Musik

Schweizer Hitparade am Tiefpunkt – doch Frauen und Jazz wecken Pioniergeist

Die Musikerin Lea Maria Fries (Vsitor).

Die Musikerin Lea Maria Fries (Vsitor).

Schweizer Hitparadenmusik hat 2019 den Tiefpunkt erreicht. Aber es gibt sie, die abenteuerliche und aufregende Schweizer Musik.

Ohrensausen, Sodbrennen und Winterdepression – auch mitten im Sommer. Das ist die Diagnose, wenn man sich die aktuelle Schweizer Hitparade antut. Schockstarre, Herzflattern und tränende Augen kommen dazu, wenn man sich mit der erfolgreichsten Schweizer Musik des Jahres beschäftigen muss.

«Music is the doctor of my soul», sangen einst die Doobie Brothers und haben die heilende Wirkung von Musik beschworen. Bah, tempi passati. Heute ist alles anders: Schweizer Hitparadenmusik kann Ihre Gesundheit gefährden. Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

«Ich bin im Erschrockenen-Status,» meint dazu Philipp Fankhauser kürzlich in dieser Zeitung, «für mich ist es schon erschreckend, was in der heutigen Zeit als relevant angesehen wird. Wenn ich Songs aus den Charts anhöre, dann muss ich nur den Kopf schütteln».

Klar: Er selbst, Patent Ochsner, Sina, The Young Gods und Stephan Eicher haben geliefert und servierten Musik auf hohem Qualitätslevel. Aber das machen sie seit Jahren, ja Jahrzehnten.

Aber sonst? Im besten Fall treten an Ort. «Grüselig» nennt Fankhauser das, was Gölä und Trauffer als Büetzer Buebe machen. In dieselbe Kategorie gehören das Heimat-Chörli Heimweh und die Schlagerband Calimeros, die in Deutschland sogar die Spitze der Charts stürmten.

Gotthard rezyklierten halbherzig und mit durchzogenem Erfolg ihr «Unplugged-Projekt», und Krokus tritt ab. Und wo sind eigentlich die aufmüpfigen Rapper, die doch noch vor kurzem die Szene aufrüttelten? Lo & Leduc sind inzwischen im Mainstream angekommen und ihr aktuelles Album «Hype» floppte.

Für den absoluten Tiefpunkt sorgt aber Ganoven-Rapperin Loredana. Die wegen Betrugs angeklagte Ganoven-Rapperin ist in diesem Jahr die erfolgreichste Schweizer Musikerin im deutschsprachigen Raum.

Vom Aufbruchsgeist der 90er- und Nullerjahre ist leider nicht mehr viel übriggeblieben. Daran kann auch der Überraschungserfolg von Luca Hänni beim Eurovision Song Contest nichts ändern. Der Mut zur Erneuerung ist abhandengekommen. Stattdessen wird gekuscht. Ja, nicht anecken, ja niemanden verärgern. Und wenn jemand wie Faber einmal eine dicke Lippe riskiert, wird er abgewatscht.

Dabei gibt es sie, die abenteuer­liche, aufregende und experimentierfreudige Schweizer Musik. Sie blüht dort, wo sich Musiker eben nicht den Gesetzen und Mechanismen des kleinen Schweizer Popmarktes unterwerfen.

Dort, wo sie sich nicht dem Diktat von Radio und Schweizer Fernsehen beugen. Zum Beispiel bei der Bandleaderin, Komponistin und Arrangeurin Sarah Chaksad, die entgegen aller kommerziellen Logik ein Jazzorchester in Big-Band-Stärke leitet und damit Magistrales geschaffen hat.

«Kaum irgendwo passiert so viel Neues wie im Jazz

Oder dann die Elektropop-Bands LIUN + The Science Fiction Band (mit der in Berlin lebenden Sängerin Lucia Cadotsch), Vsitor (mit der Luzerner Sängerin Lea Maria Fries, David Koch und Valentin Liechti) sowie das Berner Duo True (mit Daniela Sarda und Rico Baumann).

Sie alle reichern ihren futuristischen Elektropop mit Elementen der Avantgarde an. Nach einem ähnlichen Rezept verfahren auch Jellici Baldes Spacetracker, die Band von Johanna ­Jellici und Jochen Baldes, die akustische Jazztradition mit elektronischen Experimenten verbindet.

Ist es Zufall, dass bei diesen musikalischen Lichtblicken oft Frauen den Ton angeben? Es sind Musikerinnen, die aus dem System der Mittelmässigkeit und Mutlosigkeit ausbrechen und einen fast vergessenen Pioniergeist wiederbeleben.

Ist es Zufall, dass alle Genannten aus einem jazznahen Umfeld stammen? Tatsächlich ist an den Schweizer Musikhochschulen die befürchtete Akademisierung weitgehend ausgeblieben. Stattdessen wird praxisnah und spartenübergreifend eine hochwertige Arbeit geleistet, von der auch die Schweizer Popmusik profitieren kann.

«Kaum irgendwo passiert so viel Neues wie im Jazz», stellte auch das Popmagazin «Musikexpress» in seinem Jahresrückblick fest. Es ist ein Jazz, der sich von den Konventionen des traditionellen, amerikanischen Jazzbegriffs befreit und neu definiert hat. Ein Jazz, der auch von Frauen getrieben ist.

«Es war vor allem die Musik von Frauen, die dafür sorgte, dass eherne Jazz-Zuschreibungen nicht mehr funktionieren», schreibt das Magazin weiter. Eine neue Generation von Musikerinnen (und Musikern) sorgt mit einer unbedingten Experimentierlust für die nötigen Impulse und befruchtet auch die Popmusik.

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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