Pop
«Ich habe viel Rückenwind»: Dino Brandão präsentiert ein starkes Debüt

Dino Brandão macht Musik, die viele Kurven nimmt. Irgendwo zwischen Pop und experimenteller Musik macht der Aargauer eigenständige und einnehmende Musik.

Michael Graber
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Seine Platte ist ein wundersamer Gemischtwarenladen: Dino Brandão.

Seine Platte ist ein wundersamer Gemischtwarenladen: Dino Brandão.

Bild Julien Chavaillaz

Einer der schönsten Tracks dieses nun langsam auströpfelnden Jahres heisst «Bouncy Castles». Er stammt aus der Feder von Dino Brandão und lässt uns bei allem Schwermut glückselig schunkeln. «Life's a bouncy castle/Filled with tears and laughter». Das Leben, ein Auf und Ab, ein «Gompischloss», eine Hüpfburg. Bis die Luft mal ausgeht. Bei Brandão gibt es aber keinerlei Anlass zur Vermutung, dass dies bald mal der Fall sein könnte. Er sitzt tiefenentspannt vor einem Luzerner Lokal und dreht sich eine Zigarette. In einer Stunde startet sein Konzert.

Es habe begonnen «lebendig» zu werden, sagt er. Damit meint er seine Songs. Nachdem seine letzte Band Frank Powers auf Eis gelegt wurde, hat er an eigenem Songmaterial gearbeitet. «Am Anfang war das ein Fass ohne Boden», lächelt er. Viele Ideen schwirrten durch den Kopf, schwirrten wieder raus, einige blieben hängen, andere gingen schnell vergessen. «Ich wollte schauen, wie es so tut», sagt er. Es tat. Herausgekommen ist nun die EP «Bouncy Castle». 20 Minuten, 5 Songs. Es ist ein wundersamer Gemischtwarenladen.

Ein bisschen Schrägheit im Schönen

Pop trifft auf Samba, trifft auf Psychedelic Rock, trifft auf afrikanische Musik, trifft auf eine Ballade, die jazzig ausufert. «Es gibt schon Lieder, die ziemliche Kurven machen», sagt er. Ihm selber gefalle Musik, die ein bisschen «gwagglet» und bei aller Schönheit auch etwas Schräges hat. «Ich kann auch richtig harten Techno feiern, aber dafür braucht er irgendwie ein ganz feines Element, damit es den Sound etwas bricht.» Das hat er unüberhörbar auch in seinen Songs einfliessen lassen. Kaum setzt ein Mitwippen ein, wechselt das Tempo oder die Intensität.

Nur etwas ist immer da: Dino Brandãos Stimme. Zart, manchmal fast zerbrechlich, aber immer klar spürbar und voller Ausdruck. «Das verbindende Glied zwischen all meinen Soundideen ist meine Stimme», sagt er. Und die Sprache. Während er mit seiner alten Band Frank Powers sprachlich aus dem Vollen schöpfte und soeben im Trio mit Faber und Sophie Hunger ein Album auf Schweizerdeutsch veröffentlichte, singt er unter seinem richtigen Namen derzeit nur auf Englisch.

Auch die eigene Krankheit ist Thema

«Englisch ist nun mal die Weltsprache», so Brandão, der angolanische und Schweizer Wurzeln hat. Mittlerweile spielt er auch mal in Paris, Lissabon und anderswo. In seinen Texten setzt er sich auch mit schwierigen Themen auseinander. Es geht um Multiple Sklerose, die bei Brandão diagnostiziert wurde, und auch um die dunkleren Seiten der Globalisierung. «Ich neige dazu, dass ich bei böseren Texten die Musik recht fröhlich halte und umgekehrt», sagt er. Auch das passt zu ihm: Die Hörerinnen und Hörer mit Wohlklang einlullen und dann eine textliche Breitseite setzen. Darauf angesprochen sagt Brandão nur «ja, voll» und lächelt ein schelmisches Lächeln.

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Er spielte Gitarre bei Sophie Hunger in der Band. Für Faber amtete er auch als Produzent. In diesem Sommer haben die drei Freunde gemeinsam im Trio an vielen grossen Orten und sogar in der ausverkauften Hamburger Elbphilharmonie gespielt. Als Dino Brandão sind die Lokalitäten noch deutlich kleiner – das Konzert am Echolot Festival in Luzern wird zwar voll werden, aber es passen insgesamt nur etwas über 100 Personen rein. «Ich geniesse es so wie es jetzt ist, ich habe viel Rückenwind», sagt er und nimmt einen Zug von der Zigarette. «Vor ein paar Jahre wäre ich froh gewesen, es hätte überhaupt eine Bühne und genügend Steckdosen gehabt», so Brandão. Und wie alles was er in der halben Stunde erzählt, wirkt das so authentisch. Er ist dankbar für das was ist und das was vielleicht noch kommt.

Langsam füllt sich das Lokal mit Leuten, Dino Brandão sitzt immer noch in der gleichen Tiefentspanntheit da. Das Gespräch dreht sich mittlerweile ums Skateboardfahren. Auch da wäre er mit Talent gesegnet, nach einem bösem Sturz wurden die Träume aber kleiner. Vielleicht steige er trotzdem wieder vermehrt aufs Skateboard, sagt er. Bald zieht er wieder zurück in den Kanton Aargau, wo er aufgewachsen ist. «Da fahren alle alten Freunde immer noch Rollbrett. Die, welche jetzt in Zürich leben, spielen dagegen alle Tennis oder so», sagt Brandão.

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