Flamenco Jazz

Viva España! Der Bastard Flamenco Jazz ist um ein wunderbares Kapitel reicher

Chick Corea (78): «Meine Wurzeln sind italienisch, aber mein Herz gehört Spanien.» Rutkowski

Chick Corea (78): «Meine Wurzeln sind italienisch, aber mein Herz gehört Spanien.» Rutkowski

Flamenco Jazz hat sich zu einem eigenständigen Genre entwickelt. Jetzt fügt Chick Corea ein neues Kapitel hinzu.

Die Liebe war einseitig. Amerikanische Jazzmusiker hatten schon früh mit spanischer Volksmusik geflirtet. Kastagnetten hatten es Charles Mingus («Isabel’s Table Dance», 1957) angetan. Und was Miles Davis mit «Flamenco Sketches» 1959 begann, wurde 1961 mit «Sketches of Spain» fortgesetzt. Auch John Coltrane zeigte 1963 mit «Olé» seine Zuneigung zur iberischen Musik. Doch die Liebe wurde im konservativen Spanien von Diktator Franco nicht erwidert. Eine engstirnige Flamenco-Polizei achtete stattdessen eifersüchtig auf die Reinheit der spanischen Nationalmusik.

Dabei ist Flamenco wie der Jazz ein Bastard. Importiert von spanischen Gitanos, die nordafrikanische, jüdische und wahrscheinlich auch afrikanische Musikeinflüsse nach Andalusien, auf das europäische Festland, brachten. Umgekehrt wollten auch spanische Jazzmusiker nichts mit Flamenco zu tun haben. Jazz stand für Weltoffenheit, Flamenco für Rückständigkeit und Konservativismus.

Aufbruch

Das Potenzial und die Verwandtschaft von Flamenco und Jazz erkannte Jazz-Papst Joachim Ernst Berendt. Doch hatte er Ende der 60er-Jahre bezeichnenderweise einige Mühe, für seine Konzert-Serie «Jazz Meets The World» spanische Musiker zu finden, die sich in beiden musikalischen Welten auskannten. Der Einzige war der Saxofonist Pedro Iturralde, in dessen Quintett der aus Aarau stammende Bassist Erich Peter spielte. Mit dabei war ein damals völlig unbekannter Gitarrist: Paco de Lucia, der spätere Erneuerer des Flamencos.

Das kühle Verhältnis zwischen den Genres änderte sich erst nach dem Tod von Diktator Franco 1975, der demokratischen Transformation und den ersten Wahlen 1977. Vieles kam in Bewegung, vieles wurde infrage gestellt und ausprobiert. Von dieser Aufbruchstimmung profitierten die experimentierfreudigen Musiker um den Gitarristen Paco de Lucia, die auf der Basis der Flamenco-Tradition neue klangliche Möglichkeiten ausloteten und den Flamenco Nuevo schufen.

Befruchtende Wechselwirkung

Musiker wie der Flötist und Saxofonist Jorge Pardo, der Pianist Chano Domínguez und die Gitarristen Gerardo Núñez und Tomatito zeigten sich endlich auch gegenüber den Annäherungsversuchen der US-Jazzmusiker aufgeschlossen und entwickelten eine Form von Fusion, die sich melodisch, thematisch und rhythmisch beim Flamenco bediente, harmonisch und improvisatorisch aber am Jazz orientierte.

Meilensteine des Jazz und Flamenco (die Alben auf Spotify können Sie ganz unten im Artikel anhören):

Von der spanischen Musik angezogen, fühlte sich auch der amerikanische Pianist Chick Corea. «Meine Wurzeln sind italienisch, aber mein Herz gehört Spanien», sagt er und komponiert 1971 «Spain», eine fulminante Liebeserklärung an Spanien, die sich zum Hit entwickelt. Fünf Jahre später folgte mit «My Spanish Heart» der nächste Schritt. Ein Doppelalbum, das den damaligen elektronischen Fusion-Jazz mit Flamenco-Elementen, spanisch eingefärbten Melodielinien und lateinamerikanischen Rhythmen kombinierte. «My Spanish Heart» wurde zum Klassiker und zu einem Bestseller, der sich sogar in den amerikanischen Pop-Charts platzieren konnte.

Der Ansatz blieb zunächst jazzig. Das änderte sich erst mit der Zusammenarbeit von Paco de Lucia mit Chick Corea («Touchstone», 1981) und im Gitarren-Trio mit Al Di Meola und John McLaughlin. Eine befruchtende Wechselwirkung über den Atlantik setzte ein, Flamenco- und Jazzmusiker begegneten sich auf Augenhöhe und entwickelten mit dem Flamenco Jazz einen Stil, der sich explizit auf seine europäischen Wurzeln beruft und heute als eigenständiges Genre des Jazz betrachtet wird.

Neue Interpretationen

Gemäss dem Latin-Publizisten Torsten Esser ist Flamenco Jazz seit der Produktion Jazzpaña II von 2000 voll entwickelt. Auf dieser Basis hat nun auch Chick Corea eine neue Band, «The Spanish Heart Band», zusammengestellt und seine Flamenco-Exkurse neu arrangiert und interpretiert.

Im Gegensatz zu «My Spanish Heart» von 1976, das sich noch am elektrischen Fusion-Jazz orientiere, ist die Neuauflage weitgehend akustisch. Den grössten Unterschied aber macht die Band aus: Mit dem Flötisten Jorge Pardo hat Corea einen Pionier des Flamenco Jazz und mit dem 45-jährigen Roma-Gitarristen Niño Josele den neuen Star des Nuevo Flamenco für sein Projekt gewinnen können. Ein Ereignis ist zudem der Flamenco-Tänzer Nino de los Reyes, der auf «Zyryab» und «Admiration» in die Rhythmusgruppe integriert ist und für Perkussions-Salven sorgt. Eröffnet wird das Album aber mit lateinamerikanischen Rhythmen und dem Stargast, dem panamaischen Sänger, Schauspieler und Politiker Rubén Blades, der englische und spanische Lyrics zur neuen Version von «My Spanish Heart» singt. Der Bastard Flamenco Jazz ist um ein wunderbares Kapitel reicher.

Meilensteine des Jazz und Flamenco:








Meilensteine des Jazz und Flamenco

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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