Nehmen wir den Applaus vorweg: Er war heftig. Er galt nicht nur der Inszenierung und den an ihr Beteiligten, sondern ganz besonders auch dem Regisseur Christoph Marthaler, dem in diesem Jahr ganz besonders viel Ehre zukommt: Den FAUST des Deutschen Bühnenvereins für die beste Regie Musiktheater. Sie gilt der Inszenierung LULU an der Staatsoper Hamburg.

Und vor wenigen Wochen durfte er im Zürcher Schiffbau den Kunstpreis entgegennehmen. Verliehen von jener Stadtbehörde, die ihn nach vier Jahren Intendanz quasi unter Schimpf- und Schanderufe aus dem Amt jagte.

Den Mann mit der herausragendsten Reputation im europäischen Theaterraum. Den Mann, dessen szenisch-musikalische Welt- und Gemütsvermessungen dem Schauspielhaus Zürich zweimal zum Titel «Theater des Jahres» verholfen hatten. Den Mann mit einem versöhnlichen, humorvollen, weisen Blick auf das Projekt Mensch in seiner ganzheitlichen Zwangslage. Den Mann, dem es immer wieder gelingt, ohne jeglichen Besserwisse-Zeigefinger auf Gedünste und Gestank zu zeigen.

Das Persönlichste übrigens, welches sich die Passagiere des Sonderfluges MNUÖ-SW 17 gegenseitig zum Dranriechen hinhalten. Ein Wellnessflug von Filz und Sumpf.

Auch dreizehn Jahre nach seinem Auszug aus dem Pfauen ist die Welt um kein Krümchen besser geworden. Was also bietet sich besser an, als eine Reise nach Utopia. An einen Ort, wo einem alle willig eingegangenen Hintenherumgeschichten - seien es finanzielle, chemische, partnerschaftliche, waffenhändlerische oder politische - von einer verständnisvollen
Instanz ein für allemal vergeben werden sollen.

Das futuristische Raumschiff (Enterprise lässt grüssen) ist startklar zur Reise in den «Bad State». Einsteigen dürfen der Frischfleischunternehmer, die Erbin von Offshore-Firmen (Paradise Papers lassen grüssen), der Baulöwe (Lugner lässt grüssen), und sonst noch ein paar raffiniert kalkulierende Gutmenschen des Abendlandes. Eine Wellnesszone für «selbst verschuldete Zwangslagen» in zartem Beige, mit gleichfarbigen Fauteuils und einer breiten Fensterfront mit Sicht auf Wolkenmeer und Sterne (Bühne Duri Bischoff), soll den Flug und allfällige Ausfälligkeiten einzelner Passagiere wattieren. 

Alles ist weich und luftig wie ein Soufflé im Bühnenraum von Duri Bischoff.

So absurd und komisch, dass man zwei Stunden lang pausenlos am Lachen ist. Ueli Jäggi singt als ein Verschnitt aus Udo (Jürgens) und Adolf (Ogi) den Schlager von den Schlagwörtern für einlullende Schunkelabende im TV-Abendprogramm: «Je tiefer der Fall, desto höher der Flug». Ein Geschnipsel aus Fakeund anderen News Dieser hier, mit Bendix Dehtleffsen und Stefan Wirth an den Klavieren, ist ein musikalisches Panoptikum an Kuriositäten und Paradoxen: Ein Kauderwelsch aus Schlagzeilen und Zitaten aus der Tagespresse - darunter einige erst kürzlich gelesene Aussagen von Schweizer Promis zum eigenen Verhalten auf Steh-Apéros. 

Im musikalischen Potpourri von Strauss, über Wagner bis Michael Jackson, im Aneinandervorbei-Reden in Aphorismen, chillt und zappt ein leidenschaftlich und spitzensportlich agierendes dreizehnköpfiges Ensemble (es fehlt der kranke Siggi Schwientek) in den Elegien des moralischen Zerfalls. Der Pfarrer, der am Ende des Abends als Böögg zu rauchen beginnt und schliesslich «explodiert», kombiniert den Erlass der Sünden mit einem Beteiligungsangebot am Gewinn des Beichtenden. Die herrliche Nikola Weisse im rosa Deux-Piece (Kostüme Sara Kittelmann), eigentlich Inhaberin einer Konditorei im Rokokostil, singt «I just don’t know what I’m doing wrong.»

Es klingt in ihrem Muttchenstimmchen wie «mizaru, kikazaru, iwazaru». Ist japanisch und heisst «Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen.» 

Wird von drei Affen dargestellt.