Weltpremiere
Musical in St. Gallen: Rock meets Renaissance

Am Theater St.Gallen feiert «Lady Bess» die deutsche Weltpremiere. Das Musical zeigt die Geschichte Königin Elizabeths I. als Historiendrama.

Mirjam Bächtold
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Königin Mary Tudor (Wietske van Tongeren, links) setzt Halbschwester Elizabeth (Katia Bischoff) mit ihrer manipulativen Art zu.

Königin Mary Tudor (Wietske van Tongeren, links) setzt Halbschwester Elizabeth (Katia Bischoff) mit ihrer manipulativen Art zu.

Bild: Edyta Dufaj

Intrigen, Rache, Putsch-Pläne und Mordversuche: Die Jugendzeit von Königin Elizabeth I. würde sich für einen Thriller eignen. Bei Autor Michael Kunze und Komponist Sylvester Levay wird der Stoff zum dramatischen Musical. Blutrünstig wird es bereits zu Beginn: In einem Schnelldurchlauf wird die Geschichte von Elizabeths Kindheit und der Hinrichtung ihrer Mutter Anne Boleyn erzählt und wie ein Highspeed-Marionettentheater nachgespielt. In diesem Prolog werden viele Jahre in wenige Minuten gequetscht – ein etwas abrupter Einstieg.

Das Musical «Lady Bess» hatte am Samstagabend am Theater St.Gallen Weltpremiere – zumindest die gekürzte Neufassung, uraufgeführt wurde das Stück 2014 in Tokio auf Japanisch. Doch das Theater St.Gallen hat sich als Musicalbühne gerade auch für Welturaufführungen («Wüstenblume», «Matterhorn», «Moses») etabliert, weshalb Kunze und Levay die deutsche Neufassung hier präsentieren wollten.

Zwiesprache mit der toten Mutter

Die eigentliche Erzählung setzt 1554 ein, als Königin Mary Tudor eine Schreckensherrschaft gegen Protestanten führte, die sie als Ketzer zu Tausenden hinrichten lässt. Sie will England um jeden Preis wieder katholisieren. Das Volk hingegen sähe lieber ihre protestantische und humanistisch erzogene Halbschwester Elizabeth auf dem Thron und plant – angeführt von Rebellenführer Thomas Wyatt – eine Verschwörung gegen Mary. Elizabeth wird verdächtigt, am Komplott beteiligt zu sein, und wird in den Tower gesperrt.

Anne Boleyn, Lady Bess' Mutter (Katja Berg), tritt im Musical als Geist in Erscheinung.

Anne Boleyn, Lady Bess' Mutter (Katja Berg), tritt im Musical als Geist in Erscheinung.

Bild: Edyta Dufaj

Nebst den historischen Fakten, die den Rahmen für die Handlung bilden, stehen vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Gefühle der Charaktere im Zentrum. Das Autorenteam setzt dabei auf drei starke Frauenfiguren. Neben den rivalisierenden Halbschwestern Mary und Elizabeth wird der zukünftigen Königin der Geist Anne Boleyns zur Seite gestellt. Ein genialer Schachzug der Autoren, die tote Mutter mit ihrer Tochter in einen Dialog treten zu lassen. So wird das Trauma, das die junge Elizabeth plagt, deutlich. Anne Boleyn wurde als Ehebrecherin hingerichtet und war Elizabeth, die zum Bastard erklärt wurde, lange als Verbrecherin bekannt und verhasst. Erst im Gefängnis kommt sie ihrer Mutter wieder nahe, als diese ihr beisteht. Gesanglich überzeugen Katia Bischoff (Lady Bess), Wietske van Tongeren (Mary) und Katja Berg (Anne Boleyn), die sich stimmlich ähnlich sind und über eine kräftige Stimme verfügen.

Elizabeth lernt fluchen und rülpsen

Für die deutsche Weltpremiere konnte ein Cast mit Stars der grossen Musicalbühnen wie Jogi Kaiser, Kerstin Ibald und Tom Zahner gewonnen werden. Wietske van Tongeren stand bereits als österreichische Kaiserin Elisabeth und «Ich» in «Rebecca» auf der Bühne. Sie stellt Mary als knallharte Monarchin dar, die am Ende daran zerbricht, von niemandem geliebt zu werden. Die beiden sind Gegenspielerinnen, obwohl sie sich in ihren Verletzungen gleich sind. Van Tongeren bringt die Wandlung Marys sehr glaubwürdig herüber. Die Entwicklung der Figur der Lady Bess von der hochnäsigen Prinzessin zur Frau, die ihre Liebe für den Dienst an ihrem Volk opfert, wird durch Worte angedeutet, bleibt aber oberflächlich.

Der Musiker Robin Blake (Anton Zetterholm) verliebt sich in Lady Bess. Hier im Wald mit seinen Künstlerkollegen.

Der Musiker Robin Blake (Anton Zetterholm) verliebt sich in Lady Bess. Hier im Wald mit seinen Künstlerkollegen.

Bild: Edyta Dufaj

Für Auflockerung in der von Intrigen geprägten Geschichte sorgt Robin Blake (Anton Zetterholm), ein fiktiver Charakter, in den sich Elizabeth verliebt. Er nimmt die Prinzessin als Mann verkleidet mit ins Pub und bringt ihr bei, zu fluchen und zu rülpsen. Eine witzige Szene, die der mehrheitlich ernsten Handlung guttut. Die Lacher des Publikums hat auch Kronprinz Phi­lipp von Spanien (Lukas Mayer) auf seiner Seite, etwa wenn er in kurzen Pluderhosen Flamencoschritte stampft.

Aufwenig gestaltete Renaissance-Kostüme

Königin Mary (Mitte) und ihre Hofdamen tragen aufwendig gearbeitete Renaissance-Kostüme aus edlen Stoffen.

Königin Mary (Mitte) und ihre Hofdamen tragen aufwendig gearbeitete Renaissance-Kostüme aus edlen Stoffen.

Bild: Edyta Dufaj

Sylvester Levays Komposition verbindet Elemente der Renaissance mit moderner Pop- und Rockmusik. Er lässt keltische Musik einfliessen, lässt den spanischen Prinzen zu Flamenco-Klängen und dem Intro der Habanera tanzen. Die vielseitige Musik überzeugt durch dramatische Rocksongs ebenso wie mit zarten Duetten.

Ein Highlight sind die vielen aufwendig gestalteten Renaissance-Kostüme (Falk Bauer), für die man sogar die Stoffe nach Wunsch weben liess. Das schlichte Bühnenbild (Christopher Barreca) besteht aus Mauern und Türmen, die vielseitig einsetzbar sind vom Palast über Mauerreste im Wald bis zur Westminster Abbey. Dort endet das Stück mit Elizabeths Krönung: Ein eindrücklicher Moment, der unter die Haut geht. Das Publikum belohnt die Darbietung mit Standing Ovations und Sylvester Levay verneigt sich vor seiner Elizabeth.

Lady Bess bis 30. April, Theater St.Gallen.

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