Pop
David Bowie: Die vergessenen Perlen aus seiner Babyphase werden erstmals veröffentlicht

Diesen Samstag wäre David Bowie 75 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag schenkt der vor sechs Jahren verstorbene Pop-Visionär der Nachwelt sein noch nie veröffentlichtes Album «Toy» mit unterschätzten Songs aus der Frühphase.

Stefan Künzli
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David Bowie waren die Songs aus seiner Frühphase eine Herzensangelegenheit.

David Bowie waren die Songs aus seiner Frühphase eine Herzensangelegenheit.

Bild: Getty

«Ich habe die Aufmerksamkeitsspanne eines Grashüpfers», sagte David Bowie einst über David Bowie. Was ihn heute interessierte, konnte morgen schon passé sein. Bowie war das Chamäleon des Pop, das sich immer wieder häutete und sich neu erfand. Deshalb mussten nach Major Tom, auch Ziggy Stardust, Starman und Aladdin Sane sterben. Wie kein Zweiter hatte der Visionär die Regeln der schnelllebigen Popwelt verinnerlicht und spürte die Trends und Moden auf, bevor sie zum Mainstream wurden.

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Sein Blick war stets in die Zukunft gerichtet. Doch Ende der 1990er-Jahre, nach dem flirrenden Werk «Earth­ling», auf dem er sich technoiden Klängen und Drum’n’Bass zuwandte, schlitterte er in eine Schaffenskrise. Der Superstar des postmodernen Pop schien seine ­visionäre Kraft verloren zu haben und wandte sich erstmals der Vergangenheit zu – seiner Vergangenheit in den 60er-Jahren. Es war der Moment, wo Bowie seine Identitätssuche auf das ausgerichtet hat, was gewesen ist.

Die 1960er-Jahre waren für den späteren Superstar eine Zeit der Irrwege und Enttäuschungen. Er versuchte vieles und scheiterte immer wieder. Auch sein Debüt von 1967, erstmals unter dem Künstlernamen David Bowie, floppte und seine Plattenfirma lehnte in der Folge eine Reihe von ­Singles ab. Der Frust bei Bowie muss gross gewesen sein. Nicht zuletzt, weil wir heute wissen, dass darunter auch einige Pop-Perlen versteckt waren.

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«Toy» ist bei den Plattenbossen abgeblitzt

Im Jahr 2000 erinnerte sich Bowie an diese Songs, nahm sie mit seiner damaligen Band noch einmal auf und wollte sie unter dem Namen «Toy» veröffentlichen. Doch auch diese Neuinterpretationen aus Bowies Babyphase fanden bei den Plattenbossen keine Gnade. Bowie verkrachte sich mit ihnen, wechselte das Label und wandte sich neuen Projekten zu – «Toy» ging vergessen. Immerhin vier Stücke fanden in Special Editionen von «Heathen» (2002) Unterschlupf, einige wurden als B-Seiten verbraten, andere wurden Jahre später auf Best-of-Compilations veröffentlicht. Erst jetzt, zum 75. Geburtstag des verstorbenen Musikers, ist das ganze Paket des vergessenen Albums in seiner ganzen Pracht veröffentlicht worden.

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Von den zwölf Songs ist nur der ­Titelsong wirklich neu und bisher unveröffentlicht. Ein Schmuckstück mit einem wunderbar perlenden Klavierlauf. Auf der emotionalen Ballade «Shadow Man» flirtet Bowie charmant mit dem Kitsch. Zu den stärksten Stücken gehören weiter das originell arrangierte «Karma Man» und sowie die grossorchestralen «Conversation ­Piece» und vor allem «Silly Boy Blue». Aber eigentlich hat jedes Stück seinen Reiz und es ist aus heutiger Sicht schwer verständlich, weshalb die Songs damals durchgefallen sind. Dieser Meinung war offenbar auch Bowie.

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David Bowie hatte im Jahr 2000 die rockige Phase der 90er-Jahre ebenso hinter sich gelassen wie die technoiden Experimente. Aber auch von einem Retro-Touch ist in den Songs nur wenig zu spüren. Entstanden sind vielmehr zugängliche, bekömmliche und vor allem zeitlose Pop-Schmankerl. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Bowies Gesamtwerk eigentlich wie kein anderes den jeweiligen Zeitgeist reflektiert und auch explizit in diesem Kontext zu verstehen ist. «Toy» klingt dagegen wie Musik, die sich vom Diktat der Zeit befreit hat.

Unter dem Stichwort «vergessen» oder «verschollen» wird gerade in diesen Tagen viel Ramsch veröffentlicht, der zu Recht vergessen gegangen ist und nur der Geldmache dient. «Toy» fügt zu Bowies Künstlerbiografie nichts grundlegend Neues hinzu. Es füllt in seinem Gesamtwerk auch keine grosse Lücke. Aber selbst Bowie waren die Songs offenbar eine Herzensangelegenheit. Sie haben eine Chance verdient.

David Bowie: Toy (Warner). 3-CD-Box mit Bonus-Material und alternativen Remixes und Aufnahmen.

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