Kultur

Peter Handke wurde bei der Nobelpreisfeier geschont

Peter Handke erhält von König Carl Gustav den Nobelpreis für Literatur 2019. (Foto: Jonas Ekstromer/TT News Agency via AP/ 10.12.2019.)

Peter Handke erhält von König Carl Gustav den Nobelpreis für Literatur 2019. (Foto: Jonas Ekstromer/TT News Agency via AP/ 10.12.2019.)

Beim Überreichen der Nobelpreise in Oslo und Stockholm waren Krieg und Frieden an beiden Orten Thema.

Was für ein Gegensatz: In Oslo bekam gestern Nachmittag der äthiopische Ministerpräsident Abij Ahmed den Friedensnobelpreis für seine Versöhnungspolitik mit dem Nachbarland Eritrea überreicht: «Ich kroch auf meinem Weg zum Frieden durch staubige Schützengräben. Ich war ein junger Soldat, als der Krieg ausbrach zwischen Äthiopien und Eritrea. Ich habe aus erster Hand die Hässlichkeit des Kriegs in Schlachten an der Front erlebt.» Ein Mann also, der den Krieg selbst erlebt hat und daraus seinen unbedingten Willen zur Verständigung und zum Frieden ableitet. Was bedeute: Die eigene Maske der Arroganz und des Stolzes abzulegen sowie Vergebung und Versöhnung zu leben, sagte er in seiner Nobelpreisrede.

Und zwei Stunden später überreichte der schwedische König Carl Gustav dem Schriftsteller Peter Handke in Stockholm den Literaturnobelpreis. Einem Autor, der als wandernder Poet nach dem Krieg in Bosnien seine Beobachtungen und Empfindungen niederschrieb, der Kriegsverbrechen und die systematische Vertreibungspolitik Serbiens nicht wahrhaben wollte. Einem Autor, der 2006 am Begräbnis von Slobodan Milosevic, dem serbischen Präsidenten, Kriegstreiber und Dulder von Kriegsverbrechen, eine Rede hielt. Der Forderung von bosnischen Flüchtlingen, er solle sich dafür endlich entschuldigen, kam Handke nicht nach, weder an der Pressekonferenz am Freitag noch in seiner Nobelpreisrede am Samstag. In der Innenstadt Stockholms fanden sich zeitgleich einige Hundert Demonstrierende zusammen, die von Handke nochmals eine Entschuldigung verlangten.

Demonstration gegen Peter Handke in der Stockholmer Innenstadt. (Foto: EPA/Stina Stjernkvist/Stockholm, 10.12.2019)

Demonstration gegen Peter Handke in der Stockholmer Innenstadt. (Foto: EPA/Stina Stjernkvist/Stockholm, 10.12.2019)

Unklar bleibt, was literarische Zeitgenossenschaft sein soll

Auch in der gestrigen Zeremonie ging Peter Handkes Laudator, Literaturprofessor Anders Olsson, mit keinem Wort auf diesen Konflikt zwischen Literatur und Politik ein. Olsson lobte vielmehr den Sprachschöpfer Handke, der die Peripherie der Beobachtung zum Zentrum seines Schreibens gemacht habe. Der mit seinem Nonkonformismus Generationen von Autorinnen und Autoren beeinflusst habe. Alles das war in den letzten Wochen nie bestritten worden. Doch dann bezeichnete Olsson Peter Handke als einen «tief zeitgenössischen Autor», der sich mit dem väterlichen Erbe des von den Nazis pervertierten Österreich habe konfrontieren müssen. Und der, motiviert von der mütterlich-slowenischen Familienlinie, zu einer «anti-nationalistischen» Einstellung zu seiner Herkunft gefunden habe. Auf eine Erklärung, wie dies mit Handkes Texten zu den Balkankriegen und zur Grabrede auf den Supernationalisten Milosevic zu vereinen sei, wartete man in Olssons Rede vergeblich. Stattdessen fuhr er fort: «Handke ermöglicht es, dass eine Jagd durch ein Gestrüpp nach einer verlorenen Katze zu einem Hauptmotiv werden kann.» Das war wohl dem Höflichkeitsgebot der Feier geschuldet, grenzte aber an Realsatire.

Denn wenn man schon von Zeitgenossenschaft redet, müsste man die andere Literaturnobelpreisträgerin, Olga Tokarczuk, erwähnen. Ihr Laudator Per Wästberg sagte, in ihrem Werk schwinge das polnisch-jüdische Erbe und die Hoffnung auf ein Europa ohne Grenzen mit. Und: «Ihre Vereinigung von intensiver Verkörperung und vergänglicher Unwirklichkeit, intimer Beobachtung und mythologischer Besessenheit macht sie zu einer der originellsten Autorinnen der Gegenwart.»

Autor

Hansruedi Kugler

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