Buch
Mit dem Wanderpapst Thomas Widmer über Stock und Stein der Schweizer Sprache

Thomas Widmer füllt ein Buch mit seinem Wortschatz: Die Worte sind nichtig, die Ausführungen absurd, aber nichts ist da zu überlesen.

Christian Berzins
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Thomas Widmer liebt es, eine Sammlung der grössten Nebensächlichkeiten der Welt zu erzählen

Thomas Widmer liebt es, eine Sammlung der grössten Nebensächlichkeiten der Welt zu erzählen

Tom Haller / Echtzeit Verlag

Wer meint, er oder sie habe mit «Mein Wortschatz» ein Buch gekauft, in das sich ab und zu ein Blick reinwerfen lasse, damit ein trüber Tag eine Spur heiterer weitergeht, irrt. Dieses Werk ist nicht zum Schnäuggen da, denn sein Autor geht ob seiner Sucht, eine Sammlung der grössten Nebensächlichkeiten der Welt zu erzählen, bisweilen dermassen auf die Nerven, dass man dieses Buch besser in die nächste Bücher-Telefonzelle legen würde.

Nichtsdestotrotz kann man darin rein gar nichts überspringen, wird es von A bis Z geradezu durchkämmen: von äää bis Zwäg. Und so wird man dann alles erfahren über eine Grossartigkeit wie die Bachenschnitte aus Hundwil, den Innerrhoder Laseier oder den Solothurner Schnarz.

Widmers Sammlung strebt naturgemäss ins Endlose

Der Autor Thomas Widmer schreibt selbsterklärend im Vorwort: «Dieses Buch ist der Versuch, die kuriosen, lustigen, ärgerlichen, mysteriösen Wörter meines Lebens in Form eines Abc vorzustellen.» Da eine solche Sammlung ins Endlose strebt, beschloss er, sich auf Wörter aus der Schweiz zu beschränken oder auf Wörter, die im weitesten Sinn mit der Schweiz zu tun hätten.

Naturgemäss geht auch diese Sammlung ins Endlose. Einiges wird den Widmer-Treuen bekannt vorkommen, handelt es sich doch teils um überarbeitete Zeitungs-, Zeitschriften und Blogbeiträge – zwei Einträge übernahm er aus einem früheren Buch. Egal, es gilt einzutauchen in die Aare, dort, wo sie bei Koblenz in den Rhein fliesst, und man alsbald weiss, warum dieser so schöne weibliche Fluss eine ewige Verliererin bleiben wird im Vergleich zu Vater Rhein.

Bei der Aarebrücke Koblenz-Felsenau fliesst die Aare in den Rhein.

Bei der Aarebrücke Koblenz-Felsenau fliesst die Aare in den Rhein.

Philipp Zimmermann

Schreibt Widmer von den ­Fischen, die dort schwimmen, wird er unpräzise. Es gäbe in Zürcher Gewässern einige Fischarten, die alle möglichen Namen hätten: «Der Felchen heisst Albeli, Blaalig, Blaufelche, Sandblaalig, Sandfelche. Und der Flussbarsch heisst Chräbeli, Chretzer, Chruutbarsch, Egli, Hüürlig, Kaulbarsch, Reelig, Stichlig.»

Ist es nicht so, dass das Albeli eine Unterart des Felchens ist und vor allem im Vierwaldstättersee lebt? Der Flussbarsch wiederum mag ein paar Namen haben, aber Flussbarsch nennt ihn in der Schweiz nie jemand. Der Kaulbarsch aber ist sein Verwandter, der Stichli(n)g eine andere Art.

Bisweilen wird Widmer Sprachschiedsrichter, der verurteilt, bald wirkt er professoral belehrend, bald gibt es Tipps fürs Leben und die Küche. Immer aber tut er es mit einem charmanten Augenzwinkern.

Am schönsten ist dieses Buch, wenn Widmer nicht belehrt, sondern plaudert und dann auf Kuriositäten stösst, im Aargau etwa auf den Bluthund: Ein famoses Unding, eine riesenkürbisgrosse Blutwurst, die zu besonderen Anlässen hergestellt und aufgetragen wurde. Da möchte jeder sofort loswandern und ebensolche Entdeckungen machen und sammeln.

Thomas Widmer: «Mein Wortschatz. Von Aare über Schneekompetenz bis zwäg». Echtzeit 2021, S. 264.

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