert. Dabei haben sie sich nie einem kommerziellen Diktat gebeugt. Ihr Indie-Rock ist dramatisch, geizt aber nicht mit feinen Refrains – und wer zuhören will, findet in den Texten Gedankenanstösse, wie sie im breiten Popgeschehen selten auftauchen.

Als eine der wenigen langlebigen Gitarrenbands der letzten Jahre darf man sich inzwischen beneidenswerte Freiheiten erlauben. Doppelalben waren in früheren Rockepochen ein Statussymbol. Oft führten sie auf direktem Weg ins grosse Gähnen. Nun lassen Foals diese Tradition neu aufleben. Allerdings erscheint ihr neues, doppeltes Album nicht im gleichen Umschlag, sondern in zwei Teilen. «Everything Not Saved Will Be Lost Part 1» kommt jetzt heraus, «Part 2» folgt im Herbst.

Kein verträumter Songschreiber

Yannis Philippakis ist der kreative Kopf der Gruppe. Er passt nicht unbedingt ins Klischee eines zartbesaiteten, verträumten Songschreibers. Er ist untersetzt, muskulös – seit geraumer Weile trainiert er als Boxer – und drückt sich mit bestimmtem Ton und knappen Sätzen aus. Früher zitierte der Sohn eines griechischen Architekten und einer südafrikanischen Akademikerin gern den Schriftsteller Ernest Hemingway. Jetzt, so erklärt er mit einem kurzen Blick in die Tasche, liest er Yannis Varoufakis’ Versuch, seiner neunjährigen Tochter die Ökonomie zu erklären, sowie ein Buch über die Intelligenz des Oktopus.

Den gewaltigen Kreativitätsschub seiner Band erklärt er damit, dass man sich endlich einmal rechte Ferien gegönnt habe: «Zuvor hatten wir uns von einem Album ins nächste gestürzt, ohne uns dazwischen ein bisschen Zeit zum Menschsein zu lassen», erklärt er. «Das holten wir nun nach.» Philippakis zog sich mehrere Wochen lang auf den nur von Mönchen bewohnten Heiligen Berg Athos in Nordosten von Griechenland zurück, wo auch sein Vater schon Zeit verbracht hatte.

Es habe ihm gutgetan, sich in der Askese einer umfassenden Selbsthinterfragung zu unterziehen. Sein Bandkollege, der Bassist Walter Gervers, beging einen noch radikaleren Weg: Er gab seinen Abschied und renoviert nun in Frankreich alte Häuser. Für eine Band, die seit ihren frühesten Tagen in Oxford so etwas wie ein eingeschworener Geheimbund auftrat, markierte dieser im Frieden gefasste Entschluss einen markanten Einschnitt. «Wir kehrten aus der Auszeit zurück und mussten uns erst einmal umorientieren», berichtet Philippakis. «Selbst wenn wir uns weiterhin hätten in unserer Komfort-Zone bewegen wollen, konnten wir es nicht mehr.»

Der Zufall kam zur Hilfe. Philippakis, vor kurzem ins Südlondoner Quartier Peckham gezogen, suchte einen Ort, wo er in Ruhe schreiben konnte, «denn daheim brachte ich nichts zustande». Zehn Gehminuten entfernt entdeckte er ein kleines Studio, mietete sich ein, fing mit der Arbeit an und merkte, dass er sich mit dem Toningenieur blendend verstand. Bald gesellte sich die restliche Band dazu. «Inzwischen fühlen wir uns alle dort so wohl wie ganz früher in unserer Bude in Oxford.»

Der feinste Anti-Brexit-Song

Nun sprudelten auch die Einfälle. «Früher fingen wir viele Stücke an, stellten sie zu 70 Prozent fertig, legten sie für später in die Schublade und vergassen sie», sagt Philippakis. «Diesmal setzten wir alles daran, jeden Anfang bis zum Ende durchzuziehen. Es ist dies auch eine Erklärung für den Titel des Albums.» Hinweise auf andere mögliche Erklärungen finden sich in den Texten. «Wir wollten kein explizit ökologisches oder politisches Album machen», sagt Philippakis. «Aber je mehr ich über den Titel nachdachte – es ist ein Satz, den ich irgendwo einmal gelesen habe –, desto mehr wurde mir seine Tragweite bewusst. Es geht nicht nur um das Überleben von Tieren, Pflanzen und Landschaften, sondern auch um unsere eigene Lebensweise, um das Absterben von Gemeinschaften.»

Übrigens enthält «Everything Not Saved Will Be Lost» den bisher feinsten Anti-Brexit-Song. Er heisst «Exits».

Foals, «Everything Not Saved Will Be Lost, Part 1» (Warner Bros)