Schauspielhaus Zürich

Schlafen und die Welt vergessen: So verschafft sich eine junge Frau ihren persönlichen Lockdown

Lieber zum Eisblock erstarren als ein falsches Leben führen: Alicia Aumüller ist in Yana Ross' Inszenierung die namenlose Protagonistin aus dem Roman «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung».

Lieber zum Eisblock erstarren als ein falsches Leben führen: Alicia Aumüller ist in Yana Ross' Inszenierung die namenlose Protagonistin aus dem Roman «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung».

In Ottessa Moshfegh’s Roman «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung» beschliesst eine junge Frau ein Jahr lang durchzuschlafen. Die amerikanisch-lettische Regisseurin Yana Ross bringt dieses groteske Projekt auf die Zürcher Pfauenbühne.

Körper und Geist runterfahren, den Soundtrack der Welt dämpfen, sich vom pausenlosen Lebenskrisengeschnatter der Freundin nur noch wie von ruhiger Loungemusik berieseln lassen. Stattdessen Schlafpillen futtern wie Chips. Bei zu lauten Erinnerungen helfen Filme: Zehn mal «Air Force 1», oder «Frantic» oder «Ghost» bringen die eigene Existenz zum Verschwinden.

Wie die namenlose Protagonistin in Ottessa Moshfegh’s Roman «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung» sich mit Konsumgütern in die totale Besinnungslosigkeit meditiert, ist an Zynismus nicht zu überbieten. Von Juni 2000 bis Juni 2001 schläft die namenlose Mittzwanzigerin aus privilegierten Verhältnissen und einem unverwüstbaren Modelkörper sich die Welt schön und hält sich die verhasste Welt mit offener Feindseligkeit vom Leib. Eine durchgeknallte Psychiaterin hilft ihr bei der Akquise von Lithium, Maxiphen, Chloraldurat und wie die Pillen alle heissen. Sie sollen sie von der Realität entkoppeln, was ihr fast gelingt. Bis sie schlafwandelnd ihr altes Leben wieder aufnimmt, im Internet Designerhosen shoppt und sich auf Datingplattformen rumtreibt.

Isolation und Realitätsflucht als Überlebensstrategien

Die amerikanisch-lettische Regisseurin Yana Ross, Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich, hätte den Stoff eigentlich schon am 9.April auf der Pfauenbühne gezeigt. Dann kam der Lockdown. Wochen lagerte die Inszenierung im Eisschrank. Und jetzt, wo Isolation wie Realitätsflucht als Überlebensstrategien erprobte Mittel sind, wird er mit neuer Brisanz auf uns losgelassen.

Hat 9/11 hautnah erlebt: die amerikanisch-lettische Regisseurin Yana Ross.

Hat 9/11 hautnah erlebt: die amerikanisch-lettische Regisseurin Yana Ross.

An der Generalprobe am Mittwoch lernte man Schauspielerin Alicia Aumüller auf einer überdimensionierten zerknitterten China-Food-Box sitzend als eben jene schöne New Yorkerin kennen. Die Türen ihrer Loft sind vereist. In einem cremefarbenen Unterwäschedings ist sie weder sexy noch aufregend, aber der Ekel ist ihr tief in die Mundwinkel eingegraben. Sie wird da nicht liegen bleiben, auch wenn sie nichts als das will. Yana Ross packt die den Schlaf störenden Erinnerungen der Protagonistin, bevölkert mit schrillen Charakteren, die mit Statussymbolen, Ratgeberliteratur und Filmplots ihr leeres Leben ausstaffieren, in satten Farben auf die Bühne. Liebesszenen sind nachgesprochene Filmszenen. Nirgendwo ist dieser Künstlichkeit zu entkommen. Selbst, als Aumüller in einem Racheakt einen Haufen Scheisse in die Kunstgalerie ihrer Chefin setzt, wird er zu einem gelben Kunstobjekt.

Erst die aus den Twintowers fallenden Menschen vom 11.September haben im Roman schliesslich eine läuternde Wirkung für die vom Elend der Welt unangreifbare Protagonistin. In Momenten der Krise wie in der Pandemie werden selbst die Privilegiertesten kurz aus der Behaglichkeit ihrer Existenz herausgeschleudert. Das weiss auch Yana Ross, die 9/11 in New York hautnah erlebte. Sie weiss also, wovon sie spricht.

Autor

Julia Stephan

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