Sprachliche Marotten
Was für eine Redensart – über welchen Ausruf sich unser Autor gewaltig nervt

Aus der gesprochenen Sprache hat sich der Ausruf «Was für ...» eingebürgert, der nichtssagend ist und besser weggelassen werden sollte. Das schreibt unser Kolumnist Pedro Lenz.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Es ist nicht ganz einfach herauszufinden, wann diese eigenartige Marotte damit angefangen hat, die deutsche Sprache zu durchdringen. Es geht um eine eher unauffällige Macke, und man kann ihr wohl tausendmal begegnen, bevor einem bewusst wird, wie hohl sie eigentlich klingt. Genauer gesagt, handelt es sich um einen Ausruf.

«Was für ein Ballgefühl!», liest man in Kommentarspalten über YB-Spieler Christian Fassnacht.

«Was für ein Ballgefühl!», liest man in Kommentarspalten über YB-Spieler Christian Fassnacht.

Bild: Keystone

Es ist ein Ausruf, den wir täglich so oft hören oder lesen, dass wir irgendwann glauben, er erfülle wohl eine wichtige Funktion. Dabei erfüllt er überhaupt nichts. Im Gegenteil, der Ausruf, um den es hier geht, ist eine Art unterbrochene oder abgebrochene Behauptung, die nichts erklärt, nichts veranschaulicht und nichts illustriert.

Die Rede ist vom Satzanfang «Was für ...» gefolgt von einem unbestimmten Artikel und einem frei wählbaren Substantiv. Besonders beliebt scheint der Ausruf bei Sportübertragungen zu sein. Zuweilen tritt er sogar in leichten Variationen gehäuft auf. Da ruft dann ein Sportreporter beispielsweise «Was für ein Tor!» ins Mikrofon, nur um wenig später, beim Betrachten der Wiederholung, noch anzufügen: «Was für eine Ballbehandlung! Was für eine Schusstechnik! Was für eine Klasse!»

Auch bei Skirennen, wo es bekanntlich weder um Schüsse noch um Treffer geht, gehört der Ausruf zur Standardsprache jeder Direktübertragung: «Was für eine obere Zwischenzeit! Was für ein zweiter Lauf! Was für eine Reaktion!» Und selbst bei Kampfsportarten hören wir die Reporter schon sagen: «Was für ein Schlussgang! Was für eine Spannung!»

Waren diese Was-für-ein-Ausrufesätze lange nur im mündlichen Sprachgebrauch gebräuchlich, erfreuen sie sich neuerdings auch im halbmündlichen Milieu der Kommentarspalten grosser Beliebtheit. Aber selbst in schriftlichen Texten beginnen sie sich offenbar zu etablieren.

So las ich unlängst in einem Feuilleton eine Musikbesprechung, die mir zurufen wollte: «Was für ein Album!» Beinahe hätte ich zurückgerufen: «Ja, was denn nun für eines? Ein gutes oder ein nicht so gutes? Ein geglücktes oder ein verunglücktes? Und falls ja, warum?» Nur weil ich nicht wollte, dass mir jemand dabei zuschaut, wie ich eine Zeitung anschreie, blieb ich stumm.

Viele Fragen im Zusammenhang mit besagtem Ausruf blieben nach jener Lektüre unbeantwortet und sind es heute noch. Was genau will mir jemand mitteilen, der einen Satz mit einem Ausruf wie: «Was für ein Spiel!» oder «Was für ein Album!» beginnt und seine Gedanken danach nicht weiter ausführt? Der Erkenntniswert solcher Sätze tendiert gegen null, und über den Unterhaltungswert brauchen wir nicht zu reden. Es handelt sich, wie erwähnt, um eine unterbrochene Behauptung oder um es fremdwörtlich auszudrücken um eine Art «Interruptus».

Trotzdem sind Was-für-ein-Ausrufesätze aus unserem Sprachalltag kaum mehr wegzudenken. Und falls es uns nicht gelingt, die Hohlheit dieser Sprachmode zu entlarven, wird sie uns weiterverfolgen bis zu dem Tag, an dem uns nichts mehr übrig bleiben wird, als entnervt zu jammern: «Was für eine Plage!»

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