Sprachliche Marotten
Der, den, dem, oder des – Die Fallen mit den Fällen

Mundart lässt sich oft nicht eins zu eins ins Hochdeutsche übersetzen. Besonders bei den Fällen lauern tückische Fallgruben.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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In der Hektik des Verkehrs leidet manchmal die grammatikalische Korrektheit.

In der Hektik des Verkehrs leidet manchmal die grammatikalische Korrektheit.

Bild: Manuela Jans-Koch

Es ist allgemein bekannt, dass wir in der Deutschschweiz mit den Tücken zweier Sprachen kämpfen, die zwar eng verwandt sind, aber dennoch nach je eigenen Regeln funktionieren. Schweizerdeutsche Mundarten unterscheiden sich vom Hochdeutschen mal mehr und mal weniger. Das führt dazu, dass die gleichzeitige Beherrschung beider Sprachen nicht immer gewährleistet ist. Ein verbreitetes Problem stellen dabei die Fälle dar, die sich im Hochdeutschen zuweilen von den Fällen im Dialekt unterscheiden, weswegen von allzu wörtlichen Übersetzungen aus der Mundart ins Hochdeutsche abzusehen ist.

Da fuhr ich beispielsweise an einem Samstag vom Hauptbahnhof in Luzern zur Station Luzern-Allmend mit einem Regionalzugsersatzbus. Der Busfahrer, ein freundlicher Zentralschweizer, machte seine Fahrgäste auf Hochdeutsch darauf aufmerksam, dass der Bus nur bis zu besagter Station fahren würde. Passagiere, die weiterfahren wollten, seien gebeten, dort in den Regionalzug umzusteigen. Der Bus war sehr voll und die Strassen waren ebenfalls sehr voll, sodass meine Gedanken um die Frage kreisten, ob ich den Anschlusszug rechtzeitig erreichen würde. Denn wenn ich den umständlich plaudernden Buschauffeur richtig verstanden hatte, würde der Zug im Verspätungsfall nicht auf den Ersatzbus warten.

Irgendwann war ich ein wenig genervt von jenem Fahrer, der im Stadtverkehr nicht voranzukommen schien, aber offensichtlich ein grosses Mitteilungsbedürfnis hatte. Wohl deshalb konnte ich es mir nicht verkneifen, auf seinen hochdeutschen Satz: «Ich wünsche Ihnen ein schöner Tag», durch den Bus zu rufen: «Akkusativ!»

«Es ist nicht jeder ein Schriftsteller!», antwortete ein Passagier, der mich offenbar erkannt hatte, in halb belustigtem, halb tadelndem Tonfall. Da ich über meinen Ausruf selbst ein wenig erschrocken war, zog ich es vor, nichts mehr zu sagen. Denn auch wenn ich ganz sicher weiss, bereits an der Volksschule gelernt zu haben, dass der Mundartsatz «I wünsche nech e schöne Tag» auf Hochdeutsch das Akkusativobjekt «einen schönen Tag» verlangt, schämte ich mich für meinen besserwisserischen Zwischenruf. Man sollte nämlich lieber vorsichtig sein, wenn man über die Sprache anderer Menschen urteilt.

Etwas selbstkritische Zurückhaltung wäre vermutlich auch jenem Experten am Radio gut bekommen, der am letzten Dienstag auf SRF4 die Hörerschaft vor betrügerischen E-Mails warnte. Der Mann am Radio erklärte, dass man betrügerische E-Mails nicht selten bereits an der Sprache erkennen könne. Denn, so der Experte für Cyberkriminalität: «Vielfach sind diese kriminellen Banden dem Deutschen nicht mächtig.» Irgendwann war ich beinahe selber nicht mehr ganz sicher, ob man nur des Deutschen nicht mächtig sein kann oder ob man auch dem Deutschen nicht mächtig sein kann.

Sprachlich sicher falsch, aber von der Logik her korrekt, wäre es allerdings, wenn jemand sagen würde, man sei der Deutsche nicht mächtig oder man sei den Deutschen nicht mächtig.

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