Schauspieler

Sexszenen sind für ihn wie eine Tanzchoreografie: Wer ist Dimitri Stapfer, der neue Star am Schweizer Fernsehhimmel?

Der Theatermensch, der häufiger im Film zu sehen ist: Dimitri Stapfer, 32, hat aktuell zwei grosse Auftritte im Kino und Fernsehen.

Der Theatermensch, der häufiger im Film zu sehen ist: Dimitri Stapfer, 32, hat aktuell zwei grosse Auftritte im Kino und Fernsehen.

Einmal als schwuler Schwimmtrainer, einmal als Fahnder nach deutschen Kriegsverbrechern: Dimitri Stapfer ist aktuell im Kino und Fernsehen zu sehen. Sehr körperlich, immer mit Vollgas spielt er sich in den Schweizer Schauspielorbit.

Hätte ich ihn auf der Strasse wiedererkannt, ohne vor unserem Treffen einige seiner Filme gesehen zu haben? Sicher nicht. Nun aber erkenne ich ihn aus dem Augenwinkel, wie er vor dem Bahnhofskiosk in Solothurn wartet. In einer Hand einen Schoggidrink, in der anderen Tabak zum selbst Drehen. Er wirkt deutlich weniger kräftig, als er auf der Leinwand daherkommt.

Für unser Treffen in Solothurn hat sich der 32-Jährige vor dem Fechttraining für seine Hauptrolle in «Romeo und Julia» des Theater-Orchesters Biel Solothurn Zeit genommen. Ob die Premiere stattfinden kann, wird sich zeigen. Solothurn beschränkte als Corona-Massnahme die Personenhöchstzahl in Theatern auf 30. Vorerst fährt das Ensemble fort mit den Proben. Unser Treffen fand Ende September statt, die Proben begannen erst danach.

Zwar waren da die Zahlen der Coronaansteckungen schon am Steigen, doch das Leben pulsierte. Allem voran das kulturelle Leben. Theater, Konzerte fanden statt, sogar das Film Festival in Zürich. Und dort hatte Stapfer seinen bisher grössten Auftritt: Am Festival war er gleich mit zwei Premieren präsent. Zweimal in der Hauptrolle. Einmal als schwuler Schwimmcoach in «Beyto», der seit dieser Woche im Kino läuft.

Beim Schwimmen in Beyto (links, gespielt von Burak Ates) verliebt: Für den Kinofilm «Beyto» trainierte sich Dimitri Stapfer einen Schwimmerbody an.

Beim Schwimmen in Beyto (links, gespielt von Burak Ates) verliebt: Für den Kinofilm «Beyto» trainierte sich Dimitri Stapfer einen Schwimmerbody an.

Einmal in der Serie «Frieden» als Nazijäger der Bundesanwaltschaft, die in einer Woche im Fernsehen läuft.

Stapfer studiert als Ermittler Egon Leutenegger Beweise für in die Schweiz geflüchtete Nazis. Szene aus der SRF-Serie «Frieden».

Stapfer studiert als Ermittler Egon Leutenegger Beweise für in die Schweiz geflüchtete Nazis. Szene aus der SRF-Serie «Frieden».

Eine Fernsehserie zu Pandemiezeiten: Ein sicherer Wert. Für Stapfer: Ein Glücksfall. Zwar spielt er in ­«Beyto» solid und stellt die Zuneigung und Liebe zwischen zwei Männern erfreulich zärtlich dar, doch wegen seiner Rolle in «Frieden» dürften ihm mehr Herzen zufliegen. Dies vor allem, weil «Beyto» wegen der zweiten Coronawelle einen denkbar undankbaren Start erwischt. Stapfer blutet das Herz.

In «Frieden» ermittelt Stapfer Nazis und gerät in ein Dilemma

Trauer drückt er auch auf dem Fernsehschirm aus. Gepaart mit einem Zorn und einer Entschlossenheit. Die beiden ersten Episoden von «Frieden» liefen am Festival in Zürich exklusiv. Gleich in der Anfangsszene macht Stapfer klar, wer seine Figur ist: Bundesermittler Egon Leutenegger springt aus dem Auto heraus, als ein gestellter mutmasslicher Nazi, der bei einem Schweizer Bauern Zuflucht gefunden hatte, vor den Polizisten zu fliehen versucht. Egon sprintet durch das hohe Gras und reisst den flüchtenden Deutschen mit einem herzhaften Sprung auf den Boden.

Woher diese Wut? Egon plagt das schlechte Gewissen. Als Soldat stand er an der Grenze zu Italien und musste Geflüchtete wegweisen. So viel sei verraten: «Frieden» zeigt nicht die Schoggiseite der Schweiz. Petra Volpe («Die göttliche Ordnung»), die für «Frieden» das Drehbuch verfasst hat, thematisiert vielmehr ein düsteres Stück eidgenössische Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, das einem zu denken gibt (ausführlicher wird «Frieden» in dieser Zeitung nächste Woche besprochen).

