Wenn man von einem Wiener eine Tasse Kaffee angeboten bekommt, dann lehnt man nicht ab. Schliesslich haben sie das Kaffeetrinken zur Kultur gemacht. Im Gegensatz zu den Wiener Kaffeehäusern stellt der Schriftsteller Michael Stavarič seinen Gast vor eine einfache Auswahl: Espresso oder ein stinknormaler Kaffee? Kein «Franziskaner», «Einspänner» oder «Maria Theresia». Die meisten Wiener beschränken sich ohnehin auf eine Melange, erklärt der neue Residenzgast des Aargauer Literaturhauses. Pro Jahr leben und arbeiten jeweils während dreier Monate Deutsch sprechende Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem Ausland in Lenzburg. Von September bis November wird das «Atelier Müllerhaus» nun von Stavarič bewohnt.

Für den Österreicher mit tschechischen Wurzeln ist der Aufenthalt im Aargau die zweite Residenz – erstaunlich wenig für einen Schriftsteller. «Ich bewerbe mich für keine Residenzen. Ich bin jemand, der viel und weit reist und halte es nicht länger als ein, zwei Wochen an einem Ort aus», sagt Stavarič. Für das Atelier-Stipendium in Lenzburg kann man sich nicht bewerben. Die Gäste werden ausschliesslich durch eine Kommission eingeladen. «Die Einladung aus Lenzburg habe ich angenommen, da ich Bettina Spoerri (Leiterin des Literaturhauses) als Autorin kenne und schätze. Unabhängig davon arbeite ich gerade an meinem nächsten Roman, wo die Schweiz eine Rolle spielt, und prompt kam das Angebot, hier zu arbeiten. Das habe ich als ein Zeichen angesehen», so der Autor.

Ein Punk, Philosoph und Druide

Michael Stavarič lebt seit einiger Zeit in Wien, doch geboren wurde er in Brno, in der ehemaligen Tschechoslowakei. 1979 kam er als Siebenjähriger mit seinen Eltern ins niederösterreichische Laa an der Thaya. Später studierte er an der Universität Wien Bohemistik (tschechische Sprache und Literatur) und Publizistik. Neben Anstellungen für «Die Presse» und das Wiener Stadtmagazin «Falter» hat Stavarič sieben Jahre lang als Sekretär für den tschechischen Botschafter gearbeitet.

Der Einstieg in die Literaturwelt gelang Stavarič im Jahr 2000 mit dem Gedichtband «Flügellos». Seither hat er sich einen Namen als einer der spannendsten deutschsprachigen Autoren gemacht. In seinen Romanen experimentiert Stavarič gerne mit verschiedenen Erzählformen, und setzt immer wieder surreale Elemente ein. Sein dritter Roman, «Magma» (2008), ist z. B. aus der Perspektive eines unauffälligen Zoowärters erzählt. Erst nach einer Weile stellt sich heraus, dass der Zoowärter vielleicht der Beelzebub höchstpersönlich ist. Eine weitere Eigenheit von Stavaričs Büchern ist das Spiel mit Genres, Grenzen und Zitaten, was sich auch in seinem eigenen Auftreten widerspiegelt: Die Frisur und das schwarze T-Shirt mit Totenkopf sind punkig; die filigrane Brille hingegen ist die eines feinfühligen Philosophen und der grosse, blaue Topas am Ringfinger strahlt die Magie eines archaischen Druiden aus.

«Und täglich grüsst das Murmeltier» (1993)

«Und täglich grüsst das Murmeltier» (1993)

Der Alltag eines Schriftstellers fühlt sich manchmal so an wie derjenige von Bill Murray...

Während des Gesprächs mit dem Autor auf der kleinen Veranda des Ateliers gerät man als Gast in die Versuchung, sich ein romantisches Bild des Autorenalltags zu malen: Von Ort zu Ort zu reisen, ab und zu ein bisschen Schreiben, ein Kaffee hier, ein Glas Rotwein da. Nicht übel, oder? Michael Stavarič wischt die naiven Fantasien seines Gastes schnell beiseite. Viel eher müsse man sich den Autorenalltag wie den Film «Und täglich grüsst das Murmeltier» (Regie: Harold Ramis, 1993) vorstellen. Darin erlebt die Hauptfigur den ein und denselben Tag immer wieder aufs Neue. «Man steht auf, macht sich einen Kaffee, beantwortet E-Mails, setzt sich an den Roman, isst zu Mittag, setzt sich wieder an den Roman, dann geht man Schlafen und dann klingelt wieder der Wecker um 6 Uhr 45.» Er spüre zum Teil auch den Druck von den Deadlines, so Stavarič weiter. In den Verlagsverträgen stünden jeweils klare Abgabedaten und der genaue Umfang des Buches drin, an die er sich halten müsse.

Von Winterthur nach Grönland

Wenn der Autor nicht schreibt, dann recherchiert und liest er über etwas, das er für seine Arbeit braucht. Zum Beispiel über Gletschermühlen. «In meinem neuen Roman hat es eine Szene, in der die Protagonistin vor einer Gletschermühle steht. Dabei habe ich gemerkt, dass ich ziemlich wenig über Gletschermühlen weiss», erzählt Stavarič. Als Leser muss man sich aber in Acht nehmen, denn der Autor treibt gerne Mätzchen: «Ich mag es, den Leser auf falsche Fährten zu führen. Da könnte auch etwas komplett Falsches über Gletschermühlen drinstehen», sagt Stavarič und lacht.

Der Autor will sich noch ein wenig bedeckt halten, worum es in seinem neuen Buch geht. Einige Details lässt er aber dennoch durchsickern: «Es spielt alles in Eis und Schnee. Die Protagonistin arbeitet in einem Konzern in Winterthur und die Geschichte changiert zwischen der Schweiz und Grönland.» Die ehemalige Industriestadt Winterthur und unwirkliche Eislandschaften – das kitzelt die Neugierde. Einen ersten Vorgeschmack gibt es in einem Werkstattgespräch mit der Schweizer Schriftstellerin Monique Schwitter, in dem Stavarič unter anderem auch aus seinem unveröffentlichten Werk vorliest.

Neben Gedichten, Essays und Romanen schreibt er auch Kinderbücher. Eine Arbeit, die ihm den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur einbrachte. Ihm ist wichtig, dass Kinderliteratur nicht platt und voller Klischees sei, so Stavarič: «Kinderbücher sind der Grundstock einer ersten, eigenen Bibliothek, nicht Robert Musil oder Thomas Mann. Sie tragen zur Identitätsbildung einer jungen Person bei und sind fast wichtiger als später ein Roman.»

Lesung Montag 17. September 20 Uhr Werkstattgespräch mit Michael Stavarič und Monique Schwitter. Aargauer Literaturhaus.