Red Rocket
Kluge Kritik: In diesem Film über das Sexgeschäft spielt ein echter Pornodarsteller die Hauptrolle

Sean Baker legt mit «Red Rocket» einen Spielfilm über Darsteller und Darstellerinnen von Pornos vor. Im Zentrum: ­«Mikey Saber», gespielt von Simon Rex, für den das Sexgeschäft nichts Neues ist.

Daniel Fuchs aus Cannes
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Gefeierter Regisseur, gut gewählter Darsteller: Sean Baker (l.) und Simon Rex in Cannes.

Gefeierter Regisseur, gut gewählter Darsteller: Sean Baker (l.) und Simon Rex in Cannes.

Bild: Getty Images

Nackte Haut und Sex gibt es zuhauf dieses Jahr am Filmfestival von Cannes. Dazu gehören explizit die Geschlechtsteile. Im Film «Red Rocket» ist es ein Penis, der zwischen den Beinen von Mikey (gespielt von Simon Rex) schwingt, als er durchs nächtliche Texas City rennt, nachdem er wegen krummer Geschäfte aus dem Haus seiner Ex-Frau Lexi geworfen worden ist. Im Kino sorgt die Szene natürlich für herzhafte Lacher. Was gibt es Heitereres, als einem Nackten beim Rennen zuzusehen?

Nach Jahren als Darsteller in Pornofilmen ist Mikey aus Los Angeles in seine Heimat Texas City zurückgekehrt. Mangels Geld sucht er Unterschlupf bei seiner Ex-Frau Lexi und deren Mutter. Lexi, anfänglich alles andere als begeistert über den Zuzug ihres Ex-Manns, verliebt sich erneut in ihn. Doch Mikey verguckt sich in die 17-jährige Raylee, die in einem Donut-Laden arbeitet. Die beiden verlieben sich, und Mikey erkennt in Raylee, die sich selbst den Übernamen Strawberry gegeben hat, ein Naturtalent, und er will sie als Pornodarstellerin gross rausbringen.

Dass dasselbe Vorhaben bereits mit seiner Ex Lexi in die Hose ging, beleuchtet der Film zwar nicht deutlich, die schwierige Vorgeschichte zwischen den beiden ist jedoch dauerpräsent durch die Form ihrer Beziehung, in der es auch wieder zu Sex kommt.

Ausschnitt aus dem Film« Red Rocket» von Sean Baker.

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Vergangenheit mit Masturbationsszenen

Dem US-Regisseur Sean Baker gelingt, nach «Tangerine L.A.» (2015) und «The Florida Project» (2017), mit «Red ­Ro- cket» wieder eine äusserst interes­sante Milieustudie. Nach der Transgender-Prostituierten in «Tangerine» und der alleinerziehenden Mutter am Existenzminimum im Setting der pink Disneyworld-Welt («Florida Project») nimmt sich Baker nun der Pornodarsteller an. Dabei geht Baker zum Teil doku­mentarisch vor. Seine profes­sionellen Schauspieler ergänzt er mit Laien, was stark an Chloé Zhaos Herangehensweise und deren Oscar-Siegerfilm «Nomadland» erinnert.

An der Premiere in Cannes diese Woche schlug «Red Rocket» ein, die Standing Ovations rührten die Darsteller um Simon Rex zu Tränen. «Red Rocket» übertrifft Bakers hochgefeiertes «The Florida Project» und wird sogar als Oscar-Kandidat gehandelt, in Cannes steht der Film im Wettbewerb um eine Goldene Palme. Wann der Film in der Schweiz ins Kino kommt, steht noch aus.

Gegenüber Journalisten betonte Autor und Regisseur Baker am Rande des Filmfestivals, welch wichtigen Raum die Interpretation der Schauspieler einnahm:

«Ich bin gesegnet mit meinem Cast.»

In der Tat hatten Baker und sein Team ein geschicktes Händchen, insbesondere was Bree Elizabeth Elrod (Lexi) und Suzanna Son (Raylee) sowie die Hauptfigur Simon Rex betrifft. Ihm sah man die Nervosität auf dem roten Teppich deutlich an. Seine Darbietung jetzt verschafft dem 46-jährige Kalifornier viel Aufmerksamkeit.

Der Clou: Mit seinem Nachnamen Rex geht er nicht nur als Pornodarsteller durch, er war selbst einer. Allerdings war das in den 1990ern, und Rex trug für Masturbationsszenen in drei Pornofilmen ein Pseudonym. Jetzt hatte er Sexszenen mit zwei verschiedenen Frauen und musste nackt durchs Haus und durch die Gassen rennen. Wie hat er sich vorbereitet? «Sexszenen sind immer ungemütlich zu drehen», sagte Rex vor den Journalisten. Für seine Rolle habe er gar nicht so viel Vorbereitungszeit gehabt.

«Ich stellte mich darauf ein, ein liebenswürdiges Arschloch darzustellen. Denn so interpretierte ich die Rolle.»
Simon RexUS-Schauspieler

Simon Rex
US-Schauspieler

Bild: Keystone

Sexszenen als «Eisbrecher» für den Filmdreh

Liebenswürdig scheint auch Darsteller Rex zu sein. Ausgerechnet am ersten Drehtag überhaupt standen Sexszenen an, wie Raylee-Darstellerin Suzanna Son sagte. «Das war wohl wie ein Eisbrecher», schmunzelte die 25-Jährige, die angab, für ihre Rolle selbst aus ihrer Biografie geschöpft zu haben. «Strawberry war tatsächlich mal mein Nickname auf Social Media, und ich war einst auch eine neugierige 17-Jährige, die sich am liebsten mal einen Strip-Club ansah.»

Beim Drehbuch, das wie schon beim «Florida Project» Chris Bergoch verfasst hat, und beim Dreh, der sich wegen Covid und eines positiven Testresultats bei Regisseur Baker verzögerte, wurden Pornodar­steller und auch Sexarbeiterinnen zur Beratung hinzugezogen. «Mich interessierte in meinen Filmen immer die sogenannte Underground-Economy», sagt Baker vor Journalisten, «und in diesem Bereich ist die Sexarbeit der faszinierendste Teil.» Während die einen darin einen Ausdruck wirtschaftlicher Freiheit sehen würden, wiesen die anderen auf die Aspekte patriarchaler Unterdrückung hin. Für Baker haben beide Aspekte ihre Gültigkeit.

Sein Film übt aber nicht Kritik, er unterhält auf kluge Weise, erzählt die Geschichte eines Gestrandeten, der niemandem Böses will, aber sämtliche Akteure um sich herum auflaufen lässt.

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