Trotz Krise

Nichts kann ihn stoppen: Wie der Zürcher Aviel Cahn die Genfer Oper zum «Opernhaus des Jahres» machte

Kaum in Genf Operndirektor geworden, wird der Zürcher Aviel Cahn für seine Arbeit hochgelobt.

Vor dem Hotel des Bergues unten am schönen Quai stehen die Bentleys und Ferraris wie eh und je in Reih und Glied, Zimmer gibt es dieser Tage nicht unter 755 Franken. Aber nur zwei Strassen weiter bieten zwei traditionelle Kleidergeschäfte ihre Waren im Ausverkauf an. 80 Prozent Rabatt auf schicke Sportkleidung hier, Kroko-Lederschuhe statt für 795 für 195 Franken dort.

Genf trifft die Coronakrise eben doch. Und genau jetzt eröffnet das Grand Théâtre ein kleines, todschickes Restaurant im rechten Flügel seiner Eingangshalle? «Kein idealer Zeitpunkt», sagt Operndirektor Aviel Cahn gelassen und rückt zur Verwunderung der «Café de Plage»-Kellnerin einen Vorhang zurecht, so, als sei der 46-Jährige auch hier im Pachtbetrieb der Hausherr.

Das Restaurant ist ein weiterer Schritt, die Genfer Oper den Menschen näher zu bringen, den Alltag in das grösste Opernhaus der Schweiz hereinzulassen. Erhält man die Rechnung, liegt darunter ein Flyer der aktuell gespielten Oper. «Ab 17 Franken» steht drauf, was so viel heisst:

Das ist die Message von Cahn an die Zufallsgäste. Als er Giacomo Meyerbeer «Hugenotten» spielte, warb er in der Pause mit «Das beste Bier für Meyerbeer» und schenkte ein Bier der Calvinus-Brauerei aus.

Multitalent Aviel Cahn: Vor seiner Karriere als Intendant studierte der Zürcher Recht und erlangte sogar einen Doktortitel.

Multitalent Aviel Cahn: Vor seiner Karriere als Intendant studierte der Zürcher Recht und erlangte sogar einen Doktortitel.

Es sind kleine Gesten – mit Wirkung. Erst ein Jahr ist er Operndirektor in Genf, aber jeder, der ins «Café de Plage» kommt, kennt Aviel Cahn. Ein «Hallo» hier, ein Schwatz da – und ein «Schade, kann Aline nicht kommen» dort. Zauberwort «Aline»… Aline Foriel-Destezet ist eine der reichsten Frauen Frankreichs und die grösste Mäzenin des Grand Théâtre.

Aber warum vom Geld und nicht von der Kunst reden? Nur wer noch ein Impresario wie Alexander Pereira gewohnt war, meinte, dass ein Operndirektor nichts anderes tun könne als tagaus, tagein über fehlendes Geld zu jammern.

Cahn hat das (viele) Geld klug genutzt – und die Blumen kamen postwendend. Sein Haus wurde zusammen mit Frankfurt zum «Opernhaus des Jahres» gewählt! Knapp 50 Kritiker stimmen jeweils im Magazin «Opernwelt» darüber ab: Wer gewinnt, schreibt sich den Titel auf den Briefkopf und in die E-Mail-Signatur. Fünf Stimmen gab es für Genf, fünf für Frankfurt.

Als Schweizer Haus hat man es schwerer als früher, muss die deutschen Kritiker dazu bringen, wieder und wieder zu reisen. Und nach Genf fahren selbst die Zürcher selten.

Dieses Jahr sind besonders wenige Stimmen auf Schweizer Institutionen gefallen, Zürich erhielt immerhin zwei Nominationen als Opernhaus des Jahres, Basel eine (Basel holte den begehrten Titel 2009 und 2010, Zürich noch nie). Aber in den 14 anderen Kategorien fielen die Schweizer Theater kaum auf. Die Zeit der reisenden Kritiker ist vorbei.

Abgehobenes Volkstheater zum Start der Ära

Cahn zeigte gleich zu Beginn, was in seinem Programm steckt: Er eröffnete mit «Einstein on the Beach» von Philip Glass, der Minimal-Music-Legende. Daniele Finzi Pasca, eben noch das Fête des Vignerons bespasst, zauberte mit seiner Theatertruppe eine Traumlandschaft auf die Bühne, dass man stundenlang aus dem Staunen nicht herauskam.

© Carole Parodi

Zum Glück dauerte die Vorstellung vier Stunden lang. Überforderung gehört auch zu Cahns Programm.

Sind seine Produktionen Kopfgeburten? In Belgien warf man ihm auch mal vor, er lasse Oper für die Kritiker spielen. Die steigenden Zuschauerzahlen an seiner Flämischen Oper in Antwerpen/Gent, wo er von 2009 bis 2019 Intendant war, widerlegten diesen Vorwurf. Auch in Genf ist Cahn bereits gut unterwegs – oder war es bis März.

Cahn spielt nicht Opern, weil man ein Repertoire halten muss, auch nicht weil man einem Sänger oder einem Hausregisseur eine Plattform geben will. Opern müssen bei Cahn im Idealfall zum Ort oder zu einer politischen wie sozialen Lage passen.

