Die Schweiz ist Europameisterin in der Sparte Open Airs. Kein anderes Land in Europa hat eine so hohe Dichte. Doch die Luft ist seit Jahren dünn, das Fuder überladen. Gemäss dem Branchenverband der Schweizer Veranstalter SMPA stagniert der Markt auf dem hohem Niveau von gut 5 Millionen Zuschauern pro Jahr. Doch die Auslastung sinkt seit dem letzten Jahr. Der Knick ist da. Der Markt hat seine Kapazitätsgrenze erreicht.

Vor allem die kleinen und mittleren Open Airs litten in der Vergangenheit am Überangebot. Im übersättigten Markt probierten es viele und verschwanden wieder. Nach Jahren des Leidens hat in diesem Jahr auch das Festival Live at Sunset in Zürich Forfait geben müssen. Bei diesem Kommen und Gehen wirkten die etablierten grossen Open Airs wie Felsen in der Brandung. Als sichere Werte in einem stürmischen Umfeld. Die renommierten Schweizer Open Airs St. Gallen, Gurten, Frauenfeld, Paléo und Heitere waren in den letzten Jahren schon Monate im Voraus ausverkauft. Doch das war einmal.

Vier Wochen vor dem Start in St. Gallen waren gemäss SRF erst gut zwei Drittel der Tickets verkauft. Im letzten Jahr wurden die Kassen schon im Februar geschlossen. Jetzt ist erst der 2-Tage-Pass nicht mehr verfügbar. Das ist dramatisch für ein Open Air, das mit vollem Haus rechnet. Nicht viel besser sieht es auf dem Gurten in Bern aus. Erst der Freitag ist ausverkauft. Im Vorjahr waren die 4-Tage-Pässe bereits Mitte April weg. Aber auch am Greenfield-Festival Interlaken, das morgen startet, bei Moon & Stars in Locarno (13.–21. Juli), am Jazzfestival Montreux (29. Juni – 14. Juli) und am Open Air Gampel (16.–19. August) sind noch Tickets in allen Kategorien verfügbar.

«Business as usual» können nur das Open Air Frauenfeld, das Paléo-Festival Nyon sowie das kleinste der Grossen, das Heitere Open Air Zofingen, melden. Alle waren in Rekordzeit ausverkauft.

Fussball-WM und hohe Preise

Gut möglich, dass sich im Fall von St. Gallen und Montreux die Fussball-WM negativ auf die Verkäufe auswirkt, doch für den schleppenden Ticketstart müssen noch andere Gründe geltend gemacht werden. So hat das Gurtenfestival seine Ticketpreise im Schnitt um 12 Prozent angehoben. Ein 4-Tage-Pass kostet inzwischen 311 Franken, 79 Franken mehr als in St. Gallen. «Es ist schon denkbar, dass das Publikum diese happigen Preise je nach Line-up nicht mehr goutiert und sich weniger Festivaltage leistet», sagt Christoph Bill, Heitere-Chef und Präsident der SMPA, «beim Heitere versuchen wir, allfällige Mindererträge und Mehrkosten so lange wie möglich nicht auf die Zuschauer abzuwälzen. Wir stehen für faire Preise». Ein 3-Tage-Pass kostet in Zofingen je nach Zeitpunkt und Verfügbarkeit zwischen 125 und 185 Franken.

Es fehlt die Exklusivität

Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet halt auch das Musik-Programm. In St. Gallen, zum Beispiel, ist Depeche Mode der Headliner. Doch die Techno-Pioniere sind schon im Vorjahr im Letzigrund-Stadion aufgetreten. Und auch die Gurten-Headliner Alt-J und Gorillaz spielten zuletzt im letzten Januar und November 2017 in der Schweiz. Es fehlt die Exklusivität. Aber auch die Festivals in Montreux und Nyon konnten in diesem Jahr keine wirklichen Coups landen. Paléo-Headliner Lenny Kravitz spielt zwei Wochen zuvor schon im Hallenstadion. Die wirklich zugkräftigen Superstars wie Ed Sheeran, Foo Fighters, Helene Fischer, die Toten Hosen und Justin Timberlake geben in diesem Jahr Einzelkonzerte. Die Open Airs und Festival müssen sich mit den Brosamen begnügen, mit Stars zweiter Klasse und Newcomern.

Internationalisierung

Die grösste Überraschung im Festivalsommer ist Kendrick Lamar am Open Air Zürich. Doch selbst das Konzert des angesagtesten, relevantesten Rappers unserer Zeit am 23. August ist noch nicht ausverkauft. In Zürich sind noch alle Kategorien verfügbar.

Mit Eminem hat auch das Open Air Frauenfeld einen dicken Fisch an Land gezogen. Dementsprechend schnell war das Hip-Hop-Festival ausverkauft. Es profitiert davon, dass das Open Air vor einem Jahr von «Live Nation» übernommen wurde. Der US-Eventriese hat viele «Big Shots» in seinem Angebot und fährt eine aggressive, expansive Strategie. Es geht um Grösse und um Marktanteile. Er kauft deshalb alles, was möglich ist. Künstler um Künstler, Festival um Festival, Veranstaltung um Veranstaltung auf der ganzen Welt. Auch in der Schweiz. «Konzentrations- und Internationalierungsprozesse werden in der Schweizer Konzert- und Festivallandschaft weiter voranschreiten», sagt Bill. Die Karten werden neu gemischt.