Fotografie
Objektiv mit Haltung: Pascal Mora ist ein Dokumentarist der Zeit

Pascal Mora schoss 2015 das wichtigste Pressebild des Landes. Jetzt ist er als «Schweizer Fotograf des Jahres» nominiert. Eine Nahaufnahme.

Benno Tuchschmid
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Das Bild, das Mora die Nomination zum Schweizer Pressefotografen des Jahres einbrachte: Ein Fifa-Funktionär wird – bloss von einem weissen Leintuch verdeckt – aus dem Zürcher Luxushotel Baur au Lac abgeführt.

Das Bild, das Mora die Nomination zum Schweizer Pressefotografen des Jahres einbrachte: Ein Fifa-Funktionär wird – bloss von einem weissen Leintuch verdeckt – aus dem Zürcher Luxushotel Baur au Lac abgeführt.

KEYSTONE

Der Mann funktioniert wie eine Kamera. Sein Blick schwenkt durchs Café vom Kellner («Cappucino mit Wasser») zur Fotografin («festangestellt oder freischaffend?») aufs Handy. Rastlos, suchend. Wird ihm eine Frage gestellt, die ihn interessiert, fokussiert er – und drückt dann verbal ab. Pascal Mora spricht mit der Geschwindigkeit eines ratternden Kameraverschlusses.

«Die ‹New York Times› mailte mich an, ich hielt mir die Woche frei, sie gaben mir die richtige Info zum richtigen Zeitpunkt. Erst sass ich mit den ‹Times›-Journalisten in der Lobby, dann ging ich zum Seiteneingang, um 6.38 Uhr am 27. Mai schoss ich das Bild.»

Eine Ikone der Pressefotografie
Simpel. Wie das meiste, was Pascal Mora (32) an diesem Nachmittag zwischen Weihnachten und Neujahr in stakkato über seine Arbeit erzählt. Aber auch Mora weiss, dass es so simpel nicht war.

Das Resultat dieses verkürzten Ablaufs ist nicht weniger als das bedeutendste Schweizer Pressebild 2015. Vielleicht sogar der letzten fünf Jahre. Die Abführung verhafteter Fifa-Funktionäre. Via Seiteneingang des Zürcher Luxushotels Baur au Lac. Die mutmasslich korrupten Verbands-Vertreter diskret abgeschirmt mit einem weissen Leintuch. Symbolik. Seither befindet sich der Weltfussballverband im freien Fall. Pascal Mora ist in der Gegenrichtung unterwegs. Nomination zum «Schweizer Fotografen des Jahres», Folgeaufträge für die ‹New York Times›. Und eine Ikone der Pressefotografie im Portfolio.

Mit Mora über seine Fotografie zu diskutieren, ist unmöglich. Fragen nach der Bildkomposition im Fifa-Bild beantwortet Mora mit einem Schulterzucken. Fragen nach Vorbildern mit einem Seufzer. Sein Stil? Mora schnaubt. Und sagt dann: «Ehrlich, mein Stil ist ehrlich.» Der Blick schweift wieder durch den Raum.
«Auch ganz schön anstrengend»

Unrast gehört bei Mora zur Methode. Fabian Eberhard, Journalist bei der «SonntagsZeitung», hat mit Mora 2013 während der Gezi-Park-Proteste in Istanbul gearbeitet. Mora sei stets professionell, «aber auch ganz schön anstrengend». Auf der Suche nach dem besten Bild hetze er Journalisten durch die Gegend. Doch: «Trotz aller Hektik macht er sich stets Gedanken über die Geschehnisse hinter seinen Bildern. Er ist ein Fotograf mit Haltung.»

Mora ist einer dieser rastlosen Fotografen, die ihre Bilder nicht zum Selbstzweck schiessen. Ein Dokumentarist der Zeit, immer nach dem Puls der Welt suchend.
Diese Suche trieb ihn seit 2011 an Orte, an denen nicht mehr allzu viele Kollegen unterwegs waren. Die Suche trieb ihn in den Krieg. «Für die Generation vor mir war die Initialzündung der Bosnienkrieg. Für mich war es Libyen», sagt Mora. Er flog 2011 nach Kairo, mietete dort einen Fahrer, der ihn an die libysche Grenze brachte. Dann arbeitete sich der gelernte Tonträgerverkäufer aus Neuenhof bis nach Tripolis vor. Ohne Arabischkenntnisse, ohne Schutzweste, ohne Helm – und ohne Erfahrung.

«Das war vielleicht naiv, aber irgendwie muss man anfangen.» Seither kamen viele Brennpunkte der Umwälzungen im Nahen und Mittleren Osten dazu. Ägypten, Afghanistan, Syrien. Länder, in denen Berufskollegen von Mora den Tod fanden. Trotzdem sagt er: «Ich bin keine Rampensau.» Die Frontlinie interessiere ihn nicht. Er bewegt sich hinter ihr. Angst sei wichtig. «Sie leitet mich.» Seine Arbeitsweise sei vom Gedanken des Selbstschutzes mitbestimmt. «Ich verbrachte in Aleppo nicht den ganzen Tag in der Notaufnahme, wo pausenlos Menschen mit Schussverletzungen eingeliefert werden.» Eventuell leide er auch deshalb – «abgesehen von ein paar schlechten Träumen» – nicht an psychischen Folgeschäden.

Da sein, wenns zählt
Nach Syrien geht Mora nicht mehr. Die Lage ist ihm zu unübersichtlich geworden. Als er in Aleppo arbeitete, war der Frontverlauf auch schon schwer zu erkennen. Doch mit dem IS und den russischen Luftschlägen kann Mora Syrien für sich nicht mehr verantworten. «Und trotzdem finde ich, dass wir die Fotografen und Journalisten respektieren müssen, die immer noch nach Syrien reingehen. Sie bringen diesen Krieg an die Öffentlichkeit.»

Den Fotografen Mora gäbe es ohne seine Arbeit an den Brennpunkten dieser Welt nicht. Sein bisher berühmtestes Bild hat er ironischerweise im beschaulichen Zürich geschossen. Weil er das tat, was er immer tut: Da sein, wenn andere nicht da sind. Er war da, in einem dieser raren Momente, als in der Schweiz Weltgeschichte geschrieben wurde und die alte Fifa hinter einem weissen Leintuch in einen Opel Corsa verladen wurde.

Der Preis «Schweizer Fotograf des Jahres» wird am 8. Januar an der Photo 16 (8.1.–12.1.) in den Maag Hallen verliehen. http://www.photo-schweiz.ch

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