Die grosse amerikanische Komponistin und Arrangeurin Maria Schneider lobte Cinzia Catania überschwänglich: «Du hast mit deinen Kompositionen eine eigene Sprache gefunden und mit deinem Gesang eine eigene Stimme.»

Schneider ist beeindruckt von der Eigenständigkeit der Schweizer Musikerin und ist vor allem von der musikalischen Umsetzung, aber auch von den Lyrics auf ihrem Album «Anatomy Of Melancholy» begeistert. Cinzia Catania und Maria Schneider sind sich am Generations Festival in Frauenfeld begegnet, wo die berühmte Amerikanerin einen Kompositions-Workshop mit ausgewählten Schweizer Komponisten hielt.

Cinzia Catania - Anatomy of Melancholy:

Dabei wurde die mit allen Wassern gewaschene 57-jährige Amerikanerin gerade von Catanias Stück besonders gefordert, denn es war gespickt mit ungeraden Rhythmen und Rhythmuswechseln. «Als Dirigentin brachte es mich an meine Grenzen», gestand Schneider.

Internationalen Kompositions-Wettbewerb gewonnen

International hat die 30-jährige, in Zürich wohnhafte Cinzia Catania vor einem Jahr schon einmal auf sich aufmerksam gemacht, als sie beim Kompositionswettbewerb «Jazz Comp Graz» den 1. Preis sowie den Publikumspreis gewann. Das Lob von Maria Schneider wiegt aber mindestens so stark, denn die mehrfach Grammy-gekrönte Maria Schneider ist in ihrem Fach seit Jahren das Mass aller Dinge. Sie ist die Königin des Grossorchestralen und ihr Urteil adelt die Schweizer Jazzmusikerin.

Es läuft gut für die aufstrebende, ambitionierte Künstlerin. In diesen Tagen ist das Album «Anatomy Of Melancholy» erschienen, das sie mit ihrer Band dank der Unterstützung von SRF aufnehmen konnte. Ungerade Rhythmen und Rhythmuswechsel gibt es auch hier, besonders auffällig auf dem Titelstück. Doch insgesamt fliessen die neun Stücke organisch und dringen leicht und luftig ins Ohr. Cinzia Catania macht keinen experimentellen Avantgarde-Jazz.

Struktur, singbare Melodien und Groove sind ihr wichtig. Catania spielt mit ihrem Quartett aktuellen Jazz mit einer grossen stilistischen Breite. Ihre Musik durchweht eine sanfte Melancholie. Gleichzeitig ist sie von jener mediterranen Lebenslust getragen, die auf die sizilianischen Wurzeln ihrer Familie hinweist. «Die Beschäftigung mit meinen Wurzeln hat mir geholfen, mutiger zu werden, auszubrechen und meine Stimme zu finden», sagt sie.

Am deutlichsten wird das in «a Vulpi», im einzigen italienischen Stück, bei dem mediterran-orientalisches Flair durchschimmert. Für eine Jazzsängerin hat Catania eine sehr klare, hohe Stimme, mit der sie in luftigste Höhen aufschwingen kann. Virtuos wechselt sie zwischen Bauch- und Bruststimme. Dazu versteht sie es ausgezeichnet, mit Farben, Finessen und Nuancen zu spielen. «Mit meiner Stimme könnte ich problemlos klassische Kunstmusik singen. Das kam für mich aber nicht infrage», sagt sie.

Cinzia Catania Collective 'A Vulpi

Während der Ausbildung war ihre jazzuntypische Stimme für sie ein Problem. «Zu klar, zu wenig kaputt, zu hoch. Ich konnte mich an niemandem orientieren und es war für mich schwierig, Stimmen genau zu imitieren. Es widerstrebte mir aber auch, weil ich etwas Eigenes suchte», sagt sie. Heute weiss sie, dass genau diese spezielle Stimme ein Vorteil ist.

Die in Lenzburg aufgewachsene Musikerin war eine Spätzünderin. Erst in der Kantonsschule wurde sie vom Jazzvirus erfasst. Auslöser war ihre Teilnahme beim Festival Jazzaar in Aarau, wo der Jazznachwuchs eine Woche lang mit amerikanischen Jazzstars probt. «Ich wusste damals, dass ich auf die Karte Musik setzen will, mir fehlten aber die musiktheoretischen Grundlagen. Ich musste zuerst alles nachholen», sagt sie.

Schliesslich begann sie ein Studium am Konservatorium in Groningen und folgte bald ihrer Lehrerin und Mentorin, der Amerikanerin Dena DeRose, an das renommierte Jazzinstitut nach Graz, wo sie den Jazzgesang mit der Höchstnote abschloss. An der Hochschule in Luzern machte sie dann zuerst den Master in Pädagogik, im Juni dieses Jahres folgte auch noch der Master in Komposition bei Ed Partyka und Dieter Ammann.

Das Ausland ruft

Heute arbeitet sie in einem Teilpensum an den Musikschulen in Birr, Kölliken und Safenwil, will aber vor allem auf die Bühne. «Das ist erst der Start. Ich habe erst angefangen», sagt sie. Das Ausland ruft: Graz, Wien, Berlin und Riga stehen zuoberst auf ihrer Liste, und dann folgt Italien. Nach Andreas Schaerer, Elina Duni, Erika Stucky, Luzia Cadotsch, Susanne Abbühl und Sarah Buechi ist Cinzia Catania eine weitere Schweizer Stimme mit internationalem Potenzial. «Ich musste immer hart arbeiten», sagte sie, «aber ich bin sehr stur und eigensinnig. Wenn ich etwas will, dann mache ich es, bis ich es kann.» Langsam, langsam wird die Schweizer Jazzhoffnung für ihre Hartnäckigkeit belohnt.

Cinzia Catania: «Anatomy Of Melancholy» (QFTF). Live: 5. 12. FHNW Windisch.