Corona bringt Cahn nicht durcheinander

Sein rationales Denken ist auch der Grund, dass ihn die Coronakrise nicht durcheinanderbringen würde. Das Genfer Sicherheitskonzept ist so rigoros wie nirgendwo sonst, und die zerrüttete Planung kann er am Bürotisch lösen. Im März hätte man die Uraufführung von «Reise der Hoffnung» gespielt, die Komposition nach dem legendären Film von Xavier Koller war fertig. Erst 2023 wird sie zu sehen sein.

Kein böser Wille, kein Abschieben der Moderne – im Gegenteil, denn 2022 steht bereits eine andere Uraufführung an. Zwei Uraufführungen pro Jahr wäre dann doch etwas viel für ein Opernpublikum, für Genfs Opernkulinariker sowieso. Bisher konnte man hier quasi à la carte wählen, schöne Produktionen mit tollen Sängern sehen.

Seit Mittwoch ist wieder alles anders. Cahn schliesst den grossen Saal für Opernvorstellungen und wird wohl sein Personal in die Kurzarbeit schicken müssen, obwohl er (unter Verlust) noch so gerne spielen würde. Aber er ärgert sich, dass der Kultursektor dämonisiert und in denselben Topf wie Clubs und Bordelle geschmissen wird: «Wir haben mit unseren Schutzkonzepten bewiesen, dass Theater und Konzerte keine Ansteckungsherde sind. Die Reduktion auf 50 Zuschauer ist scheinheilig und kommt einer Schliessung aller Theater gleich, die nicht kleinste Kleinkunst anbieten.»

Egoistisch gesehen wäre eine dreimonatige Pause für Cahn verkraftbar, weil die nächsten drei Produktionen zum Teil schon in Belgien gezeigt wurden – etwa «Pelléas et Mélisande» im Bühnenbild von Performancekünstlerin Marina Abramovic.

Mitte Februar geht es richtig los, dann wird Theaterstar Milo Rau erstmals eine Oper inszenieren, jener Regisseur, der laut Cahn so einflussreich sei, dass die «New York Times» alle zwei Monate über ihn schreibt:

Aviel Cahn Intendant der Genfer Oper

Aviel Cahn Intendant der Genfer Oper

Raus Engagement ist ein Coup. Cahn hat den Riecher und die Gabe, Künstler wie Rau oder Abramovic von der Oper zu überzeugen. «Ich sehe in ihren Werken etwas Theatrales», sagt er, «und rede viel mit ihnen. So kann man dieser Kunstform Impulse geben.» Filmregisseur Kornél Mundruczó hat Cahn genauso zur Oper gebracht wie Karin Henkel und Hollywood-Star Christoph Waltz. Und Cahn war nicht etwa Operndirektor in Wien oder Paris, sondern in Antwerpen.

Mundruczós geheimnisvolle Regie von Janaceks «Die Sache Makropulos» war noch diese Woche in Genf zu sehen: Im Orchestergraben stand der Dirigent – ganz allein. Man hatte ein Konzept mit verkleinerter Streichergruppe ausgearbeitet, damit die Bläser in gebührendem Abstand hätten spielen können. Das Orchester aber hatte Bedenken, lehnte ab. So griff man auf eine Aufnahme zurück, die man im Juli vorsichtshalber gemacht hatte – und drückte «Play». Tomáš Netopil dirigierte sein abwesendes Orchester, aber konnte die Sänger direkt lenken.

Janáčeks «Die Sache Makropulos» wurde vom Filmemacher Kornel Mundruczo in geheimnisvolle Bilder getaucht.

Janáčeks «Die Sache Makropulos» wurde vom Filmemacher Kornel Mundruczo in geheimnisvolle Bilder getaucht.

Die Regie der «Entführung aus dem Serail» wurde weggebuht

Der Premieren-Jubel war gross, aber nicht stereotyp überschäumend wie so oft in Zürich. In der «Opernwelt»-Umfrage, die Cahn zum Sieger erkor, schrieb ein Kritiker in der Rubrik «Ungewöhnliche Opernerfahrung»: «Der gleichbleibend frenetisch laute Premierenapplaus am Opernhaus Zürich.» In Genf ist es ruppiger, nüchterner. Mozarts «Entführung aus dem Serail» wurde letzte Saison weggebuht.

Cahn kann mit Widerspruch leben. Er macht zu vieles richtig. Er zeigte seine Art des Operndenkens bereits 2004 in Bern, wo er mit 30 Jahren Operndirektor wurde. Sein konsequentes Operndenken ist beeindruckend, aber macht keinen Sympathieträger aus ihm, er ist kein Menschenumarmer, wie etwa Alexander Pereira es trotz Sonnenkönig-Allüren war.

Zurzeit Intendant in Florenz: Alexander Pereira

Zurzeit Intendant in Florenz: Alexander Pereira

Aber nicht unwichtig: Cahn ist Zürcher, stand 2007/08 eine kurze und eher unglückliche Zeit dem Zürcher Kammerorchester vor, ehe er in der Opernwelt wieder Fuss fasste. Den Ruf, er wolle Direktor des Opernhauses Zürich werden, haftet ihm schon 20 Jahre lang an. Der Zürcher Verwaltungsrat wird nicht darum herumkommen, bald über und mit Aviel Cahn zu sprechen, 2025 wird der aktuelle Direktor nämlich abtreten.

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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