Pop
Verführt mit Pop und pinkfarbenem Plastik

«Masseduction» heisst das neue Album des Pop-Gesamtkunstwerks St. Vincent. Eine Begegnung in London.

Steffen Rüth
Drucken
Die Kunst der Verführung beherrscht Pop-Sängerin St. Vincent auch schweigend.Nedda Afsari

Die Kunst der Verführung beherrscht Pop-Sängerin St. Vincent auch schweigend.Nedda Afsari

«Ich dachte, auf diese Weise ist es interessanter für uns zwei, als wenn wir uns einfach in einer Hotellobby zusammengesetzt hätten», sagt Annie Clark alias St. Vincent und untertreibt. Denn die Interviewsituation ist, vorsichtig formuliert, schräg. Man sitzt in einem heissen, stickigen, in pinkfarbene Holzwände eingefassten Verhau. Hier sitzt auch – mit ernstem Gesichtsausdruck: St. Vincent. Das Haar trägt sie neuerdings in einem strengen, schwarzen Pagenschnitt, und obgleich im Hintergrund von Clark selbst komponierte Entspannungsmusik läuft, fühlt man sich wie ein Schüler, der von der Lehrerin zum Rapport bestellt wird.

Macht und Verführung

Ein Eindruck, der wohl auch so gewünscht ist. «Ich wusste, dass ich ein Album machen wollte über Macht und Verführung», so St. Vincent, die mit kerzengeradem Rücken und als derart personifizierte Performance auch visuell dem Ansinnen von «Masseduction» entspricht, ihrem nunmehr fünften Album. Man kann also gar nicht anders, als diese gerade 35 Jahre alt gewordene gebürtige Texanerin, die dann im Gespräch zuweilen sehr herzlich und zugewandt wirkt, zumindest ein klein wenig zu fürchten – und gleichzeitig die Situation als solche recht sinnlich zu finden. «Ich habe Macht», sagt sie, «denn ich kann Dinge mit meinen Händen und meinem Kopf erschaffen. Und Verführung fasziniert mich, da sie sowohl positiv als auch negativ besetzt ist. Verführung kann Missbrauch und Manipulation beinhalten oder auch Lust und Liebe.» Man merkt: St. Vincent setzt sich mit ihrem Schaffen auseinander.

Musik und Mensch als Einheit

Musik und Mensch fliessen zu einer echten Einheit zusammen. Zu ihren wichtigsten künstlerischen Einflüssen zählen Nick Cave (ihren Künstlernamen hat sie aus einer Zeile des Cave-Songs «There She Goes My Beautiful World») sowie der Filmemacher David Lynch, aus dessen verschachteltem Œuvre («Twin Peaks») man oft auch nicht schlau wird.

Unmissverständlich grandios jedenfalls ist «Masseduction» («Massenverführung») als solches. St. Vincent, die «durch meine unbändige Liebe zu Pearl Jam und Nirvana» mit neun zur Gitarre und wenig später zum Songschreiben kam, hat nach dem Grammy-Gewinn des Vorgängers «St. Vincent» (2014) gemeinsam mit dem Produzenten Jack Antonoff (Lorde, Taylor Swift) die Gitarren bis zur Unkenntlichkeit durch den Verzerrer gejagt, viele programmierte Beats eingebaut, und sie singt wie eine junge Göttin. Festnageln lässt sich St. Vincent, man ahnt es, nicht. Und so ist auch praktische jeder der Songs sein eigenes Universum. «Ich bin superfroh, wenn meine Mitmusiker meine Songs anders interpretieren, als ich sie gedacht habe. Das macht Kunst spannend. Solange niemand denkt, ich sei Antifeministin oder Rassistin, sind mir alle Interpretationen angenehm.»

Nüchtern während der Arbeit

Aufgenommen hat St. Vincent die Platte in New York und Los Angeles, in einer Art innerer Einkehr. «Ich war monatelang knallnüchtern und keusch wie eine Nonne», sagt sie und lacht endlich mal, «wenn ich nicht hundert Prozent fokussiert bin, kann ich nichts Gescheites zustande bringen.» Kleine Kunstpause. «Jetzt wird das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen.»

Auf dem Album sei sie so nah an sich selbst herangegangen wie nie zuvor. «So nah, dass ich seit Monaten nicht mehr in meiner New Yorker Wohnung war, weil ich Abstand von mir selbst brauchte.» Ob also etwa das Uptempo-Electro-Drama «Los Ageless» oder die herrliche Pop-Hymne «New York» («I have lost a hero / I have lost a friend / but for you darling / I’d do it all again») von der gut einjährigen Liaison mit Model/Schauspielerin Cara Delevingne befeuert wurden? Da bleibt die Künstlerin, die als Partnerin von Delevingne plötzlich ihr Privatleben in der Öffentlichkeit ausgebreitet sah, einigermassen vage. «New York» jedenfalls, sei eine eher grundsätzliche Liebeserklärung an die Stadt und einzelne Menschen. «Fast jede Zeile bezieht sich auf jemand anders. Sollen die Leute ruhig spekulieren. Ich verrate nichts.»

St. Vincent: «Masseduction». (Caroline)