Literatur

Schriftstellerin Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis – Ihre Lyrik lohnt sich auch für Junge

Elke Erbs Gedichte bestechen durch eine erforschende und prozessuale Schreibweise.

Elke Erbs Gedichte bestechen durch eine erforschende und prozessuale Schreibweise.

Ein Auswahlband der Büchner-Preisträgerin Elke Erb stellt Texte aus 50 Jahren vor und zeigt, dass die Dichterin auch dem Lyrik-Nachwuchs viel zu sagen hat.

Zum Glück hatte es Elke Erb nie auf Erfolge wie renommierte Preise oder eine Anthologie im Suhrkamp-Verlag abgesehen. Denn 45 Jahre nach Erscheinen ihres ersten Gedichtbands stellen sich diese Würdigungen nun mit reichlicher Verspätung ein. Die 1938 geborene Dichterin, Übersetzerin und Lektorin veröffentlichte ihr Werk stets in Kleinverlagen, nicht nur zu DDR-Zeiten, als sie sich als hartnäckige Kritikerin mit dem Regime anlegte, sondern auch nach der Wende. Zuletzt hatte sich der Schweizer Kleinverleger Urs Engeler um ihre Werke gekümmert.

Nun spricht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Erb den Büchnerpreis und damit die wichtigste literarische Anerkennung zu, für ihre Verdienste um die Poesie «als politische und höchst lebendige Erkenntnisform». Das wird ihr Werk einer breiteren Leserschaft zur Aufmerksamkeit bringen. Den Herausgebern des Auswahlbandes war sie freilich längst eine geschätzte und bewunderte Kollegin, auch wenn sie mindestens die Mutter von Monika Rinck und Steffen Popp sein könnte. Wie ist es zu schaffen, noch nach 50-jähriger schriftstellerischer Tätigkeit die Anerkennung der nachwachsenden Dichtergenerationen zu geniessen?

Sie beschreibt ihre unmittelbare Umgebung

Die Antwort ist in Erbs künstlerischer Haltung zu finden, die sich auf verschiedenen Ebenen manifestiert. Zum einen überrascht sie ihre Leser immer wieder mit ihrem radikal vorbehaltlosen Zugriff auf die Themen ihrer Gedichte. Diese Themen sind seit jeher die Gegenstände und Umstände, die sie umgeben. Die Szenerie ist oft der eigene Schreibtisch, der Frühstückstisch oder der Blick aus dem Fenster. «Die Mutter holt Kartoffeln» heisst ein frühes Gedicht, in dem die Sprecherin beschreibt, wie sie ihrem Kind Kartoffelbrei kocht und damit leben muss, dass das Kind nicht essen will.

Die eigenwillige Thematisierung dessen, womit sie leben musste, war auch ihre Antwort auf das repressive Regime der DDR. Nach Erbs eigener Auskunft war die Auseinandersetzung mit der hohlen Sprache der Ideologie die Motivation für ihre ersten Gedichte.

Beobachtungen ohne Vorbehalt

Nicht Phrasen, Konventionen und einschnappende Begriffe, sondern vorbehaltlose Beobachtung, Analyse und Reflexion auch der unscheinbarsten Sachverhalte wollte sie leisten. «Kaum setze ich die Feder an, bohrt sie sich in den Grund. Auch schon ohne Papier, schon im Kopf», so lautet in einem Gedicht aus den 80er-Jahren das treffende Bild für die eigene Arbeit.

Damit ist ein weiterer Wesenszug von Erbs Dichtung angezeigt. Ihre Gedichte benutzen das Leben als Material, ohne jedoch im landläufigen Sinn autobiografisch zu sein. Sie reflektieren insbesondere die Situation ihrer Entstehung und befragen sich immer auch selbst. Stücke wie «Auskunft nachts» oder «Betrachtung» weisen im Titel darauf hin und auch die Gewohnheit, das exakte Entstehungsdatum unter ihre Texte zu setzen, verstärkt deren Verbindung zum realen Entstehungskontext.

Elke Erb bei einer Lesung an der Leipziger Buchmesse.

Elke Erb bei einer Lesung an der Leipziger Buchmesse.

Rückgriff auf die lyrische Tradition

Unerschrocken und lustvoll inkonsequent ist überdies Erbs Umgang mit der Form des Gedichts. Sie scheint den Vorwurf des Formlosen, Unvollendeten oder Ungrammatischen zuweilen geradezu provozieren zu wollen. Dass sie nichts zu müssen beansprucht, ist an vielen Arbeiten an der Grenze zwischen Gedicht und Prosa abzulesen – einer Grenze, die sie mit ihrem Gesamtwerk gründlich verwischt hat. Doch immer wieder hat Erb zugleich mit Metren und Reimen experimentiert, und auch ein gelegentlicher deutlicher Rückgriff auf die lyrische Tradition, etwa den Symbolismus oder die Pastorallyrik, hat sie sich nicht verkniffen.

Doch weder in der Form noch in der Formlosigkeit liegt das Typische von Erbs Dichtung, sondern in ihrer Methode, den Sprachlauten nachzulauschen und nachzufolgen. Im Gedicht «Im Ohr repetiert» etwa, führt sie diese vor und macht sie zugleich zum Thema:

Die Lektüre eines Mallarmé-Textes «steigt auf», doch weniger im Denken als im Hören. Denn der deutsche Titel ist von einer knackigen Alliteration geprägt: «Ketzereien, die Kunst betreffend. Die Kunst für alle». Nachdem «Mallarmé» schon im «Tee» einen Anklang gefunden hatte, führt seine «Schelte» zum Binnenreim mit «bellte», und dessen Subjekt, der «Hund», mit dem «Grund» der Sache.

Erb lässt sich von den Lauten leiten, doch das Resultat ist höchstens im ersten Augenblick sinnlos. Die Sache ist durchaus mit Grund. Elke Erb – die übrigens auch mit ihrem Namen gern musikalisch-poetisches Schindluder trieb und Enkel und Erben durch ihre Texte flitzen liess – trank ihren Morgentee, und dabei stiess ihr die Lektüre von Mallarmés elitärem Essay übel auf, der die Kunst dem Volk als aristokratisches Privileg vorenthalten wollte. Intelligenz und reine Poesie hin oder her: An die Kette mit dem jungen Kläffer!

Das Mitliefern der poetischen Selbstbefragung und des Dialogangebots an die Leserschaft hat Erb in vielen Gedichten auch explizit gemacht, etwa im Band Kastanienallee, wo sie ihre Gedichte selbst kommentiert. «Der Kommentar aber ist ja fast stumm», heisst es einmal.

Das ist keineswegs ironisch oder herablassend gemeint, sondern als Signal an die Leser und Mitdenker. In den jüngeren Kreisen der deutschsprachigen Lyrik stösst Erb damit auf viel Resonanz. Denn unter der Generation von Erbs Enkeln haben sowohl die poetologische Selbstreflexion wie der Austausch in der Community einen grossen Stellenwert. Und ebenso die beharrliche, ergebnisoffene Spracharbeit jenseits des Festgesetzten – die ihre 82-jährige Kollegin seit über fünf Jahrzehnten vorantreibt.

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