Muss das sein?
Der gefeierte Soulmusiker Seven singt jetzt auf Deutsch – kann das gut gehen?

Der 43-jährige Schweizer Soulbrother Seven feiert sein 20. Bühnenjubiläum und singt jetzt Deutsch-Pop: «Spinnsch denn du? Bisch nid ganz bache?»

Stefan Künzli
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Soulsänger Seven hat die Prioritäten verschoben.

Soulsänger Seven hat die Prioritäten verschoben.

Bild: Dario Zimmerli

«Spinnsch denn du? Bisch nid ganz bache?». Jan Dettwyler, der sich unter dem Künstlernamen Seven über die nördlichen Landesgrenzen hinaus einen exquisiten Ruf als Soul- und Funksänger erarbeitet hat, musste sich einiges anhören, als er den Entschluss fasste, von Englisch auf Deutsch zu wechseln. «Ich konnte mir das auch lange überhaupt nicht vorstellen», gibt er zu, «Funk und Soul hatten für mich englisch zu sein.»

Feuer gefangen hat er 2016, als er in der Fernsehsendung «Sing meinen Song, Deutschland» Nenas «99 Luftballons» interpretierte. Das Ergebnis gefiel ihm so sehr, dass er den Song in sein ­Liveprogramm aufnahm. Von seiner puristischen Haltung abgebracht hat ihn auch die Zeit mit den Fanta 4. «Thomas D. hat mir die deutsche Sprache entscheidend nähergebracht», sagt er. Das Abenteuer «Deutsch» war ein langer Prozess. «Es war, wie wenn einer, der bisher nur mit Wasserfarben gemalt hat, plötzlich den Filzstift entdeckt», sagt Seven. Seither sprudeln die Texte nur so aus ihm heraus.

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Im Laufe seiner 20-jährigen Karriere hat sich Seven immer wieder mit anderen Stilen beschäftigt. Mit Rock auf «The Art Is King», mit Opernhaftem auf «4 Colours». Seinem Ruf als dem Schweizer «Funk-Soulbrother» blieb er aber immer treu. Das neue Album «Ich bin mir sicher» markiert aber einen Paradigmenwechsel. Nicht nur wegen der Sprache – auch musikalisch.

Jan Dettwyler ist jetzt 43-jährig und Familienvater. Im Laufe der Jahre ist bei ihm das Bedürfnis nach Sinn und Bedeutung gewachsen. Er will sich mitteilen, seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen. Die englische Sprache setzte ihm dabei aber Grenzen. «Die deutsche Sprache eröffnet mir ganz neue Horizonte und Geschichten, die ich so noch nie erzählen konnte», sagt er, «dieses Album definiert mich sehr, das bin ich zu 100 Prozent.»

Lyrics first: Texte in den Vordergrund gerückt

Das Problem ist aber nicht die Sprache. Das Problem ist, dass sich in Sevens aktueller Musik die Prioritäten verschoben haben. Von der Musik zu den Texten. Seven hat deshalb für das Album «Ich bin mir sicher!» alles getan, um die Sprache in den Vordergrund zu rücken. Die Musik wurde radikal entschlackt und klingt gradliniger, schnörkelloser und einfacher. «Songdienlicher» nennt es Seven.

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Er war der Schweizer Soul-Funkbrother schlechthin. Wo Seven draufstand, waren Soul und Funk drin. Das gilt heute nicht mehr. Funky Elemente finden wir eigentlich nur noch in «Lasst Uns Anders Sein». Seven nennt seine aktuelle Musik Pop-Soul, eine coole Hochzeit von amerikanischem R’n’B und Deutsch-Pop. Tatsächlich hört man seine Herkunft als Soulsänger und Songs wie «Königin», «Geh mach Erinnerung», «Alleine» oder «Zu Zweit» gehen durchaus als R’n’B- oder Soulsongs durch.

Die grosse Mehrheit der Songs reiht sich aber im weiten Feld des Deutsch-Pop ein. Dort, wo sich Interpreten wie Marc Forster, Tim Bendzko, Andreas Bourani und Max Giesinger tummeln, die alle auch eine kleinere bis grössere Portion Soul in ihre Musik mischen.

Das Problem ist auch nicht die stilistische Neuausrichtung. Das Problem ist, dass Seven ein viel, viel besserer Sänger als Texter ist. Mit dem Gewicht auf der Sprache setzt er nicht nur seine Marke aufs Spiel, sondern setzt die Gewichte falsch. Statt seine herausragende Stärke zu betonen, schwimmt er mit vielen anderen im grossen Teich des Deutsch-Pop. Und macht sich austauschbar.

Stehen kommerzielle Überlegungen hinter dem Wechsel?

Deutsch-Pop ist in unserem nördlichen Nachbarland heute viel beliebter als funky Soul. Das weiss natürlich auch Seven, der in Berlin eine kleine Zweitwohnung besitzt und sich rund einen Drittel des Jahres in Deutschland aufhält. Kommerzielle Beweggründe, die Aussicht auf eine Ausweitung seiner Anhängerschaft versprechen, bestreitet der Schweizer Sänger aber vehement. Das Risiko, mit Deutsch durchzufallen, schätzt Seven viel grösser ein. «Es wäre einfacher gewesen, so weiterzumachen wie bisher», sagt er.

Seven hat Gegenwind erwartet. Er wusste, dass der Stil- und Sprachenwechsel auch oder erst recht bei seiner Anhängerschaft Fragen aufwirft und Skepsis hervorruft. Mit dem Albumtitel «Ich bin mir sicher» nimmt er denn auch eine Verteidigungshaltung ein. Der Albumtitel ist die Antwort für all die Skeptiker. «Ich bin sicher, dass Hochdeutsch für mich jetzt stimmt und richtig ist. Ich bin glücklich, dass ich mit beiden Farben auf der Palette pinseln kann», sagt er.

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Und doch: So sicher scheint er sich nicht zu sein. Denn für seine Live-Tournee verspricht er, die neuen Songs mit der alten Seven-Welt in Einklang zu bringen. Die hochkarätige Band mit der ehemaligen Prince-Keyboarderin Rose Ann Dimalanta und dem gefragten Schlagzeuger Massimo Buonanno ist jedenfalls weitgehend dieselbe geblieben. Der Song «Lass uns anders sein» zum Beispiel, soll live zu einer zehnminütigen Funkparty werden. Live wird Sieben wieder zu Seven.

Wie geht es weiter? Bleibt Seven bei Hochdeutsch? «Englisch, Hochdeutsch, Mundart. Keine Ahnung, wohin die Reise geht», sagt Seven und will für die Zukunft nichts ausschliessen. Vielleicht sind Deutsch und Deutsch-Pop ja nur eine Episode, nur ein Kapitel in der Karriere des Funk-Soulbrothers.

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Seven: Ich bin mir sicher! (phonag).
Erscheint am 4. Februar.
Livetour:
5.2. KKL Luzern (ausverkauft);
10.2. Nordportal Baden (Zusatzshow);
12.2. Casino Herisau;
17.2. Bierhübeli Bern;
19.2. Volkshaus Zürich;
25.2. Volkshaus Basel.
Fernsehen: «Sing meinen Song – das Schweizer Tauschkonzert» startet demnächst auf TV-Sender 3+.