In Solothurn schlägt Dimitri Stapfer vor, dass wir das Gespräch bei einem Spaziergang entlang der Aare fortsetzen. Aare abwärts, in Olten, ist Stapfer aufgewachsen, in einer Solothurner Buchhandlung hat er die Lehre gemacht. Zum Schauspiel kam er als Schuljunge, als Protagonist beim Zirkus Chnopf. «Da wurde das Feuerchen gezündet», sagt er. Und es lodert seither. Stapfers Passion und Haupteinnahmequelle ist das Theater.

Und nun? Wenn der Kulturbetrieb erneut stillgelegt wird wegen der Coronamassnahmen? Stapfer zeigt wenig Verständnis für die Massnahmen, welche die Kultur so hart treffen. Er bedauert vor allem die schwierige Situation für die kleinen Betriebe und all die Selbstständigerwerbenden in der Branche. «Ich selbst bin besser abgesichert, weil ich zurzeit angestellt beim Theater bin.» Sprich: Es gibt Mittel wie Kurzarbeit et cetera.

Am Aareufer bestätigt Dimitri Stapfer den Eindruck, dass er in ­«Beyto» und «Frieden» muskulöser, mächtiger wirkt. Er erklärt:

Zwischen den Dreharbeiten von «Frieden» und «Beyto» lagen gerade einmal zwei Wochen. Stapfer trainierte also schon während der Dreharbeiten für ­«Frieden». Ging joggen, schwimmen, ins Fitness. «Insgesamt hatte ich nur zwei Monate Zeit dafür, da musste ich mich recht reinfetzen.»

Stapfer scheute den Aufwand nicht. Und das bekommt «Beyto» und «Frieden» gut. Die beiden Hauptrollen katapultieren ihn nun in den Schweizer Schauspielorbit. Dabei ist er ein erfahrener Mann: Für seine Nebenrolle als Autist im Coming-of-Age-Drama «Left Foot Right Foot» gab es 2014 den Schweizer Filmpreis. Andere Filme liefen erfolgreich, zum Beispiel «Sohn meines Vaters» oder «Lasst die Alten sterben». In letzterem als Punk an der Seite von Max Hubacher.

Hubacher spielt auch in «Frieden» zusammen mit Stapfer. Die beiden sind in der Serie ein Brüderpaar, der eine wie erwähnt als Nazijäger, der andere als junger ideenreicher Patron einer Textilfabrik. Wegen eines zweifelhaften Kreditgebers mit Beziehungen ins zerschlagene Nazireich geraten die Brüder in ein Dilemma.

In «Beyto» trifft eine Homo-­Romanze auf kulturelle Gräben

Produktion für Produktion, Film für Film wird Dimitri Stapfer besser. Die beiden aktuellen Produktionen sind Beweis dafür. Dabei spritzt auch mal das Filmblut, und er verkörpert den Lover in einer Homobeziehung. Hat er kein Problem damit? Stapfer weiss, dass wegen seiner Rolle in «Beyto» diese Frage kommt. Und erzählt, was es damit in der Branche auf sich hat.

«Ich habe schwule Kollegen, die sind froh, wenn sie einen Hetero spielen können, denn dann kommt die Frage nicht auf. In der Branche ist immer noch die Angst da, wegen der sexuellen Orientierung stigmatisiert zu werden.» Die Liebe von Mann zu Mann zu spielen, mache für ihn als Hetero keinen Unterschied zur Darstellung einer Sexszene mit einer Frau.

Mehr Mut attestiert Stapfer diesbezüglich seinem Partner in «Beyto», dem Laiendarsteller Burak Ates. Er, türkischer Hintergrund, spielt den Sohn türkischer Einwanderer in der Schweiz, der sich in den Schwimmtrainer Mike (Dimitri Stapfer) verliebt. ­Beyto gerät im Film in einen üblen Gewissenskonflikt wegen des kulturellen Hintergrunds seiner Familie, was auch in der Realität für Einwanderersöhne wie Ates nicht abwegig erscheint.

Stapfer selbst erinnert sich an schwierigere Sexszenen. «In ‹Sohn meines Vaters› hatte ich auch eine Sexszene, mit der Affäre meines Vaters im Film. Dabei musste ich mich ähnlich wie ein Baby an die Brust einer Frau hängen und daran saugen. Das brauchte echt Überwindung.» Sexszenen, ob mit Frau oder Mann, vergleicht Stapfer mit einer Tanzchoreografie. «Einfach mit weniger Kleider.» Man vereinbare vorher, wo man sich berühre.

Einmal zärtlich, einmal zornig. Eines ist sicher: Spätestens nach «Frieden» im Schweizer Fernsehen wird man Dimitri Stapfer auf der Strasse wiedererkennen.

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