Schweizer Krimi
In Seraina Koblers Zürich-Krimi isst man vegane Currywurst und stochert in düsteren Gen-Versuchen

Schreibt eine Zürcherin einen Krimi, liest sich das auch sehr zürcherisch. Ex-NZZ-Journalistin Seraina Kobler trägt in «Tiefes, dunkles Blau» ein bisschen dick auf.

Hansruedi Kugler
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Die 40-jährige Schriftstellerin Seraina Kobler bei ihrem Schreibatelier in der Zürcher Altstadt, wo auch ihre Romanheldin Rosa Zambrano wohnt.

Die 40-jährige Schriftstellerin Seraina Kobler bei ihrem Schreibatelier in der Zürcher Altstadt, wo auch ihre Romanheldin Rosa Zambrano wohnt.

Valentin Hehli

Es gibt Bücher, bei denen man sich nicht entscheiden kann: Ist das charmant oder satirisch? Der Zürich-Krimi der Ex-NZZ-Journalistin Seraina Kobler gibt dazu eine hübsche und ambivalente Vorlage. Denn alle Restschweizer werden durch ihren Roman verführt, über die Zürcher abzulästern.

Man kann den woken Lifestyle ihrer Romanfiguren gut als Satire lesen: In Koblers Zürich isst man nämlich nicht einfach Schoggiglace, sondern selbst gemachtes Sauerrahmeis mit Pfefferminze; man serviert Suppe nicht in einer gewöhnlichen Schüssel, sondern in einer Terrine mit gewölbtem Deckel und dunkelblauem Ornament; man schneidet Rüebli nicht mit irgendeinem Messer, sondern mit einem Miyako-Messer mit handgeschmiedeter Klinge, gekauft in einer japanischen Manufaktur, als Gastgeschenk bringt man keine Tulpen mit, sondern einen Aji-Lemon-Drop-Chili; und falls man mal auswärts Currywurst-Rädchen aufspiesst, sind diese selbstverständlich vegan. Das Buch ist voll mit solchem detailverliebtem Wohlfühl-Realismus.

Vor lauter Kochrezepten vergisst man zwischendurch den Krimiplot

Kein Wunder, lacht die Restschweiz über den ausgesucht-delikaten Lebensstil, den man in Zürich an jeder Ecke antrifft und den man den Zürchern gerne als Snobismus andichtet. Seraina Kobler füttert ihren Krimi genüsslich mit all diesen Lifestyle-Zutaten und Zürich-Klischees, dass es eine Freude ist.

Schliesslich ist ihr Buch ein Regiokrimi. Leser mit weniger Humor werden sich ärgern und sich in die Prosa von «Schöner Wohnen»-Magazinen oder «Bewusst Essen»-Heftli versetzt fühlen. Man vergisst darüber immer wieder, dass das eigentlich ein Krimi ist, mit einer Seeleiche, düsteren Gen-Versuchen, Berufs-Rivalität, idealistischen Aktivisten, Liebesverrat, Rotlichtsumpf und Kampfscheidung.

Seraina Kobler: Tiefes, dunkles Blau. Ein Zürich-Krimi. Diogenes, 270 S.

Seraina Kobler: Tiefes, dunkles Blau. Ein Zürich-Krimi. Diogenes, 270 S.

Diogenes Verlag

Eine Seepolizistin mit pittoreskem Zürcher Altstadt-Häuschen

Seraina Kobler packt also sehr viele Themen hinein. Ein satirischer Klamauk-Krimi ist «Tiefes, dunkles Blau» aber nicht wirklich, sondern ein schwelgerischer Lifestyle-Krimi. Man kann sich nämlich genauso gut dafür entscheiden, die Romanheldin Rosa Zambrano als superromantische Geniesserin zu lieben: Eine Seepolizistin, die als 37-jährige Single in einem pittoresken Hinterhof mitten in der Zürcher Altstadt ein ehemaliges Waschhäuschen bewohnt, in dem sie Kefir-Limonade und Zwiebel-Himbeer-Marmelade zubereitet.

