Kunsthaus Zürich

Olafur Eliasson schafft aus der Klimakrise betörende Kunst

400 Quadratmeter gross ist die Licht-Nebel-Installation "Symbiotic Seeing" von Olafur Eliasson im Kunsthaus Zürich.

400 Quadratmeter gross ist die Licht-Nebel-Installation "Symbiotic Seeing" von Olafur Eliasson im Kunsthaus Zürich.

Olafur Eliasson bezirzt uns im Kunsthaus Zürich mit Licht, Schönheit und Tricks. Aber dahinter steckt die ernste Absicht eines grossen Künstlers, der auch Klima-Aktivist ist.

Man tappt berauscht und schwindlig im Dunkeln. Blau-gelb-weiss wallt der Nebel, in der Ecke erscheinen grüne Polarlichter, weiss-blau glitzern Strudel auf. Ist es ein wilder Himmel, oder sind wir in eine Unterwasserwelt gestürzt? Je mehr Menschen in den Raum drängen, desto wilder wallt der Nebel, desto dichter wird die Wolkendecke. Die Nebelmaschinen schnurren intensiver, es wird feuchter und der süssliche Geruch durchdringend. Um alle unsere Sinne zu bedienen – und zu betören –, erklingt dumpfe, viertönige Cellomusik. Deren Quelle findet man erst später: einen einarmigen Roboter, der einen Bogen über ein Instrument streicht.

Was in der Beschreibung wie eine Mischung aus Drogentrip, apokalyptischer Schreckensvision und Märchenrausch klingt, ist Kunst. Ist also grundsätzlich harmlos, aber nicht ohne ­Wirkung und mit beabsichtigten Nebenwirkungen. Es ist die neueste grossräumige Multimedia-Installation von Olafur Eliasson. «Symbiotic ­Seeing» hat er eigens für seine Schau im Kunsthaus Zürich entwickelt.

Der Zürcher Alltag aus der Sicht einer Kieselalge

Die Licht-Nebel-Trick-Installation ist nicht nur ein sinnliches Erlebnis, sondern auch ein artifizielles Klimamodell, das zeigt, wie wir Menschen nur schon mir unserem Dasein, mit unserer Körperwärme, ein komplexes System aufheizen können. «Aber es könnte auch eine Bazillensuppe sein oder eine Galaxy», sagt der Künstler. «Der Mensch ist nur Teil des Systems, und er ist schon gar nicht die Krönung.» Dafür will er die Besucher sensibilisieren.

Um das zu erreichen, setzt er auf die Kraft der Schönheit und die Wirkung von Überraschungen. Er verführt uns dazu, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten, beispielsweise aus der Sicht einer Kieselalge. Das Bild dieses Einzellers hat er bei seinen vielen, in einem wandgrossen Alphabet dokumentierten Recherchen in einem über 100-jährigen Buch des Zoologen Ernst Haeckel gefunden.

Also baute er eine solche kugelige Kieselalge aus Glas, setzt sie mal einzeln, mal hundertfach in abgedeckte Fenster, mit dem Effekt, dass sich die Aussenwelt darin wie in einer Kristallkugel verkehrt spiegelt. Das heisst, der Zürcher Alltag steht kopf. Der Wasserstrahl des Springbrunnes hinter dem Kunsthaus stürzt erst nach unten und steigt dann wie von Zauberhand gestärkt nach oben.

Olafur Eliasson vor dem "Algenfenster" aus Glaskugeln, die das Zürcher Aussenleben ins Kunsthaus spiegeln.

Olafur Eliasson vor dem "Algenfenster" aus Glaskugeln, die das Zürcher Aussenleben ins Kunsthaus spiegeln.

«Wir heben damit die Schwerkraft auf», kommentiert der Künstler grinsend. «Wir widerlegen übrigens nicht nur Newtons Gravitationslehre, sondern auch Darwins Evolutionstheorie.» Und meint damit: Wenn wir das Leben auf der Erde erhalten, das Artensterben stoppen wollen, so brauche es ein Miteinander, nicht den Sieg des Stärkeren. Mit seinen Worten: «Kooperation und Koexistenz statt Konfrontation.»

Populär, nachhaltig und erfolgreich

Olafur Eliasson ist seit 2019 Klimabotschafter der UNO, weil er seine Botschaften seit Jahren mit Aufsehen erregenden Installationen und populärer Leichtigkeit in die ganze Welt trägt. Wer seinen Sonnenaufgang in der Tate Modern in London gesehen, den schmelzenden Grönland-Eisblöcken in Kopenhagen und Paris oder dem ­gurgelnden Bach im Kunsthaus Zug ­gelauscht hat, trägt die Erlebnisse ein Leben lang mit sich.

Der 52-jährige Däne zählt zu den ganz Grossen der Gegenwartskunst, und seine Werke, die er mit einem 100-köpfigen Team im Berliner Studio konzipiert, gehören zu den aufwendigsten. Die Schau in Zürich wurde von zahlreichen Sponsoren ermöglicht. Über die Kosten bekommt man keine Auskunft, Kuratorin Mirjam Varadinis sagt gegenüber dieser Zeitung: «Die Ausstellung ist teuer, aber viel günstiger als eine Schau mit Klassikern.»

Olafur Eliasson vor den künstlerisch umgesetzten Wissenschaftsmodellen.

Olafur Eliasson vor den künstlerisch umgesetzten Wissenschaftsmodellen.

An altmeisterliche Akribie erinnern die so perfekt wie künstlerisch frei umgesetzten Wissenschaftsmodelle: Vom Globus bis zur Thermikspirale drehen und spiegeln sie sich. Man kann auch sie einfach naiv bestaunen oder ihnen forschend auf den Grund gehen.

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