Swiss Music Awards
Viel Schein und etwas Glanz: Die Schweizer Musikszene feiert sich selber

Zum ersten Mal wurden die Swiss Music Awards in Luzern verliehen. Es gab viel Schein und Glanz und mit Loco Escrito sogar einen überraschenden Sieger.

Michael Graber
Merken
Drucken
Teilen
Marius Bear (Best Talent)
13 Bilder
Loco Escrito (Best Hit)
Sein «Adios» schlug Lo & Leducs «079».
Bligg (Best Male und Best Album)
Steff la Cheffe (Best Female)
Lo & Leduc (Best Group)
Härz (Best Breaking Act)
Swiss Music Awards 2019
Black Sea Dahu (Artist Award)
Der Auftritt von Billie Eilish.
Die US-Amerikanerin kam in der orangen Weste.
Stefan Büsser zog (fast) blank.
Rap-Trio Flocon, Stress, and Danitsa.

Marius Bear (Best Talent)

URS FLUEELER

«Keine Panik auf der Titanic». Der Weg an den Swiss Music Awards (SMA) über den roten Teppich ins KKL startet auf dem «Diamant». Das Schiff hätte kaum passender gewählt werden können – 2017 schlug es Leck und drohte zu sinken. Mittlerweile schwimmt es wieder, einer aufwendigen Rettung sei Dank.

«Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff» wollen auch die SMA sagen. Die Musikbranche hat schon lange Leck geschlagen und doch spielt das Orchester tapfer weiter. Mit viel Pomp und Glamour versuchen die SMA zu kaschieren, dass das Schiff in Schräglage ist.

Nach elf Ausgaben in Zürich zog der wichtigste Musikpreis ins KKL Luzern und – auf den «Diamant». Geklatscht wurde mit schweizerischer Zurückhaltung, dafür wurden zahlreiche Selfies geknipst und richtig laut wurde es bei der Amerikanerin Billie Eilish.

Internaionale Preise überflüssig

Ihr Auftritt verlieh der Show etwas internationales Flair – auch wenn die SMA mittlerweile begriffen haben, dass die internationalen Preise bestenfalls eine Nebenrolle haben. Sie werden rassig runtergerattert – und Eminem (was für eine Überraschung?) kam nicht ins KKL, um seinen Award abzuholen.

Zusammengefasst könnte man sagen, dass der Event ohne grössere Überraschung verlief. Lo & Leduc (Best Group) und Bligg (Best Male und Best Album mit Kombination) siegten je zweimal. Emilie Zoé (Best Act Romandie) The Gardener & The Tree (Best Live Act), Sina (Outstanding Achievement Award), Steff la Cheffe (Best Female) und Marius Bear (Best Talent) je einmal. Die Ausnahme waren Black Sea Dahu (durch andere Künstler bestimmt) sowie Loco Escrito, der Lo & Leducs «079» schlug. Ausschlaggebend war hier Publikumsvoting.

Mehr Mut täte dem SMA ganz generell gut. Moderator Stefan Büsser hält es beispielsweise immer noch für witzig, mit heruntergelassenen Hosen (inklusive lustiger Unterhose) zu moderieren.

Berühren tut die Award-Show nur dann, wenn die Freude der Sieger spürbar wird. «Sprachlos. Tränen. Häähhh», fassten etwa Härz auf der Bühne ihre Gefühlslage zusammen. Oder Marius Bear, der nett-grummlige Appenzeller. «Ich bin am Zittern wie ein nasser Hund. Wem soll ich nur alles Danke sagen?» Am Schluss kämpfte er mit den Tränen. Das hatte fast schon Oscar-Format. Zumindest ein bisschen.

Richtig gut war auch die Dankesrede von Loco Escrito, die so von Herzen gekommen ist, dass der innere Filter auch ein paar Fluchwörter durchrutschen liess. Er arbeite daran, dass er seiner Mutter ein Haus kaufen könne – wenn sie es nicht selber wolle, könne man die Wohnung auch einfach vermieten.

Die stärksten Momente

Bezeichnend ist, dass der Award die wirklich starken Momente dann hat, wenn er das Skript verlässt und es einfach passieren lässt. In ihrer Laudatio auf Sina sagt Ständerätin Pascale Bruderer, dass sie «so echt» sei. Das stimmt.

Genau diese Echtheit ist der Trumpf von Schweizer Musik – all die derzeit erfolgreichen Schweizer Acts singen Mundart. Doch die SMA wollen lieber eine Scheinwelt abbilden. Vielleicht könnte man im nächsten Jahr die Awards auf einem Schiff verleihen. Auf der «Diamant» zum Beispiel.

«Ich bin nicht sonderlich Award-geil»

Marius Bear, den Soul-Brummler aus dem Appenzellerland, erreichen wir am Sonntagmorgen bei Kaffee und Brötli.

War es eine kurze Nacht?

Marius Bear: Eher. Ich bin um halb Vier ins Bett gekommen und um halb Neun hat der Wecker schon wieder geklingelt. Aufstehen war aber kein Problem, nach einem solchen Abend kann man gar nicht lange schlafen.

War Einschlafen schwieriger als das Aufstehen?

Nicht unbedingt. (lacht). Ich hatte schon in bisschen was getrunken – da schlafe ich jeweils schnell ein.

Wie überrascht waren Sie?

Ich wusste, dass viele Leute für mich gevotet haben. Vom Dorfladenbesitzer bis zum Kollegen vom Kollegen vom Kollegen.

Eine Rede hatten Sie aber trotzdem nicht vorbereitet?

Nein. Ich finde, dass muss in solchen Momenten aus dem Bauch kommen. Ich wurde aber schon ein bisschen nervös, als ich sah, dass alle anderen Listen haben mit Namen von Leuten, denen sie danken wollen.

Und dann kommen Sie und sagen, «ich zittere wie ein nasser Hund».

Habe ich das wirklich gesagt? Weiss ich gar nicht mehr. Ich war sehr überwältigt.

Was bedeutet die Auszeichnung als «Best Talent»?

Das ist ein geniales Sprungbrett für mich. Es kommt zu einem idealen Zeitpunkt: Bald erscheint meine Single und das gibt schon noch einmal Schub.

Was ist wichtiger: Die Wirkung oder das Preisgeld von 10'000 Franken?

Sicher die Aufmerksamkeit. Geld hat man schnell aufgebraucht. Ich habe auch gesagt, dass ich jedem meiner Musiker etwas abgebe. Alles was jetzt mit medialer Beachtung und Airplay am Radio abgeht, ist ungleich wertvoller.

Fühlen Sie sich noch als «Talent»? Sind Sie nicht einen Schritt weiter?

Talent ist ja etwas, dass man das Leben lang behält – das passt schon.

Nächsten Jahr «Best Breaking Act»?

Ich bin nicht sonderlich Award-geil, aber wenn ich wieder gewinne, freue ich mich wie ein kleiner Bube. (mg)

Live: 27.2. Kaserne Basel; 20.3. Cubus Birrhard; 6.4. Salzhaus Brugg.