Kultur

Roman aus der Zentralschweiz:Starke Story um junge Liebe und alte Schuld

Der Nidwaldner Peter Zimmermann (47) hat in seinem überraschend starken Romanerstling auch die eigene Jugend verarbeitet.

Der Nidwaldner Peter Zimmermann (47) hat in seinem überraschend starken Romanerstling auch die eigene Jugend verarbeitet.

Der Nidwaldner Peter Zimmermann begeistert mit einem berührenden Romanerstling, der sich weitgehend in der Innerschweiz abspielt.

Das hat Tom gerade noch gefehlt: Völlig unerwartet hat Patrick, Busenfreund aus der 25 Jahre zurückliegenden Gymnasialzeit, seinen Besuch angemeldet und steht alsbald vor der Tür. Beide verbindet – oder vielmehr trennt – ein schlimmes Ereignis von damals. Dieses hängt mit der Handprothese zusammen, die Patrick nun immer wieder demonstrativ zur Schau stellt. Doch was will er eigentlich? Versöhnung? Wiedergutmachung? Rache gar? Die Begegnung setzt Tom immer mehr zu.

Sie bildet die Rahmenhandlung in «Was der Igel weiss», dem Romanerstling des Nidwaldners Peter Zimmermann. Die Hauptstory aber geht zurück in besagte Gymi-Zeit von Tom. Und ist vor allem eine wunderbare Innerschweizer Jugendgeschichte, inspiriert auch der eigenen Biografie des Autors.

Zarte Liebesbeziehung zu ungewöhnlichem Mädchen

Tom gewinnt Patricks Freundschaft, als er sich für einen schwächeren Mitschüler einsetzt. Die beiden schlagen sich durch die Schule, machen Party, Unfug, Kohle mit dem An- und Weiterverkauf von Konzerttickets. Und natürlich stehen immer auch die Mädchen im Fokus der Interessen. Tom ist fasziniert von der unkonventionellen Mitschülerin Jasmin. Zwischen ihnen entsteht eine zerbrechlich zarte Bande, deren physische Zurückhaltung mit den jugendlichen Gelüsten kontrastiert. Jasmin ist Veganerin und gehört zu einer Gruppe, die sich für Tierschutz einsetzt. Oder noch radikaler: Tierhaltung überhaupt abschaffen will. Weniger aus Überzeugung als ihr zuliebe lässt sich Tom in die Gruppe einbinden. Diese plant immer härtere Aktionen, gerade auch gegen tierhaltende Landwirte.

Hier gibt es eine kritische Phase im Roman von Peter Zimmermann. Nämlich als die Gefahr aufkommt, dass das Anliegen des Tierschutzes und die damit verbundenen Ideologien zu sehr in den Mittelpunkt geraten und als eigene Motivation des Autors durchscheinen. Öfter gereicht explizites Engagement für ein Anliegen nicht zum Vorteil der Textqualität. Doch Zimmermann kriegt die Kurve problemlos. Ohne den Tierschutz zu diskreditieren, wird eine persönliche Aktion Toms zum fatalen Fanatismus und zur Katastrophe, die man von Beginn des Buches an erahnt. Womit der Roman ohne jede Aufdringlichkeit auch die Frage aufwirft, wie weit der konkrete Einsatz zu Gunsten von Schwächeren gehen darf.

Die Kunst einer unauffälligen Sprache

Nachhaltig in Erinnerung bleibt nach der Lektüre aber die wunderbare Coming-of-Age-Story um Tom, Jasmin, Patrick und andere Figuren mit dem Hintergrund der 1990er-Jahre und dem Lokalkolorit Nidwaldens, aber auch Luzerns. Man erinnert sich an eigene Themen, Probleme, Kämpfe der Jugendzeit, an tiefst empfundene Emotionen oder auch an kulturelle Genüsse wie etwa den Kauf einer einzelnen Platte, die in der heutigen Zeit von Streaming und Flatrate untergegangen sind. Und die Liebesgeschichte zwischen Tom und Jasmin ist hinreissend erzählt, ohne Illusion, dass sie das einschneidende Ereignis um Patrick oder die Folgejahre überstehen wird. Von Dauer bleibt hingegen die Frage nach Verantwortung und Schuld. Der Roman findet am Ende zu einer Andeutung, wie die beiden ehemaligen Freunde damit umgehen werden.

Peter Zimmermann erzählt in einer einfühlsamen und zugleich unprätentiösen Sprache, die wie gute Filmmusik nicht in den Vordergrund drängt, sondern ganz im Dienste der Handlung und der Emotionalität steht. Es ist ein erstaunliches und faszinierendes Romandebüt, mit Sorgfalt herausgebracht vom Luzerner Verlag Edition Bücherlese, der einmal mehr sein Gespür für auch regionales Talent unter Beweis stellt.

© CH Media

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