Satire
Satiriker Patrick «Karpi» Karpiczenko entschuldigt sich für Schweizer Schweinereien

Im Videoformat «Switzerland says Sorry» führt Satiriker Patrick Karpiczenko die schweizerischste aller Kommunikationsformen ad absurdum: die Entschuldigung.

Julia Stephan
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Karpi erklärt Bührle in der ersten Folge «Follow the Monet».

Karpi erklärt Bührle in der ersten Folge «Follow the Monet».

Quelle: Youtube

«Äxgüsi!» «Oh, sorry!» «Scho guet!». Schweizer sind Entschuldigungsprofis. Im Zwischenmenschlichen reagieren sie auf Grenzübertretungen mit einer beispiellosen Hypersensibilität. Es muss nur ein Apfel an der Migroskasse hinter einen Trennstab rollen, und schon beginnt er, der sprachliche Eiertanz um verletzte oder scheinbar verletzte Territorien.

Aber wehe, es geht darum, kollektiv für Verfehlungen einzustehen. Dann machen Herr und Frau Schweizer lieber die Faust im Sack. Der Satiriker und ehemalige «Deville»-Sidekick Patrick Karpiczenko hat deshalb für das SRG-Portal Swissinfo das Video-Satireformat «Switzerland says Sorry!» ins Leben gerufen.

In vierminütigen Clips will er in gutem Schulenglisch für alles Sorry sagen, was die Schweiz in den letzten Jahrzehnten verbrochen hat: für Nazigold und Oligarchengeld, für Rohstoffhandel, für Heidi, LSD und sogar für Carl Gustav Jung. Twitter-Profi Karpi hat in den Echo-Kammern sozialer Medien die formelhaften und reflexhaften Entschuldigungsposts von Promis und Institutionen genaustens studiert.«Die Entschuldigung ist eine moderne Kunstform», ist der Satiriker überzeugt. Das Publikum lechze nach ihr, das habe man gerade wieder nach der Oscar-Ohrfeige von Will Smith beobachten können.

Bührle und Monet: Es geht um «Money, Money, Money»

Die eben erst aufgeschaltete Folge eins hat Karpi dem Bührle-Skandal gewidmet. Wie ein hochmotivierter Neulehrer führt er die Zuschauerinnen und Zuschauer in «Follow the Monet» durch den 200 Millionen Franken teuren Prunkbau und die in ihm beherbergte Kunstsammlung des Nazi-Waffenhändlers, welche die Welt seit Wochen elektrisiert. Warum die Zürcher den Bührle-Bau unbedingt wollten? Karpi erklärt: «Because Zürich, like Bührle, really loves Monet.» Um dann mit Abba zu ergänzen, um was es allen Beteiligten wirklich geht: um «Money, money, money».

Die Auftaktfolge «Follow the Monet» über das schwere Erbe Bührle.

Quelle: Youtube

Über seinen Auftraggeber Swissinfo sagt Karpi augenwinkernd:

«‹Swissinfo› ist ja so etwas wie das ‹Russia Today› der Schweiz.»

Tatsächlich wendet sich das SRG-Infoportal vor allem an Auslandsschweizerinnen und an der Schweiz interessierte Ausländer. Es betreibt Imagepflege im Ausland in 10 Sprachen. Für satirische Beiträge war es bisher nicht bekannt. Auf Anfrage erklärt Chefredaktorin Larissa M. Bieler den Gesinnungswandel so: «Auf dem internationalen Medienmarkt gibt es heute eine Vielzahl satirischer Formate, die hintergründige, journalistische Informationen mit unterhaltenden Elementen mischen. Wir sehen ‹Switzerland says Sorry› in dieser Tradition.» Man werde mit Karpi dieses Jahr sechs Folgen produzieren. Die von ihm aufgeworfenen Themen würden auch künftig journalistisch vertiefend begleitet.

Käse für Russland

Die Themen sollten Karpi so schnell nicht ausgehen. Die Liste der Schweizer Verfehlungen ist lang. In seiner nächsten Folge über die Schweizerische Käseunion will er sich unter anderem auch mit der Frage beschäftigen, warum sich die Schweiz nach der Annexion der Krim 2014 den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen hatte. Als Russland den Import von EU-Käse verbot, konnte die Schweiz ihren Käseexport nach Russland versechsfachen.

Karpi gehört mit Hundert weiteren Kulturschaffenden zu den Unterzeichnern eines Aufrufs, der den Bundesrats beim Krieg in der Ukraine zum Handeln auffordert. Und er hat bereits konkrete Ideen: «Ich bin dafür, dass wir Nord Stream 2 aufkaufen, und unseren geschmolzenen Käse künftig durch die Leitung nach Russland schicken.»