Kultur

Nominiert für den Schweizer Buchpreis: «Der Held» - ein Roman über Generäle, die auch nur Verbrecher sind

Karl Rühmann: Der Held. Roman. rüffer&rub, 258 Seiten.

Karl Rühmann: Der Held. Roman. rüffer&rub, 258 Seiten.

Ein Briefroman? Karl Rühmann gelingt mit seinem Roman «Der Held» das Kunststück, in das statische Genre eine spannende Dramaturgie einzubauen. Schauplatz ist Ex-Jugoslawien, es ist ein Psychodrama, Enthüllungskrimi und die Suche nach der Wahrheit.

Die Anfangsszene ist ein literarisches Glanzstück, das wie als Ouvertüre die zerrissene Emotionalität des am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag freigesprochenen Generals Modoran sowie dessen überhöhte nationalistische Bedeutung andeutet. Nach fünf Jahren Haft steigt er aus dem beim Anflug schrillen und scheuen, im Fernsehbild zitternden, jaulenden Flugzeug und weiss: Er will in Ruhe gelassen werden, sitzt aber in der Falle und muss die Rolle des Nationalhelden mitspielen. Schliesslich braucht man einen Helden, der das Leiden im Krieg legitimiert. Dass er auf einer Siegesfeier reden muss, wirft ihn in ein moralisches Dilemma, dem er ausweichen will.

In Den Haag hatte sich Modoran mit Oberst Bartok angefreundet. Beide waren hohe Offiziere auf verfeindeten Seiten eines schmutzigen Kriegs. Die Anklage lautete: Verantwortlich an einem Massaker an Zivilisten. Modoran wird freigesprochen, Bartok verurteilt. Beide hatten versucht, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben. Nach Modorans Rückkehr schreiben sie sich lange Briefe: «Das Unverständnis unserer Umgebung für unseren Umgang mit Schuld und Verantwortung hat uns einander nähergebracht», schreibt Modoran. Beide sind gebildet, eloquent, geben sich kultiviert und empathisch. Und sie sind sich einig, dass sie gefangen sind in der Helden- und Märtyrerverehrung. Zu Beginn hat man sogar ein wenig Mitleid mit ihnen. Sie schreiben über Schach, Knieschmerzen und Wildbienen – bis man merkt, dass sie taktierend um ihre Schuld herum schreiben. Das ist von Karl Rühmann raffiniert gemacht.

Gebannt folgt man der Geschichte aus Sicht der drei Hauptfiguren

«Der Held» ist bild- und symbolstark, voller Geschichten und düsterer Witze, einfühlsam und politisch hellwach. Das Dilemma des nationalistischen Heldentums ist ebenso spürbar wie die existenzielle Notwendigkeit für die Opfer, die Wahrheit hinter den pathetischen Floskeln zu erfahren. Diese Optik bringt die Kriegswitwe Ana ein, die dem Ex-General Modoran als Haushälterin dient und diesem erst bewundernd, dann ängstlich und schliesslich misstrauisch begegnet. Denn bald ahnt sie, dass dieser etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat, dem sie fortwährend Briefe schreibt.

Karl Rühmann lässt die Leser das Geschehen aus der Sicht der drei Hauptfiguren mitverfolgen: Die Offiziere im Briefwechsel, die Wahrheitssucherin Ana, die ihre Erlebnisse ihrem verstorbenen Mann schreibt. Spannend bleibt der Roman auch, weil Modorans und Bartoks Briefe jeweils am Gericht in Den Haag mitgelesen, aber nicht zensiert werden, sie juristisch Belastendes nur andeuten.

Als Leser ist man so in einer doppelten Spannung, emotional wie intellektuell: Einerseits erahnt man in den Briefen allmählich, dass sich hinter dem selbstbemitleidenden Briefstil eine Schuld versteckt, weshalb die Briefe immer gereizter, angriffiger, ja erpresserischer werden. Anderseits folgt man in der Einschätzung Modorans Ana, die bei ihm als Haushälterin angestellt wird. Sie liest heimlich die Briefe Bartoks an Modoran. Im anfänglich fürsorglichen, charismatischen und charmanten General ahnt sie mit der Zeit einen Verbrecher – und gerät in einen dramatischen Zwiespalt und in Gefahr. Kommt hinzu: Anas zwölfjähriger Sohn bewundert Modoran als Nationalhelden.

Die Siegesfeier, auf der Modoran sprechen soll, wird zum Tatbeweis. Bleibt das Gerede vom verlogenen Heldentum bloss Geschwätz oder wird er den notwendigen Satz «Wir hätten den Krieg verhindern, nicht gewinnen müssen» öffentlich sagen? Seine Rede wird er jedenfalls nicht halten.

Autor

Hansruedi Kugler

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