Neuerscheinung
Ruedi Häusermann wieder als Musiker zu hören: Queres Vergnügen von gereiften Virtuosen

Mit Marco Käppeli und Claude Meier hat der Regisseur und Musiker die Umelieder zur Vollwertkost entwickelt.

Pirmin Bossart
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Musiker und Regisseur Ruedi Häusermann, Claude Meier und Marco Käppeli.

Musiker und Regisseur Ruedi Häusermann, Claude Meier und Marco Käppeli.

Zur Verfügung gestellt

Es ist nicht die grelle Geste, die hier anrichtet und Innovation behauptet. Es sind die Statements und Subtilitäten von gereiften Virtuosen, die auf diesem Album aufleuchten und ein paar wundersame Pfade durchs Klanggebiet von Komposition und Improvisation schlagen. «Umelieder» ist eine Kollektion von Songs, die sich kaum so anhören, aber dennoch warm andocken. «Diese Umelieder kommen nicht im Geringsten süffig daher, aber sie kommen uns entgegen», hält Dieter Ulrich in seinen Liner Notes fest. «Anspruchsvolle, streng konzipierte Musik, die sich selbst ganz und gar zugänglich macht.»

Der bekannte und mehrfach ausgezeichnete Aargauer Komponist, Musiker und Regisseur Ruedi Häusermann, ureigen in seinen musiktheatralischen Produktionen, ist in diesem Trio als Klarinettist, Flötist und Saxofonist zu hören. Es ist eine Art Rückkehr zu seinen frühen Interessen für Jazz und freie Improvisation. Am Schlagzeug sitzt Marco Käppeli, in dessen «Marco Käppeli Connection» Häusermann vor gut 30 Jahren spielte. Die beiden sind sich vertraut. In bester Erinnerung ist das anarchische Musikspektakel mit dem Jerry Dental Kollekdoof geblieben, das Häusermann vor 45 Jahren mit einer Super-Crew von damaligen Swiss Jazz School-Abgängern wie Christoph Baumann, Hami Hämmerli, Urs Blöchlinger, Beat Blaser, Peter Schärli und eben Marco Käppeli mitinitiierte.

Mit dem Trio neu erweckt

Ausgangspunkt für die vorliegende Umelieder-Kollektion war die Begegnung mit einem Weiler und seinem Maisfeld im Baselbieter Hinterland, dessen Feldweg «Ume Mais Ume» Häusermann vor Jahren zu einem musiktheatralischen Projekt inspirierte. Es kam nicht zustande, aber die Stücke mit ihren einfachen, singbaren Melodien lagen vor und warteten darauf, in irgendeiner Form neu erweckt zu werden. 2016 war es so weit, als Häusermann im Rahmen der Vernissage zu seinem Werkbuch «Umwege zum Konzert» zum ersten Mal mit Marco Käppeli und dem Bassisten Claude Meier im Trio zusammenspielte.

Häusermann brachte die Umelieder in das Trio ein, um sie in einem improvisatorischen Kontext neu anrichten zu können. Man darf sich das als eine experimentierfreudige und inspirierte Arbeit vorstellen. Jedes Lied sollte ein eigenes klangliches Gesicht bekommen und als Ganzes zu einer Kollektion mit unterschiedlichsten Hörerlebnissen führen. Das ist diesem Trio bemerkenswert gelungen. So ernsthaft und diszipliniert hier auch musiziert wird, so natürlich und heiter entwickeln sich die Stücke.

Dass jedes der elf Stücke einen Titel aus Texten des russischen Dichters Daniil Charms trägt, ist per se schon ein Bonus. «Ich gab mir Mühe, mich in eine fröhliche Stimmung zu versetzen» heisst das erste Lied. Andere heissen «Unsere Sorgen möchten wie haben» oder «Lauter gute Menschen und können keinen kühlen Kopf bewahren». Das Lied «Es ist gefährlich, über alles nachzudenken, was einem gerade einfällt» wird als Trauermarsch intoniert. Das passt zum Selbstverständnis eines musikalisch-theatralischen Machers wie Häusermann, der sich dem Absurden und Gewitzten des Existenziellen seit jeher näher gefühlt hat als dem Glanz und Gloria des Durchschaubaren.

Weder Kunstlied noch Jazz

Auch stilistisch ist das Album, das von SRF2 koproduziert wurde, ein queres Vergnügen. Die singbaren Melodien, die als Kerne vorhanden sind, fügen sich zu einem musikalischen Kosmos, in dem zeitgenössische, kammermusikalische und avantgardistische Elemente ihre Spuren zeichnen und auch das Atmosphärische der musiktheatralischen Erfahrung natürlich einfliesst. Die Grenzen zwischen komponierter Strenge und improvisierter Leichtigkeit sind durchlässig. Es sind keine «Kunstlieder», aber es ist auch nicht Jazz, der einem da entgegenfabuliert. Die Klänge loten aus und verbünden sich, kontrastieren, behaupten, disputieren. Andererseits sind sie immer wieder sehr präzise und harmonisch. Das macht diese Musik intelligent. Und schön.

Hinweis

Ruedi Häusermann / Marco Käppeli /Claude Meier: Die UMELIEDER-Kollektion (Rabbithill Records).