Rock
Zeal & Ardor und die Ankunft des Grenzgängers

Das Basler Bandprojekt um den Musiker Manuel Gagneux macht sich mit dem dritten Longplayer in der Nische breit. Das ist ebenso mutig wie klug.

Stefan Strittmatter
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Der 32-jährige Basler Sänger und Multi-Instrumentalist Manuel Gagneux ist das Mastermind hinter Zeal & Ardor.

Der 32-jährige Basler Sänger und Multi-Instrumentalist Manuel Gagneux ist das Mastermind hinter Zeal & Ardor.

Matthias Willi

Das Grollen des Synthesizers verheisst nichts Gutes. Kurz darauf ertönen Schlachtenrufe und Marschiergeräusche. Dann erhebt der Wortführer die Stimme: «I’ve spent 13 years / simply waiting here», und der Chor wiederholt die Zeilen wie ein Mantra. Schon jetzt ist klar: Das Warten hat ein Ende.

«Zeal & Ardor» heisst der kurze Song, der das gleichnamige dritte Album der ebenfalls gleichnamigen Basler Band eröffnet. Es ist ein erster Einblick in einen Abgrund, der sich mit dem angehängten «Run» weiter und tiefer öffnet, als man es sich in den kühnsten Albträumen hätte ausmalen können. Eine intensive Dreiviertelstunde später ist das Gewitter vorbei, und man sitzt patschnass unter dem Kopfhörer: Der musikalische Höllenritt ist ein blendender Lichtblick im helvetischen Rockschaffen – Gospel trifft auf Black Metal, Angstschweiss vermengt sich mit Freudentränen. Welch grossartige Mischung!

Wie bei jeder geglückten Rezeptur besteht auch bei Zeal & Ardor die Gefahr, dass man sich zu stark bei der Herstellung aufhält, statt sich auf die Wirkung einzulassen. Ein Phänomen, dem Manuel Gagneux, der Braumeister hinter den eigenwilligen Senkrechtstartern, offenbar öfter begegnet. Entsprechende Fragen zur Genrezuweisung und zur anfänglich als Jux gedachten Verschmelzung zweier so gegensätzlicher Musikstile handelt er routiniert ab. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er höflich, aber knapp: «Ich sehe es so, dass wir das Glück hatten, je eine Schublade zu haben.» Berechnung sei da aber keine mit im Spiel, er mache einfach das, was er könne.

Ein grosser Wurf geglückt

Dabei liegt genau hier die Krux in Gagneux’ Schaffen: Die musikalischen Talente des 32-jährigen Baslers mit afroamerikanischer Mutter und Walliser Vater sind dermassen breit gestreut, dass es ein Wunder ist, dass er sich nicht andauernd in Nebenprojekten verzettelt. Als DJ oder als pop-affiner Elektrotüftler unter dem Pseudonym Birdmask, gar als Dialektrapper hat man ihn schon erlebt – und bestaunt.

So überrascht es nicht, dass sich Gagneux zum Zeitpunkt dieses Interviews bereits wieder im Studio befindet. Er arbeite an «etwas anderem», gibt er Auskunft. Mehr könne er dazu noch nicht sagen. Und man fühlt sich geradezu dazu verpflichtet, ihn gedanklich zu Zeal & Ardor zurückzuholen. Ihn daran zu erinnern, was für einen Wurf er mit seinem Gospel-Metal-Projekt in diesen Tagen aus der Taufe hebt.

Die musikalische Vision geschärft

Auf zwei Studio- und einer Liveplatte, einer EP mit politischen Songs zur «Black-Lives-Matter»-Bewegung sowie an unzähligen Konzerten um den Globus hat Gagneux seine musikalische Vision geschärft. Standen sich die bluesig-spirituellen Gesänge und die vertrackten Instrumentalpassagen anfänglich noch etwas feindselig gegenüber, so sind sie mittlerweile zu einem Ganzen verschmolzen, das in den besten Momenten grösser ist als die Summe seiner Teile. Und auf dem dritten Album gibt es zahlreiche dieser besten Momente.

«Feed The Machine» bedient sich des bewährten laut/leise-Wechselbads, erzielt jedoch ungeahnte Höchstwerte auf der Wutskala. Gagneux entlockt seinen Stimmbändern hier Laute, die einen staunen lassen, dass er danach überhaupt noch sprechen kann. Auch «Erase» zerschmettert die Bedenken all jener, die die Metal-Ausbrüche von Zeal & Ardor in der Vergangenheit als aufgesetzt empfanden. Und «Golden Liar» erweitert das Klangspektrum in Richtung Spaghetti-Western, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Das ist ein Verdienst des gereiften Songwritings, aber auch der auf Topniveau angehobenen Produktion, die insbesondere Schlagzeuger Marco Von Allmen ins richtige Licht rückt.

Keinerlei Kompromisse eingehen

Manuel Gagneux will sich nicht verstellen: «Wir spielen einfach immer so, wie wir es immer tun.»

Manuel Gagneux will sich nicht verstellen: «Wir spielen einfach immer so, wie wir es immer tun.»

Georg Gatsas

Hatten sich Zeal & Ardor auf den bisherigen Alben mit einzelnen Songs, die ohne Drumsalven, Gitarrenwänden und angeschwollene Halsschlagadern auskamen, kurzzeitig etwas näher an die Massentauglichkeit herangewagt, so ist «Zeal & Ardor» nun ein Bekenntnis zur Nische. Lieber für ein geneigtes Publikum keinerlei Kompromisse eingehen als im Mainstream farblos untergehen.

Diese Haltung zeigt Manuel Gagneux auch in Bezug auf seine Konzerte: Auf der im Winter absolvierten US-Tour habe er die Headliner Mastodon und Opeth als «auffällig nett» und ihre Fans als sehr aufgeschlossen wahrgenommen. Ähnlich zuversichtlich darf Gagneux auf die im Mai anlaufende Europatournee im Vorprogramm der schwedischen Extrem-Metaller Meshuggah blicken. Auch hier steht fest, dass er keinerlei Zugeständnisse eingehen will für jene Fans, die Zeal & Ardor noch nicht kennen: «Ich glaube, wenn man sich zu sehr anpasst, läuft man Gefahr, ein Publikum für sich zu gewinnen, das die eigentliche Musik, die man macht, nicht mag», sagt er.

Der bisherige Erfolg und das mutige neue Album geben ihm recht. Und wie fast jede stimmige Rezeptur entpuppt sich auch diese am Ende als unerwartet einfach: «Wir spielen einfach immer so, wie wir es immer tun», sagt Manuel Gagneux. Und ehe er sich wieder seiner Studioarbeit zuwendet, gönnt er sich doch noch ein bisschen Vorfreude auf die anstehenden Konzerte: «Wir freuen uns riesig, Menschen auf aller Welt wieder anschreien zu dürfen.»

Zeal & Ardor: «Zeal & Ardor», MVKA, Radicalis.
www.zealandardor.com

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