Striving for Light

Reise in Stockhausens neue Musikwelten für elektronische Klänge

Ein Blick in die Laboratorien früherer elektronischer Musik: Karlheinz Stockhausen 1960 im elektronischen Studio Köln – bei der Arbeit an «Kontakte»

Ein Blick in die Laboratorien früherer elektronischer Musik: Karlheinz Stockhausen 1960 im elektronischen Studio Köln – bei der Arbeit an «Kontakte»

In der Gare du Nord gibt es drei Konzerte mit elektronischen Werken von Karlheinz Stockhausen. In den Konzerten in der Gare du Nord steht je ein rein elektronisches Werk einem Werk für Elektronik und Stimme gegenüber.

«Vier Jahre lang hat mir die Arbeit mit Karlheinz Stockhausens Musik grosse künstlerische Erfüllung gebracht», erzählt der Basler Sänger Michael Leibundgut. Die intensiven Begegnungen mit Werken eines der wichtigsten musikalischen Erneuerer des 20. Jahrhunderts (1928–2007) nennt er seine «prägendsten beruflichen Erlebnisse». Der Bass Michael Leibungut sang 2010 bei der Uraufführung von dem Fragment gebliebenen Werk «Klang – die 24 Stunden des Tages» die «14. Stunde – Havona» für Bass und elektronische Musik. Und er wirkte in den szenischen Uraufführungen von «Sonntag aus Licht» 2011 in Köln und von «Mittwoch aus Licht» 2012 in Birmingham mit sowie 2013 in München in der deutschen Erstaufführung von «Samstag aus Licht» mit – in drei Teilen des siebenteiligen, insgesamt 29 Stunden dauernden Opernzyklus «Licht» (1977–2003).

Nun bringt Leibundgut eine Auswahl der hier selten zu hörenden elektronischen Musik Stockhausens in drei Konzerten (vom 8. bis 10. Januar) nach Basel – in die Gare du Nord, den Bahnhof für zeitgenössische Musik. Für die zentrale Klangregie konnte er die Stockhausen-Expertin schlechthin gewinnen: Kathinka Pasveer. Die niederländische Flötistin ist die einzige, die Stockhausen bei der Realisierung seiner elektronischen Musik als Mitarbeiterin akzeptiert hat, wie sie in unserem Gespräch erzählt. Sie ist – nicht allein bei der Klangregie – die rechte Hand von Stockhausen gewesen. Sie vermittelt noch heute die originale Aufführungspraxis seiner Musik. Die Flötistin, für die der Komponist manches Werk schrieb, arbeitete ab 1983 bis zu seinem Tod 2007 eng mit ihm zusammen. Das erste ihr gewidmete Stück war «Kathinkas Gesang als Luzifers Requiem für Flöte und sechs Schlagzeuger», die zweite Szene aus «Samstag aus Licht», die 1983 uraufgeführt wurde.

Pionier elektronischer Musik

In den Konzerten in der Gare du Nord steht je ein rein elektronisches Werk einem Werk für Elektronik und Stimme gegenüber. Dazu hat die Videokünstlerin Nicole Miescher eigene Arbeiten geschaffen.

Morgen Abend gelangt eines der frühen avancierten Werke des Pioniers der elektronischen Musik zur Aufführung: «Kontakte» für elektronische Klänge (4-Spur-Magnettonband, 4 mal 2 Lautsprecher. Mischpult und Klangregler). Beachten wir den Stand der Computertechnik im Jahr 1960, wird hörbar, wie weit seine elektronische Musik in der Komposition wie in der Realisation über seine Zeit hinausweist. Kathinka Pasveer erzählt, wie Stockhausen damals Bänder weit durch den Raum des elektronischen Studios in Köln laufen liess, um einen Loop zu erzeugen. In Stockhausens Text zu «Kontakte» lesen wir: Die meisten «Klänge, Klanggeräusche oder Geräusche entstanden durch vielfache Beschleunigung rhythmisierter Impulsfolgen», wenige andere Klänge wurden mittels Sinusgeneratoren und einem Rechteck-Generator erzeugt. Umso mehr erstaunt der eigene Kosmos an faszinierenden, dicht gebauten Klanglandschaften, den Stockhausen geschaffen hat. Die Reise in diesen Kosmos ist heute noch ein Abenteuer und alles andere als von gestern. Was die populäre Musik später an elektronischen Klängen in banaler Form verwendet hat, das geht auf die Erfindungen Stockhausens zurück.

Stockhausen sei die Entwicklung von Aufnahme- und Computertechnik, von der analogen zur digitalen Technik stets mitgegangen und habe sie für seine Erfindungen genutzt, sagt Pasveer.

Die drei späteren Werke, die in der Gare du Nord aufgeführt werden, sind auf 8-Spur-Bändern realisiert: «Capricorn» aus «Sirius» (1975) und «Havona» (2007) aus «Klang» – beide für Bass und elektronische Musik – sowie das rein elektronische «Cosmic Pulses» (2006/07). «Cosmic Pulses» ist an Komplexität nicht zu übertreffen. In 24 Schichten, die ihre eigenen Raumbewegungen machen, sei es komponiert, merkt Pasveer an. Im Original ist das Werk auf 192 Spuren realisiert, Stockhausen komprimierte es zuerst auf 24 und für die Uraufführung auf 8 Spuren: In dieser Fassung ist das Werk in Basel zu hören – in einem dafür akustisch idealen Saal. Pasveer und Leibundgut loben den runden Aufführungsraum der Gare du Nord, in dem die Klänge richtig kreisen.

Streben nach Licht

Für Michael Leibundgut ist das Studium von «Capricorn» und «Havona» eine künstlerische Herausforderung, der er sich mit ganzer Leidenschaft widmet. Sie erforderten eine lange intensive Probearbeit. Er schätzte dabei die Anweisungen Kathinka Pasveers, die die Kompositionen Stockhausens bis in ihre innerste Klanglichkeit kennt. Es gehe ja auch darum, die spirituellen Inhalte der Musik zu vermitteln. Stockhausens Spiritualität baut nicht auf einer der Weltreligionen, sondern undogmatisch auf allen. «Stockhausen war ein Unitarier im besten Sinne», merkt Leibundgut an. Sein Glaube war humanistisch und pantheistisch: Natur und Mensch sind von Göttlichkeit durchwirkt. «Striving for Light», das Streben nach Licht, ist in Stockhausens Musik. Deshalb wählt Leibundgut das Zitat aus «Sirius», der szenisch-musikalischen Darstellung des Jahreskreises, als Titel der Konzertreihe.

Striving for Light Musik von Karlheinz Stockhausen mit Michael Leibundgut (Bass), Kathinka Pasveer (Klangregie), Nicole Miescher (Video), Igor Kavulek (Tontechnik).
Gare du Nord, Basel.

1. Konzert 8. Januar, 20 Uhr: «Kontakte», «Capricorn» (aus «Sirius»); 2. Konzert 9. Januar, 20 Uhr: «Havona» (aus «Klang»), «Cosmic Pulses»; 3. Konzert 10. Januar, 19 Uhr: «Kontakte», «Capricorn», «Havona», «Cosmic Pulses» und ein Gespräch mit Roman Brotbeck, Michael Leibundgut und Kathinka Pasveer.

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