Und von wo sie mit ihrem Rennvelo (wie die neue Zürcher «Tatort»-Kommissarin) zur Arbeit fährt. Vor der Haustür gibt’s auch noch ein Kräutergärtchen. «Honigbrot-Atmos­phäre», schrieb die Kritikerin der «Annabelle» zutreffend. Das Häuschen ist dem realen Schreibatelier von Seraina Kobler vage nachgezeichnet.

Wann darf man genetisch in die Natur eingreifen?

Im Unterschied zur Autorin, die vier Kinder hat, ist ihre Romanheldin kinderlos. Nach 17 Jahren hat sich Rosa von Leo getrennt und lässt sich in einer Hightech-Klinik Eizellen einfrieren. Der Kinderwunsch plagt sie nun doch, denn ihre beiden jüngeren Schwestern haben schon oder bekommen gerade Nachwuchs – eine von beiden mit ihrer Partnerin per Samenspende.

Wenn erste Sätze einen zum Weiterlesen veranlassen können, dann hat Seraina Kobler dabei ein perfektes sprachliches Gespür: «Von weitem klangen die Kormorane wie meckernde Ziegen.» Das führt uns sofort auf den frühmorgendlichen See und fasst die Stimmung des mürrischen Berufsfischers auf dem Zürichsee sehr schön zusammen. Denn die blöden Viecher schnappen ihm alle Fische weg. Statt fetter Eglis geht ihm besagte Seeleiche ins Netz.

Kommissarin Rosa Zambrano erschrickt: Die Segeltuchschuhe am Fuss des Toten sind jene des Arztes, der ihre Eizellen einfriert. Und weil der gerade in Scheidung ist, eine junge Geliebte, Rotlichtkontakte und eine Berufsrivalin hat, sind Mordmotive zuhauf vorhanden. Seraina Kobler entfaltet routiniert das Krimi-Gewebe um die Kommissarin. Dazu gehören eine Affäre mit einem Berufskollegen, Freundinnentalks, Einblicke in verborgene Winkel der Zürcher Gesellschaft und ein Schuss Dystopie.

Dass ihr Arzt auch mit genetischen Menschenversuchen liebäugelt, führt den Roman schliesslich zur aktuellen Frage, wann man in die Natur eingreifen darf. Gen-Schere und Eizellen-Einfrieren, Kryokonservierung und Crispr-Technologie werden hier elegant eingeflochten. Allerdings bietet Koblers Roman bei aller ausführlichen und ergiebigen Recherche zu diesen Themen nicht gerade viel Krimi-Spannung.

Zwischen Gottfried Keller und Sherlock Holmes

Zum Charme dieses liebevoll-sinnlichen Romans gehört jedoch die dezente, aber witzige literaturgeschichtliche Einbettung. Nach dem Intro auf dem See zitiert Kobler den Beginn von Gottfried Kellers erster Fassung von «Der Grüne Heinrich», wo er Zürich «wie ein Traum aus den blauen Wassern» steigen lässt.

Und dass sie den Showdown ihres Krimi-Débuts ausgerechnet bei den Reichenbach-Wasserfällen im Berner Oberland platziert, ist eine witzige Anspielung auf das Duell, das sich Sherlock Holmes und Professor Moriarty ebendort lieferten. In beiden Fällen endet das Duell mit einem Patt. Mehr sei nicht verraten.

Mit ihrem Krimi-Début stürmt Seraina Kobler gerade die Schweizer Buchcharts: Einstieg letzte Woche Platz 9, diese Woche bereits Platz 4. Vor ihr lediglich drei andere Krimis. Die Schweizerinnen Christine Brand und Silvia Götschi auf den ersten beiden, dahinter der britisch-französische Autor Martin Walker mit Brunos 14. Fall. Wer Romane verkaufen will, schreibt also am besten Regiokrimis. Und dass Seraina Kobler gleich bei Diogenes unter Vertrag ist, hat bei ihrem Erfolg sicher geholfen.

Seraina Kobler: Tiefes, dunkles Blau. Ein Zürich-Krimi. Diogenes, 270 S.

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