Kolumne
«Sprachliche Moden und Marotten»: Lohnt es sich für Schweizer Künstler, Sätze auf der Bühne hochdeutsch auszusprechen?

Unser Kolumnist Pedro Lenz erklärt, warum es keinen Sinn macht, seinen Dialekt mit veränderter Aussprache verbergen zu wollen.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
Merken
Drucken
Teilen

Im Zusammenhang mit unserem Sozialverhalten heisst es zuweilen, der Ton mache die Musik. Diese Weisheit gilt besonders bei der Sprache und will sagen, dass nicht nur der sprachliche Inhalt allein zählt, sondern auch die Ausdrucksweise.

Manche Leute nehmen die Sache mit dem Ton und der Musik allerdings ein wenig zu wörtlich. Sie glauben, es komme beim Reden allein auf den Klang oder die Sprachmelodie an. Schauspielschulen zum Beispiel setzen viel daran, dass ihre Absolventinnen und Absolventen ein perfektes Bühnendeutsch lernen.

Ein perfektes Bühnendeutsch ist nach Ansicht der Schauspiellehrer ein Deutsch, dem keine regionale Färbung anzuhören ist. Wer perfektes Bühnendeutsch spricht, sollte demnach in der Lage sein, beim Reden seine Herkunft zu verbergen. Was damit genau gewonnen ist, wissen wohl allein die Schauspielschulen.

Wenn man also sagt, der Ton mache die Musik, ist mit dem Ton nicht die Betonung der einzelnen Silben und Sätze gemeint, sondern die Wahl der jeweils passenden Wörter. Es ist ein Unterschied, ob wir einem Gegenüber sagen, sein Verhalten sei nicht ideal oder ob wir ihm sagen, sein Verhalten sei unter aller Sau. In beiden Fällen geht es uns darum, das Gegenüber darauf aufmerksam zu machen, dass uns sein Verhalten stört. Aber das Wortpaar «nicht ideal» spielt in besagter Situation eine ganz andere Musik als die Worttriplette «unter aller Sau».

Da offenbar immer mehr Menschen glauben, es sei wichtiger, gut zu tönen, als gut zu reden, arbeiten auch hierzulande viele junge Leute hart an ihrer Aussprache. Sie versuchen krampfhaft ein klanglich etwas deutscheres Hochdeutsch hervorzubringen. Mit der Zeit können sie dann beispielsweise dem «R» eine Färbung geben, die sich klar von der Färbung des «R» unterscheidet, welche durchschnittliche Deutschschweizer hervorbringen.

An Poetry Slams oder auf Social-Media-Kanälen hört man nachher junge Menschen aus Hägendorf, Dübendorf oder Burgdorf so Hochdeutsch reden, wie sie wohl denken, dass man korrekterweise Hochdeutsch reden muss, um nicht als gebürtiger Deutschschweizer erkannt zu werden.

Jeder «E» wird sauber geschlossen, jeder «R» wird ganz zart gehaucht, jeder «P» am Wortanfang wird aspiriert. Man hört diesen jungen Leuten beim Reden zu, ohne gleich zu wissen, wo sie herkommen. Aber dann dauert es oft nicht lange, bis ein falsch gewähltes Pronomen («Der Mann, wo früher Präsident war»), Schweizerdeutsche Begriffe («parkieren und grillieren») oder helvetisch ausgesprochene Eigennamen («Wachau» mit Betonung auf dem vorderen statt auf dem hinteren «a») die Herkunft doch verraten.

Der Ton, der die Musik machen soll, hat also mit dem Klang oder dem Akzent wenig zu tun. Wer trotzdem um jeden Preis verhindern möchte, beim Reden als Schweizer erkannt zu werden, soll sich gefälligst ein Grundwissen in Wort- und Satzlehre aneignen. Oder, um es in lieblicherem Ton zu sagen, wer seine Herkunft um keinen Preis verraten möchte, aber mehr über Sound als über Grammatik weiss, darf ruhig auch mal einen Abend lang schweigen.