Argovia Philharmonic
Rule, Britannia! So verabschiedet sich Douglas Bostock vom Aargau

Das Beste zum Schluss: Douglas Bostock sagt dem Aargau mit einer britischen Saison goodbye.

Anna Kardos
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Mehr Humor, mehr Pathos: Dirigent Douglas Bostock mit dem Argovia Philharmonic. (Archiv)

Mehr Humor, mehr Pathos: Dirigent Douglas Bostock mit dem Argovia Philharmonic. (Archiv)

Alex Spichale

Wer an England denkt, denkt an nasses Wetter und trockenen Humor, an Fussball und Fish ’n’ Chips; vielleicht auch an die Beatles oder an Buckingham Palace. Aber an grossartige Sinfonien? Fantastische Opern? Wohl eher weniger. Als «Land ohne Musik» hat der Schriftsteller Oscar A. H. Schmitz Grossbritannien gar bezeichnet. Und jetzt das: Das Argovia Philharmonic spielt sich eine ganze Saison lang durch das klingende Britannien.

«Wir sind uns bewusst, dass das ge- wagt scheint. Zumindest, was die Namen auf den Konzertplakaten angeht», erklärt Douglas Bostock, Chefdirigent des Argovia Philharmonic: «Da stehen diesmal nicht Namen wie Beethoven oder Brahms, sondern Finzi und Bantock.» Doch der britische Dirigent, der seit rund 40 Jahren am Bodensee lebt, ist sich sicher: «Das Publikum wird ihre Musik lieben – vielleicht sogar mehr als viele bekanntere Werke. Denn bei den Komponisten handelt es sich sozusagen um den englischen Brahms und den englischen Dvorak – wer sie hört, ist augenblicklich verzaubert.»

Brexit à la Bostock?

Einzigartig scheint die Saison 2018/2019 aber nicht nur, weil sie britisch ist. Sie wird auch Bostocks letzte Saison beim Argovia Philharmonic sein – steht ein Brexit à la Bostock an? Davon will der Dirigentnichts wissen: «Der Brexit ist eine Schande. Wenn es so weit ist, werde ich meinen britischen Pass abgeben», stellt er resolut klar. Beim Argovia Philharmonic wird er nach 18 gemeinsamen Jahren sein Amt mit einem «Last Night»-Konzert niederlegen, inspiriert von der britischen Klassik-Party «Last Night of the Proms» (es lohnt sich, den 28. Juni 2019 schon vorzumerken).

Doch davor erwartet in der kommenden Saison das Orchester sein Publi- kum mit fünf grossen Abo-Konzerten. Sie tragen klingende Titel wie «England ahoy!» (u. a. mit Bantocks «Pagan Symphony») oder «Views of Scotland» (u. a. mit Mendelssohns «Schottischer» und Pendereckis «Serenada per archi»); «Then and now» (mit Purcell und Haydn); «Discovery UK» (mit Brittens Klavierkonzert sowie Elgars «Orgelsonate» op. 28 in der Orchesterfassung) – und als letztes, reguläres Abokonzert: «Best of Bostock» mit «A London Symphony» von Ralph Vaughan Williams sowie Frank Bridges «The Sea».

Best of Bostock

Ob in diesem «Best of Bostock»-Konzert auch das persönliche Lieblingswerk des Dirigenten erklingt? «‹The Sea› von Frank Bridge ist das grossartigste Orchester- werk überhaupt, welches ein Meer beschreibt», schwärmt Bostock und fügt an: «Ich sage das im vollen Bewusstsein um Werke wie Debussys ‹La Mer›». Das lässt aufhorchen. Und laut dem Briten kann man die Ohren gleich offen behalten: «Auch in Ralph Vaughan-Williams ‹London Symphony› wird sich jeder unmittelbar verlieben. In dieser Musik kann man die Marktweiber klatschen hören, das geschäftige Treiben der Grossstadt. Aber am Ende folgt eine lange, leise Coda.»

Stichwort «best of»: Auf die Frage, was das Beste an der britischen Musik sei, antwortet Douglas Bostock: «Wie in jedem Land gibt es auch in Grossbritannien ganz verschiedene Werke für ganz verschiedene Besetzungen. Aber eine Besonderheit und Charakteristik dieser Musik liegt in ihrer Farbenvielfalt – und der Art, mit dem Publikum zu kommunizieren. Das geschieht weniger verschlüsselt als in der französischen Musik und oft weniger philosophisch als in der deutschen. Die Briten nutzen die Farben und Texturen zur Kommunikation mit dem Zuhörer.»

Musik wie grüne Wiesen

Tatsächlich. Englische Musik ist oft satt und sinnlich, mit eingängiger Melodik. «Sie hat einen pastoralen Grundcharakter», fasst der Chefdirigent zusammen. «Darum ist auf jedem zweiten CD-Cover mit englischer Musik eine grüne Wiese abgebildet», fügt er lachend hinzu. Doch deswegen die britische Musik als Feld-Wald-und-Wiesen-Musik zu sehen, wäre falsch.

«Nebst dem pastoralen Grundton haben die Briten ebenso einen Hang zum Zeremoniell und zur Militärmusik, die früh in die Orchestermusik eingeflossen ist. Darum waren Blechbläser in der britischen Musik früh gleichberechtigt und teilten sich mit den Streichern die Melodien, statt nur Begleitung zu blasen», fasst er zusammen.

Wen wunderts da noch, dass nebst dem Pianisten Oliver Schnyder in der aktuellen Saison vor allem Blasinstrumente als Solisten ein Stelldichein geben: Saxofonistin Jess Gillam (mit Edward Gregsons «Saxophone Concerto»); Trompeter Gabor Boldoczki (mit Haydns «Trompetenkonzert») und sogar ein Euphonium (eine weniger tiefe Tuba) ist mit von der Partie, gespielt von Steven Mead (er interpretiert Alun Hoddinotts «Euphonium Concerto»).

Bei all dem Tuten und Blasen, aller Melodik und viel sattem Sound – bleibt da der berühmte englische Humor auf der Strecke? Der Dirigent verneint: «Ich finde das überhaupt nicht. Meist zeigt sich der Humor in Form von Parodie oder indem die Musik sich mit einem Augenzwinkern über sich selbst lustig macht.» Auch eine Extraportion Pathos erwartet den Hörer – zumindest für Schweizer Ohren. Aber keine Angst vor Pathos. Damit verhält es sich wie mit der berüchtigten englischen Minz-Schokolade. Beim ersten Bissen denkt man: nichts für mich. Und nach dem dritten Bissen kann man sich nichts Besseres vorstellen.

Was die Minz-Schokolade angehe, sei diese allerdings keine englische Erfindung, sondern eine Französische, kommentiert Douglas Bostock. Aber die Briten hätten es verstanden, vielerlei Einflüsse nach Hause auf die Insel zu tragen. Welche Einflüsse hat umgekehrt England beim Argovia Philharmonic hinterlassen? Klingt das Orchester britischer? Douglas Bostock muss herzlich lachen. «Es klingt auf jeden Fall unverkennbar besser als vor 18 Jahren, als ich hier Chefdirigent wurde. Besonders im Umsetzen von Informationen, die vom Dirigenten kommen, ist es sehr fit geworden. Insofern scheint das Orchester tatsächlich britischer. Denn die Musiker von der Insel sind bekannt dafür, schnell zu arbeiten.» Das tönt nach einem vielversprechenden Auftakt in eine Saison voller Überraschungen, in der man vieles sein wird, nur eines hoffentlich nicht: Not amused.

Das detaillierte Saison-Programm finden Sie unter www.argoviaphil.ch

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