Interview
«Klimaneutral zu arbeiten ist überraschend einfach»: Der St.Galler Jazzbassist Marc Jenny kompensiert seit Anfang 2021 seine beruflichen CO2-Emissionen

Musiker Marc Jenny hofft, mit seinem Handeln Diskussionen anzuregen. Er ist überzeugt, dass viele Musikklubs, Festivals oder Musikschulen noch klimafreundlicher arbeiten könnten.

Urs-Peter Zwingli
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Der Bassist Marc Jenny arbeitet seit Anfang 2021 klimaneutral .

Der Bassist Marc Jenny arbeitet seit Anfang 2021 klimaneutral .

Bild: Benjamin Manser (St.Gallen, 14. Dezember 2017)

Der St.Galler Jazzbassist Marc Jenny ist seit 20 Jahren als selbstständiger Musiker tätig. Seit Anfang 2021 arbeitet der 45-Jährige klimaneutral. Dafür hat der Musiker seine beruflichen CO2-Emissionen eingeschränkt oder kompensiert. Im Gespräch erzählt Jenny, der aktuell in verschiedenen Bands spielt, wie sein Weg zur Klimaneutralität verlaufen ist.

Wie kamen Sie auf die Idee, klimaneutral zu arbeiten?

Marc Jenny: Ich arbeite Teilzeit als Co-Verlagsleiter beim Kulturmagazin «Saiten». Dieses haben wir 2020 auf Klimaneutralität umgestellt. Da habe ich gesehen, dass das relativ einfach geht und nicht viel kostet. Ausserdem kamen dadurch weitere Projekte ins Rollen. So stellte die Druckerei Niedermann – sie druckt das Kulturmagazin – nach einem Austausch mit uns ihre Dachfläche der Solar-Genossenschaft St.Gallen zur Verfügung. Diese konnte darauf eine Solaranlage bauen. Nach diesen Erlebnissen wollte ich auch als Musiker einen Beitrag leisten.

Wie CO2-intensiv ist denn Ihr Musikerleben?

Nicht wahnsinnig intensiv, da ich vor Jahren entschieden habe, dass ich keine internationale Karriere anstrebe. Das heisst, ich mache keine weiten Wege für meine Konzerte. Ich fliege nicht und, wenn immer möglich, reise ich mit dem ÖV an. Dahinter steht aber nicht nur der Gedanke des Klimaschutzes. Für mich macht es keinen Sinn, irgendwohin zu jetten, dort ein Konzert zu spielen und gleich wieder zu verreisen. Das schafft keinen Mehrwert. Mich interessiert es, über die Jahre regionale Netzwerke aufzubauen und nachhaltige Veränderungen anzustossen. Wobei, man könnte es auch anders sagen: Meine Popularität ist beschränkt, die Welt ruft nicht nach mir. Von solchen Konzertreisen würde einzig mein Ego profitieren.

Sie spielen Kontrabass. Ist das Instrument für den ÖV nicht etwas sperrig?

Den Kontrabass kann ich problemlos auf dem Rücken tragen und damit auch Velo fahren. Schwieriger wird es, wenn ich Verstärker oder Effektgeräte mitnehmen muss. Wenn es sein muss, kann ich dafür einen VW-Bus benutzen, den ich mit einer Fahrzeuggemeinschaft besitze. Immer wichtiger wird für mich das Sharing von Musikausrüstung. Wenn ich ein Konzert in einer anderen Stadt habe, kann ich oft beispielsweise Verstärker und Equipment von Bekannten vor Ort nutzen, statt eigenes Material mitzubringen. Dieser Gedanke steht noch am Anfang, er hat aber viel Potenzial.

Was waren neben dem Reisen weitere CO2-Verbraucher?

Die Heizung meines Ateliers, das sich in einem Altbau mit eher schlechter Isolation befindet. Diesen und weiteren Energieverbrauch habe ich mit Zahlungen an klimafreundliche Projekte kompensiert. Zusätzlich habe ich bei der Stadt St.Gallen vier Solarpanels gekauft. Diese decken den Energiebedarf meiner elektronischen Geräte im Atelier ab. Bei Geräten und meiner Musikausrüstung achte ich zudem darauf, gute Qualität zu kaufen und deren Lebensdauer durch Pflege und Reparaturen zu verlängern.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis nach der Umstellung?

Dass es einfacher ist, als man zuerst denkt. Ganz wichtig ist aber, dass ich mit meinem Handeln Diskussionen anregen will. Gerade auch im Musikbusiness. Musikklubs, Festivals, Musikschulen – viele könnten noch klimafreundlicher arbeiten. Wir Musiker können darauf hinwirken, dass das Realität wird.