Popkultur-Glosse
Weltverbesserer oder Schneeflöckchen? Manche Fans beweisen: Man kann auch ZU woke sein

Woke ist das Wort der Stunde. Wach sein, anständig, gegen jegliche Diskriminierung. Eigentlich etwas Gutes. Eigentlich. Wenn nur manche dabei keinen Heldenkomplex entwickeln würden.

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Die Welt besteht nicht aus Regenbogen und Zuckerwatte. Offensichtlich. Aber etwas ist heute zumindest besser als früher: Egal, welches Geschlecht, Aussehen, Sexualität oder Religion ein Mensch hat, alle sind gleich viel wert. Das ist woke. Und das ist gut. Trotzdem geht es mir manchmal auf den Sack. Natürlich hat jeder Mensch Respekt verdient, aber es gibt Menschen, die ungefragt zu Möchtegern-«Woke-Helden» mutieren. Sie wollen die Welt retten – und schiessen über das Ziel hinaus.

Taylor Swift hat «Woke-Helden» hässig gemacht.

Taylor Swift hat «Woke-Helden» hässig gemacht.

Keystone

Taylor Swift ist fatphobic!

In Taylor Swifts neuem Musikvideo zu ihrem Song «Anti-Hero» gibt es eine Szene, in der sie auf eine Waage steht. Statt einer Zahl erscheint das Wort «Fett», während ihr Alter Ego kopfschüttelnd daneben steht. Das liess bei nicht wenigen Menschen im Internet die Alarmsirenen kreischen: Taylor Swift ist fatphobic! Auf Twitter hiess es: «Dicke Menschen müssen nicht ständig gesagt bekommen, dass es ein Albtraum ist, so auszusehen.»

Oder: «Taylor Swift trieft nur so vor Antifettheit (Ist das überhaupt ein Wort?) und sie stellt ihren dünnen, hübschen Körper öffentlich zur Schau. Dass es ihr Albtraum ist, fett zu sein, ist so beleidigend. (...) Es ist so gewalttätig.» Wie bitte?

Taylor Swift wurde jahrelang von Hatern und Medien öffentlich als «fett» beleidigt und hat offen über ihren Kampf mit Essstörungen gesprochen. Jetzt, wo sie mit einer eindrücklichen Szene Kritik an der Gesellschaft übt und einen Blick in ihre Gefühlswelt zeigt – die übrigens Tausende andere Menschen teilen –, gehen Leute auf sie los. Denn das sei keine «Entschuldigung». Ist das euer Ernst???

Sie darf ihre Gedanken und Erfahrungen also nicht teilen und hat gefälligst den Mund zu halten. Und die «Woke-Helden» haben gewonnen. Taylor hat die Szene entfernt. Toll.

Promis sollen uns gefälligst ihre Sexualität nennen!

In der herrlichen Netflix Serie «Heartstopper» geht es um zwei Highschool-Schüler, die sich verlieben. Schauspieler Kit Connor spielt einen der beiden und ist mit seinen 18 Jahren grandios. Aber: Weil er so gut einen bisexuellen Teenager spielt, sich aber selbst nie zu seiner eigenen Sexualität geäussert hat, werfen ihm Fans der Serie «Queerbaiting» vor.

Der Ausdruck beschreibt eine fiese Marketingtechnik, um ein vielfältiges Publikum anzulocken: Es wird angedeutet, dass ein Charakter beispielsweise schwul ist, aber nie wirklich gezeigt, und im schlimmsten Fall stellt sich die Figur doch als hetero heraus.

Aber einem echten Menschen «Queerbaiting» vorzuwerfen, nur, weil er oder sie nicht sagt, was im Schlafzimmer abgeht, ist genau so daneben. Die Sexualität anderer Menschen – auch wenn sie berühmt sind – geht uns nichts an!

Das sahen «Fans» von «Heartstopper» offenbar anders und belagerten Kit Connor dermassen, bis er auf Twitter schrieb: «Ich bin bisexuell. Gratulation, dass ihr einen 18-Jährigen gezwungen habt, sich zu outen. Ich glaube, manche von euch haben die Serie nicht verstanden.» Seither herrscht Funkstille.

Frauen sind Helden, Männer sind Feinde!

Es sind aber nicht immer Fans, die «Woke-Helden» sein wollen. Manchmal sind es die Macher selbst. Ich habe schon nach der ersten Folge meine Gedanken zu «She-Hulk» auf Disney+ geteilt. Nun ist die erste Staffel durch und ich kann sagen: Ich finde «She-Hulk» ist eine grauenhafte Heldin!

«She-Hulk» hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

«She-Hulk» hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Disney+

Die Serienmacher wollten sie über sämtliche Rassisten und Sexisten triumphieren lassen, aber haben stattdessen eine wahnsinnig unsympathische und überhebliche Bi-, äh, Figur geschaffen. Sie kann alles besser als alle anderen und gleichzeitig hat sie es auch schwerer als alle anderen. Weil sie eine Frau ist. Und wer sie nicht als das absolut Tollste sieht, ist ihr Feind. So wie die Männer. Sie sind die antifeministischen, narzisstischen, dummen Bösewichte, die Angst vor einer starken Frau haben.

Genau das wird auch den Zuschauern vermittelt, die von der Serie nicht begeistert sind. Die sind halt nicht woke. Klar. Daran liegt es und nicht daran, dass diese Serie krampfhaft versucht, einen tiefgründigen Kommentar über die Gesellschaft abzugeben, aber ohne viel Inhalt vor sich hin dümpelt.

Woke oder Schneeflöckchen?

Und doch: Wokeness ist nichts Schlechtes. US-Moderator Trevor Noah hat es sehr schön gesagt: Manchmal sind Menschen so woke, dass sie ihre eigenen guten Absichten versehentlich kaputtmachen.

In einem Beispiel erzählt er, wie er mal mit Freunden unterwegs war. Er war als Einziger nicht weiss. Als jemand von der anderen Strassenseite brüllte: «Hey, du Affe!», sagte einer seiner Freunde sofort zu ihm: «Oh Trevor, das tut mir leid.» Trevor fragte: «Hey, warum glaubst du, er hat mich damit gemeint?» Die Reaktion des Freundes ist zwar völlig nachvollziehbar, trotzdem war er in dem Moment quasi genauso rassistisch wie der Schreihals – falls er denn Trevor meinte.

Es ist ein schmaler Grat, und wenn sie nicht aufpassen, spielen «Woke-Helden» genau denen in die Hände, die gegen sie sind. Auf Social Media wimmelt es von – nennen wir sie mal vorsichtig – «Konservativen», die diese «hysterischen Schneeflöckchen» idiotisch finden. Genau wie ich manchmal auch! Dabei bin ich doch liberal, feministisch und ja, auch woke! Und ich will nicht gleicher Meinung sein wie die!